Darum will Bremerhaven das letzte Hochmoor im Land Bremen retten

Neben dem Gehweg führt ein Entwäserungsgraben entlang im Fehrmoor
Noch leiten Gräben das Wasser ab: Das Fehrmoor in Bremerhaven soll wiedervernässt werden.
Bild: Carolin Henkenberens/Radio Bremen

Moore sind extrem wichtige Treibhausgas-Speicher und damit Klimahelden. In Bremerhaven soll deshalb das Fehrmoor renaturiert werden. Das ist aber gar nicht so einfach.

Gestrüpp, Birken, Tannen – Malte Wördemann und Susanne Gatti kämpfen sich durch all das hindurch. Denn nur, wer über viele Äste steigt und tief ins Gelände hinein stapft, entdeckt die ein oder andere Pflanze, die wirklich ins Moor gehört. Einen Gagelstrauch zum Beispiel.

Das Fehrmoor in Bremerhaven ist das letzte Hochmoor im Land Bremen und es ist in keinem guten Zustand. Es wirkt eher wie ein Wald samt einer Kleingartensiedlung. "Degenerationsstadium" nennt Malte Wördemann vom Umweltschutzamt Bremerhaven die Situation fachlich abgeklärt. Bedeutet: Das Moor bildet sich zurück.

Nasse Moorböden speichern Treibhausgase

Das Fehrmoor in Bremerhaven ist da keine Ausnahme. 92 Prozent der deutschen Moorböden sind entwässert. Die vor tausenden Jahren aus abgestorbenen Pflanzen entstandenen Torfschichten sind im Zuge der Industrialisierung künstlich trocken gelegt worden. Damals wollte man die als lebensfeindlich geltenden Moore für die Menschen nutzbar machen, vor allem für die Landwirtschaft, aber auch für den Bau von Siedlungen oder Straßen und für den Abbau von Torf als Brennstoff.

Stadträtin Susanne Gatti und Behördenmitarbeiter Malte Wördemann stehen im Fehrmoor
Wollen das Fehrmoor wieder renaturieren: Stadträtin Gatti und Umweltschutzamt-Mitarbeiter Wördemann Bild: Carolin Henkenberens/Radio Bremen

Doch Moore sind wahre Klimaschützer. Im Unterschied zu Wäldern speichern nasse Moorböden Treibhausgase dauerhaft, erklärt Bremerhavens Umweltstadträtin Susanne Gatti (parteilos). Ein Baum nehme zwar beim Wachsen CO2 auf, aber weil er irgendwann wieder abstirbt, wird das Kohlenstoffdioxid früher oder später wieder freigesetzt. "Im Moor ist das anders", erklärt Gatti. Moorschlamm besteht aus Pflanzenresten. Das Wasser sorgt unter Luftabschluss dafür, dass diese nicht vollständig verrotten: "Das CO2 wird nicht wieder freigesetzt." Erst, wenn einem Moor das Wasser entzogen wird, gelangen die Gase in die Luft.

Moore machen nur 5 Prozent der Landfläche Deutschlands aus, Wälder 32 Prozent. Moore machen nur 5 Prozent der Landfläche Deutschlands aus, Wälder 32 Prozent. Doch in Moorböden ist genauso viel Kohlenstoff gespeichert wie in deutschen Wäldern. 5% So viel Treibhausgase speichern Moore 32% Quelle: Nationale Moorschutzstrategie des Bundesumweltministeriums, 2021
Bild: Radio Bremen Quelle: Nationale Moorschutzstrategie des Bundesumweltministeriums, 2021

Deshalb will die Stadt Bremerhaven Teile des Fehrmoors wieder "vernässen", ihm also wieder das zuführen, was zuvor künstlich entzogen wurde: Wasser. Diese Wiedervernässung soll sich zunächst auf zwei bestimmte Stellen fokussieren: westlich der Autobahn 27 und in der Mitte des Fehrmoors. Dazu muss eine künstliche Senke geschaffen werden, aus der Niederschlagswasser nicht abfließen kann. "Wie eine Badewanne", verdeutlicht Wördemann vom Umweltschutzamt.

