Interview

AWI-Forscherin sucht legendäres Schiffswrack: "Man kriegt Gänsehaut"

Ein Segelschiff liegt auf der Seite im Eis.
Bild: Imago | Ritzau Scanpix

Vor über 100 Jahren scheiterte die Südpol-Expedition des Briten Ernest Shackleton spektakulär. Nun hilft die Bremerhavenerin Stefanie Arndt, sein gesunkenes Wrack zu finden.

Es war eine atemberaubende Geschichte vom Kampf in der Eishölle: Sir Ernest Shackleton wollte 1914 als Erster die Antarktis auf einer Länge von 2.900 Kilometern durchqueren. Doch die Expedition scheiterte schon vor ihrem Beginn. Der britische Entdecker und Polarforscher und seine 27-köpfige Mannschaft erreichten nicht einmal die antarktische Küste. Das Schiff "Endurance" blieb im Packeis des Weddell-Meeres stecken. Nach acht Monaten wurde es von gewaltigen Eisschollen zermalmt. Die Mannschaft konnte sich in einer abenteuerlichen Aktion schließlich ans Festland retten. Alle Expeditionsteilnehmer überlebten, ein Mythos war geboren.

Eine Frau in der Arktis
Stefanie Arndt forscht am Bremerhavener AWI und in Polarregionen. Die Expedition von Ernest Shackleton weckte ihre Faszination. Bild: AWI

Über 100 Jahre später machen sich nun vier Forschende vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) zusammen mit einem britischen Team auf den Weg in die Antarktis, um das bis heute verschollene Wrack der "Endurance" mit moderner Technik aufzuspüren. Dank damaliger Aufzeichnungen weiß die Gruppe, wo sie suchen muss. Unter den Teilnehmenden ist auch Meereisphysikern Stefanie Arndt. Sie war bereits Teil der einjährigen Mosaic-Expedition, nutzt die Fahrt für ihre Klimaforschung und hat eine besondere Verbindung zu Polarforscher Shackleton.

Frau Arndt, wie aufgeregt sind Sie zum Start der Forschungsreise?
Jede Expedition ist natürlich neu, aufregend und man freut sich, wieder in die Antarktis zu kommen. Ich freue mich auf das Eis – und ehrlicherweise auch ein Stück weit der Corona-Pandemie hier zu entkommen.
Welchen Bezug haben Sie selbst zu Ernest Shackleton?
Tatsächlich einen relativ engen. Das Buch über diese Expedition damals war das erste, was ich selber über die Antarktis gelesen habe. Ich glaube, das war in der 11. Klasse. Das war für mich der Beginn meiner polaren Faszination und von sehr großer Bedeutung. Ich habe immer wieder an diese Expedition zurück gedacht. So gesehen ist es für mich jetzt etwas ganz besonderes an die Stelle "zurückzukehren", wo auch er damals war.
Vor über 100 Jahren ist die "Endurence" verschwunden, hat man überhaupt eine Ahnung wo das Wrack liegen könnte?
Genau, die gibt es. Es gibt von damals sehr detaillierte Tagebucheinträge von Shackleton, aber auch von seiner Mannschaft. Die haben sehr genau dokumentiert, wo sie ihr Schiff wann verlassen haben, auch den Moment, als es dann gesunken ist. An der Stelle ist das Wasser ein paar Tausend Meter tief. Es ist die Frage, wie es dann gedriftet ist und was in den letzten 100 Jahren passiert ist. Das ist eine der Herausforderungen der Expedition.
Ein Mann blickt in die Kamera.
Sir Ernest Shackleton (1874-1922) rettete bei einer missglückten Antarktis-Expedition seiner Mannschaft das Leben. Bild: DPA | empics | PA
Wie fühlt es sich an dorthin zu reisen, wo sich diese Dramen damals abgespielt haben?
Für mich ist es die insgesamt achte Expedition mit dem Schiff in die Antarktis. Jedesmal denkt man wieder aufs Neue nach, wenn man durchs Eis fährt und dieses sichere Schiff hat. Man denkt, wie es denen damals wohl ging, als sie nicht diesen sicheren Eisbrecher hatten, als sie nicht wussten, ob sie wieder zu Hause ankommen. Da kriegt man tatsächlich Gänsehaut. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass das ganze noch gar nicht lange her ist.
Sie fahren mit modernsten Materialien da hin, aber ein Spaziergang wird es trotzdem nicht, oder?
Nein, ein Spaziergang ist das Reisen in der Arktis und Antarktis nie. Und vor allem in diesem Bereich, wo wir hinfahren. Denn das ist quasi der Ausstrom vom Weddel-Wirbel, also nordöstlich der antarktischen Halbinsel. Da kommt all das Eis raus, was ein Jahr oder länger durchs Weddel-Meer gedriftet ist. Es hat eine sehr dicke Dicke, ist sehr mächtig und sehr stark aufgeschoben. Das bremst das Schiff enorm, ist nicht mal eben so zu durchfahren und man muss wirklich ganz genau schauen. Deswegen sind auch die Satellitendaten so unfassbar wichtig, weil wir uns darauf Routen vorzeichnen können.
Haben Sie sich schon ausgemalt, als einer der ersten Menschen die "Endurance" wieder zu sehen?
Ich finde es sehr schwer, mir das vorzustellen. Man hat natürlich ein Bild im Kopf, wie das aussieht, dass sie da unten liegt, zerbrochen oder auch nicht. Aber ich habe gerade noch so viele andere Herausforderungen im Kopf – die Eisbedingungen und all das –, dass ich so weit gerade noch gar nicht denke und das ganze eher stückweise angehe.
Sie sind Meereisphysikerin, beschäftigen sich mit dem Klimawandel – warum suchen Sie jetzt ein Wrack?
Das ist eine gute Frage, die ich viel gefragt wurde. Auf der einen Seite unterstützen wir die Suche, indem wir die Eisbedingungen genau analysieren, um den besten Weg zu der Wrackstelle zu finden. Aber für mich selbst geht es auch wissenschaftlich darum, meine normalen Arbeiten fortzuführen. Das heißt, wir werden ganz viele Eis- und Schneedicke-Messungen machen.

