Monate in Bremerhaven gestrandet: Seeleute vor Heimkehr nach Kiribati

Ein Mann mit nacktem Oberkörper und Tattoo macht ein Selfie vor Felsen und Wasser.
Bild: Abemwa Abetenoko

Fünf Seeleute aus dem südpazifischen Kiribati saßen wegen Corona erst in Bremerhaven fest, dann strandeten sie auf Fidschi. Nun naht ihre Heimkehr – nach anderthalbjähriger Irrfahrt.

Monatelang von zu Hause weg zu sein – das kennen Seeleute. Während der Corona-Pandemie sind einige von ihnen allerdings noch viel länger nicht nach Hause gekommen. Zum Beispiel fünf Männer aus Kiribati. Der kleine Inselstaat im Südpazifik verhängte einen strikten Einreisestopp. Das Virus sollte nicht eingeschleppt werden. Die Seeleute waren deshalb anderthalb Jahre nicht zu Hause und steckten monatelang am anderen Ende der Erde fest – in Bremerhaven. Im Januar traten sie voller Hoffnung die Heimreise an. Doch unterwegs strandeten sie erneut.

Männer baden zwischen Felsen im Wasser.
Was nach Urlaub aussieht, ist für die Seeleute Zeittotschlagen. Bild: Abemwa Abetenoko

Junge Männer springen von einer Klippe ins grün-blaue Wasser, baden, haben Spaß. Die Videos und Fotos, die Abemwa Abetenoko schickt, wirken wie Sommerurlaub. Doch in Wahrheit schlagen die Seeleute Zeit tot, wären viel lieber woanders. Sie hängen auf Fidschi fest.

Hier auf Fidschi verbringen wir viel Zeit mit unseren Kollegen, singen zusammen, gehen zum Wasserfall. Jeden Nachmittag gehen wir raus, spielen Fußball und Volleyball. Und natürlich Billard. Quasi jeden Tag.

Ein Mann mit nacktem Oberkörper und Tattoo macht ein Selfie vor Felsen und Wasser.
Abemwa Abetenoko, Seemann aus Kiribati

Warten in Bremerhaven, Frust auf Fidschi

Mehrere Männer sitzen unter Planen und grillen.
Erneut gestrandet: Von Fidschi geht es lange Zeit nicht weiter. Bild: Abemwa Abetenoko

Billard, das hätte er überhaupt erst in Bremerhaven gelernt und sei nun richtig gut darin, sagt Abetenoko. In der Seestadt landeten die fünf Männer, weil die Seemannsmission in Hamburg überfüllt war. Als sie von dort den Rückflug antraten, dachten sie, nun gehe es endlich nach Hause – nach zehn Monaten auf See und weiteren vier Monaten des Ausharrens im kalten Bremerhaven. Doch auf Fidschi warten in einem Hotel derzeit noch immer Dutzende Seeleute auf die Weiterreise. Und die Flüge sind nach wie vor stark begrenzt. Abetenoko und seinen Kollegen bleibt nichts anderes als sich weiter zu gedulden. Der 27-Jährige ist frustriert.

Es war sehr hart, meine Familie so lange nicht zu sehen, meine Frau und meine drei Kinder. Ich war oft verzweifelt, wütend und auch enttäuscht von allem – meiner Regierung, meinem Job.

Ein Mann mit nacktem Oberkörper und Tattoo macht ein Selfie vor Felsen und Wasser.
Abemwa Abetenoko, Seemann aus Kiribati

Anderthalb Jahre war er nicht in der Heimat, sagt Abetenoko. Das schlimmste sei, wenn seine Kinder am Telefon fragten, wann er nach Hause komme. Ein Kollege habe sogar die Beerdigung seines Vaters verpasst.

Mitgefühl aus Bremerhaven

Das Schicksal der Kiribati-Seeleute beschäftigt auch Kenneth De Mattia. Er arbeitet ehrenamtlich bei der Seemannsmission Bremerhaven und verbrachte viel Zeit mit den fünf Männern.

Teilweise ist das traurig. Man fühlt so richtig mit denen, wenn man erfährt, die kommen nicht nach Hause. Sie sind ja selber immer geknickt.

Kenneth De Mattia, Seemannsmission Bremerhaven

Mehrfach hätten sie zuvor nach Hause fliegen sollen, erinnert sich De Matthia. Doch immer wieder sei die Heimreise abgesagt und verschoben worden. Er selbst fuhr früher zur See, arbeitet immer noch als Kapitän. Der Ehrenamtliche feierte zusammen mit den Männern aus Kiribati Weihnachten. Sie grillten gemeinsam Fisch und schlossen Freundschaft. "Besonders der Abe, der hat mir immer tatkräftig zur Seite gestanden, jeden Tag wollte der arbeiten", sagt De Mattia. "Am liebsten hat er Gartenarbeit gemacht, da kann sich ein Gärtner 'n Stück abschneiden."

Mehrere Perosnen posieren für ein Gruppenfoto.
Die Seeleute beim Abschied von der Seemannsmission Bremerhaven. Bild: Seemannshotel Portside

Auch Abetenoko erinnert sich gern an die Zeit in Bremerhaven, sagt er. Als sie in Fidschi strandeten, hätten er und seine Kollegen gescherzt, sie kämen wohl nie wieder nach Hause. Derweil stehen sie vor der nächsten Frage: Es ist fraglich, ob Seeleute aus Kiribati künftig überhaupt noch angeheuert werden – nach den Querelen mit der Regierung will sich sein Arbeitgeber zurückziehen, sagt Abetenoko. Wo er sonst arbeiten will?

Viele Leute in meinem Land sind arbeitslos. Und wenn du einen Job findest, reicht das Gehalt nicht. Meine Antwort ist: Ich weiß es nicht.

Ein Mann mit nacktem Oberkörper und Tattoo macht ein Selfie vor Felsen und Wasser.
Abemwa Abetenoko, Seemann aus Kiribati

Nun gibt es erst einmal Hoffnung, dass er seine Familie tatsächlich bald wieder sieht. Am Samstag soll ein Flieger die verbliebenen Seeleute von Fidschi nach Kiribati bringen. Sollte es nun wirklich klappen? Abetenoko ist zuversichtlich – und freut sich riesig. "In den ersten 24 Stunden möchte ich Zeit mit meiner Frau und den Kindern verbringen, ihre Liebe fühlen und ihr Lachen sehen", sagt der Seemann, der nach über anderthalb Jahren endlich kurz davor steht, wieder nach Hause zu kommen.

Warum fünf Seeleute seit Monaten in Bremerhaven festsitzen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 8. April 2022, 14:10 Uhr