Vom Kleingartengebiet und Klimaretter

Kleingärtner Janosch Beck vor seiner Gartenlaube
Kleingärtner Janosch Beck vor seiner Gartenlaube Bild: Carolin Henkenberens/Radio Bremen

Seit einigen Jahren kauft die Stadt deshalb Grundstücke von Kleingärtnern auf, die seit Jahrzehnten schon im Fehrmoor ansässig sind. 18 Hektar sind schon im Besitz der Stadt, sieben weitere möchte sie noch kaufen. Die Grundstücke würden so übernommen wie sie sind. Den Rückbau der Lauben übernehme die Stadt. Allerdings haben sich viele Kleingärtner im Fehrmoor viel aufgebaut.

Der 69-jährige Janosch Beck zum Beispiel. Er hat hier in seiner Parzelle Apfelbäume, Johannisbeer-Sträuche, Gemüsebeete, er hält Hühner und hat Katzen. Mehrmals die Woche kommt Beck her, um die Tiere zu füttern. Im Sommer grillt er mit Bekannten, mäht den Rasen, hält sich so in Bewegung. Bisher habe er keinen Brief von der Stadt bekommen, sagt Beck. Würde er denn verkaufen? "Nein", sagt Beck. "Im Garten, da ist meine Liebe."

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Manche Kleingärtner wären zwar zum Verkauf bereit, lehnten aber den aus ihrer Sicht zu niedrigen Kaufpreis ab. Einer von ihnen ist Daniel Wandersleb. Der Bremerhavener hat eine Fläche geerbt, gemeinsam mit seiner Schwester und einer Cousine. Keiner nutze die Parzelle, auch eine Wiedervernässung findet er eine gute Idee. Wandersleb möchte aber einen fairen Preis, sagt er.

Er zeigt den Brief, den seine Familie vor einigen Jahren bekommen hat. "Da wurde quasi darum gebeten, dass man dieses Grundstück der Stadt möglichst schenkt und wenn verkauft, dann ganz billig", sagt Wandersleb. Er habe die Sache dann ruhen lassen.

Das Geld der Stadt für Ankäufe ist begrenzt und hängt von Kompensationszahlungen ab, die nach dem Bundesnaturschutzgesetz bei Bauprojekten anfallen. Man müsse sich an die Preisempfehlungen der Kommunalen Bewertungsstelle halten, sagt Wördemann vom Umweltschutzamt. "Da wir mit öffentlichen Geldern umgehen, können wir nicht bis ins Unendliche gehen." Es bedürfe eines Entgegenkommens der Verkaufenden.

Anderer Interessent bot mehr Geld

So kommt es, dass die Stadt im Bieter-Wettstreit auch mal den Kürzeren zieht. Vor einem Jahr etwa ist ihr ein Grundstück durch die Lappen gegangen, weil jemand mehr geboten hatte. Es wäre das letzte gewesen im Bereich direkt neben der Autobahn, das der Stadt noch nicht gehört.

Und was, wenn nicht alle gewünschten Grundstücke gekauft werden können? Dann könnte man die Fläche für die Wiedervernässung verkleinern, sagt Wördemann. Enteignungen schließt Umweltstadträtin Susanne Gatti klar aus. Die Renaturierung funktioniere nur mit den Menschen, über Gespräche. Einen konkreten Zeitplan, bis wann das Gebiet im Fehrmoor wieder ein echtes Moor ist, gibt es nicht. Auch bis wann ein geplanter Moorerlebnispfad realisierbar ist, steht noch nicht fest. Umweltstadträtin Gatti und Mitarbeiter Wördemann wissen: Es wird ein langer Atem notwendig sein – und viel Wasser an falscher Stelle versickern.

Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 25. Januar 2022, 15:38 Uhr.