Ich werde mir viele Schneestrukturen anschauen, weil wir in der Antarktis dieses Jahr im Sommer voraussichtlich auf ein Minimum in der Eisausdehnung zusteuern. Dann ist aus wissenschaftlicher und klimatologischer Sicht interessant zu sehen, wie sich das womöglich auch in den Eigenschaften von Schnee und Eis widerspiegelt – in Bezug auf den Klimawandel und all das, was uns noch bevorsteht.
Wie dringen Sie überhaupt zu dem Wrack vor?
Unser Forschungsschiff ist ein südafrikanischer Eisbrecher, der das Eis durchbricht, um an diese ungefähre Location zu kommen. Das wird die erste große Herausforderung. Und dann haben wir Unterwassereisroboter, die wir von Bord aus programmieren und auf den Boden des Ozeans schicken. Die fahren dann so Gitter ab, um den Boden Meter für Meter zu scannen.
Und wie viel wird nach über 100 Jahren noch von dem Schiff übrig sein?
Dafür gab es Vorstudien, wie sich Holz in solchen Gewässern unter diesen Strömungsverhältnissen verhält und verändert. Die Vermutung ist tatsächlich, dass es noch sehr ähnlich aussieht, wie es damals gesunken ist. Also, dass das Holz und alles ringsherum gar nicht so stark zersetzt ist und man es in einem sehr guten Zustand vorfindet, wenn man es denn findet.
Denken Sie, Sie finden das Wrack?
Es ist schwierig zu sagen, ob es was wird oder nicht. Es ist definitiv eine große Herausforderung. Und es gibt sehr viele Dinge, die wir noch nicht vorhersehen können, weil das Eis super dynamisch ist. Wir gucken momentan täglich auf die Eiskarten und sehen zu, wie es sich verändert. Wir werden Mitte, Ende Februar das Meereisminimum durchschreiten. Dann nimmt auch die Meereisausdehnung wieder zu. Das sind alles Herausforderungen, die es nicht unbedingt einfacher machen. Und weswegen man durchaus skeptisch sein darf.

Bremerhavener Forscher suchen legendäres Wrack in der Antarktis

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. Februar 2022, 19:30 Uhr