Hauseinsturz mit 14 Toten: Bremerhavens vergessene Katastrophe

Baulücke in einer Bremerhavener Straße

Bremerhavens vergessene Katastrophe: Hauseinsturz mit 14 Toten

Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Wo in Bremerhavens Ausgeh-Meile bis heute eine Baulücke ist, verloren im Jahr 1904 vierzehn Menschen ihr Leben. Schlamperei beim Bau und ein tückischer Baugrund führten in die Katastrophe.

Wer durch die Alte Bürger in Bremerhaven spaziert – amtlich: der nördliche Abschnitt der Bürgermeister-Smidt-Straße –, dem fällt ein schmuckloser Flachbau auf. Auch deswegen, weil er zwischen lauter prächtigen hohen Gründerzeithäusern im Sinne des Wortes aus der Reihe fällt. Genau hier liegt der Schauplatz einer Tragödie, die sich vor über hundert Jahren ereignet hat.

Das Unglück, das hier am 17. Dezember 1904 geschah, muss im ganzen Straßenabschnitt hörbar gewesen sein. Die Abenddämmerung legte sich allmählich über die vielen Baustellen in der Straße, die damals noch Kaiserstraße hieß. Sie war gerade erst angelegt worden, um den wachsenden Hafen mit der neuen Kaiserschleuse ans eigentliche Stadtgebiet weiter südlich anzuschließen und dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Auch auf dem Bauplatz Kaiserstraße 34 herrschte noch Betrieb.

Katastrophe am 4. Adventssamstag

Baulücke in einer Bremerhavener Straße
Bis heute besteht die Baulücke in der "Alten Bürger". Dort wurde nur eingeschossig wieder aufgebaut, während die Nachbarhäuser stabil stehen blieben. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Aus einem Bericht der örtlichen Tageszeitung: "Am Sonnabend Nachmittag arbeiteten in dem bedachten und nahezu völlig verputzten Neubau, in dem schon Türen und Fenster zum Einsetzen bereitstanden, etwa 28 Maurer und Bauarbeiter unter dem Polier Wessel, acht Italiener unter dem Polier Marin, zwei Klempner der Firma Kastens und einige Stuckateure. Die Klempner befanden sich hoch oben auf dem Dache und standen im Begriff, ein Türmchen mit Blechplatten zu decken, während die übrigen Leute, im ganzen Gebäude verteilt, mit Innenverputzung und dergleichen beschäftigt waren."

Der Polier Wessel ging schon einmal nach unten, um den Wochenlohn für die Arbeiter abzuzählen. Die Zeitung berichtet weiter:

Der Einsturz erfolgte zehn Minuten vor vier Uhr, einen Moment vorher nur von zwei Stuckateuren bemerkt, die sich auf dem Gerüst der Fassade befanden und sich durch eine Flucht in die nächste Fensteröffnung zu retten suchten. In kaum einer Sekunde war mit donnerähnlichem Getöse der bei weitem größere vordere Gebäudeteil in sich zusammengestürzt und das Tageslicht leuchtete in die offen daliegenden Räume des Hintergebäudes hinein, aus dem sich die dort arbeitenden Leute in wilder Panik zum großen Teil an den Dachrinnen hinabflüchteten. So etwa die Hälfte der Leute war mit in die Tiefe gestürzt.

Bericht in der Nordwestdeutschen Zeitung Bremerhaven

Erst neigte sich die Vorderwand, dann stürzten die Geschosse ein

Augenzeugen zufolge neigte sich zuerst die Vorderwand des Parterregeschosses nach vorne, hinter ihr stürzten dann die vier Obergeschosse und das Dach zusammen. Entworfen und geplant hatte das Laden- und Mietshaus der 32-jährige Bautechniker Walter Peuß, der bei der Hafen-Bauinspektion beschäftigt war. Eine gerichtliche Untersuchung des Einsturzes, der 14 Menschenleben kostete, ergab, in einem Satz zusammengefasst, Pfusch am Bau als Ursache.

Zum Beispiel waren die Pfähle für die Gründung des Hauses in dem als schwierig bekannten Bremerhavener Untergrund – feste Bodenschichten gab es erst ab etwa 16 Meter Tiefe – viel zu kurz gewählt. Das Fundament wurde offenbar mit schlampig angemischtem Beton ausgeführt, ein Teil der Stützpfeiler stand wohl auch neben statt auf dem Fundament. Auch die Konstruktion an sich bewertete das Gericht als fehlerhaft. Es verurteilte den Bauherrn und seinen Bauunternehmer zu je zwei Monaten Haft wegen fahrlässiger Tötung, den Polier zu zwei Wochen.

Ein historischer Aktendeckel aus Bremerhaven
Im Bremerhavener Stadtarchiv werden die Akten zu der Katastrophe bis heute aufbewahrt. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

"Wie ein trüber Schatten ist dies schwere Unglück in die allgemeine Weihnachtsvorfreude hineingefallen. Es hat Jammer und Wehklagen in einer ganzen Reihe von beteiligten Familien hervorgerufen und Trauer, sowie tiefes Mitleid mit den armen unglücklichen Opfern, die so jäh um ihr Leben kommen mussten, als sie in froher Stimmung schafften in der Aussicht, eine Stunde später mit dem verdienten […] Wochenlohn ihrem Heim zuzustreben", schrieb die Zeitung weiter.

Stadtbaumeister sollte "keine Scherereien" machen

Auf der Anklagebank hatte zunächst auch der Stadtbaumeister Dieckmann gesessen. Ihm wurden im Prozess Überlastung und mangelnde Qualifikation bescheinigt. Dieckmann selbst behauptete, er habe vom Baustadtrat die Anweisung erhalten, bei der Genehmigung von Neubauten "keine Scherereien" zu machen und "nie über die Mindestanforderungen hinauszugehen". Er wurde freigesprochen.

Bis heute wurde an der Einsturzstelle kein hohes Haus mehr errichtet – obwohl die Häuser rechts und links davon stehen: fest und stabil seit mehr als hundert Jahren.

Autorin

  • Catharina Spethmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 7. März 2022, 11:38