Luft nach oben: So bewerten Bremer Experten Berlins neue Klimaziele

Windpark auf der Nordsee bei Sonnenuntergang
Um den Kohleausstieg zu schaffen, will die Ampel-Koalition auch die Offshore-Windenergie ausbauen. Bild: Imago | Felix Jason

Im Koalitionsvertrag beschreiben die Ampel-Parteien Ziele ihrer Energie-Politik. Bremer Experten sehen darin durchaus Fortschritte. Sie sagen aber auch: Das reicht nicht.

Tobias Jaletzky, Geschäftsführer der Genossenschaft Bürger Energie Bremen, findet schon den ersten Satz, den die Ampel unter dem Abschnitt "Erneuerbare Energien" in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, "sportlich". Der Satz lautet: "Wir machen es zu unserer gemeinsamen Mission, den Ausbau der Erneuerbaren Energien drastisch zu beschleunigen und alle Hürden und Hemmnisse aus dem Weg zu räumen."

So sinnvoll dieses Ansinnen der neuen Bundesregierung sei, so viel werde die Ampel mit den besagten "Hürden und Hemmnissen" zu tun haben, prognostiziert Jaletzky: "Das Erneuerbare-Energien-Gesetz wurde immer komplizierter gemacht. Zuletzt hat die Große Koalition die Energiewende massiv verschleppt und verzögert", sagt Jaletzky.

Zu wenig für die Pariser Klimaziele?

Mit dieser Einschätzung steht Jaletzky nicht allein da. Auch Torben Stührmann, Experte für Resiliente Energiesysteme im Fachbereich Produktionstechnik der Uni Bremen, sagt: "Die Ausbauziele für Erneuerbare Energien, die jetzt im Koalitionsvertrag stehen, hätte man schon vor mindestens 15 Jahren formulieren müssen." Nun werde es umso schwieriger, die Klimaziele von Paris zu erreichen. Eine Reihe von Studien zeige zudem, dass die Pläne der Ampel hierzu nicht ausreichten.

Beispielhaft verweist Stührmann auf die kürzlich erschienene Studie "Solarstromausbau für den Klimaschutz" von Volker Quaschning aus der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Darin heißt es unter anderem: "Das aktuelle deutsche Klimaschutzgesetz sowie der Koalitionsvertrag der Ampelparteien sehen… Klimaneutralität bis 2045 vor. Dies genügt nicht den Anforderungen des Pariser Klimaschutzabkommens. Deutschland müsste dafür seine Kohlendioxidemissionen bereits spätestens 2035 auf null zurückführen, um wenigstens einen Beitrag zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,7 °C zu leisten."

Zehnmal so viel Solarstrom vonnöten

eine Solaranlage auf dem Dach eines Hauses
Der Solarenergie fällt nach Auffassung vieler Experten eine Schlüsselrolle bei der Energiewende zu. Bild: Imago | Manngold

Eine besondere Rolle bei der Energiewende fällt Quaschning, Stührmann und Jaletzky zufolge der Solarenergie zu. Zumal Sonnenenergie auch immer wichtiger für die Wärmegewinnung werde und fossile Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen und solare Wärmenetze ersetzen würden. Um aber bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden, müsse Deutschland die derzeit installierte Photovoltaikleistung auf 590 Gigawatt verzehnfachen, rechnet Quaschning in seiner Studie vor.

Bürokratie "völlig überzogen"

Doch das könnte schwierig werden, sagt Tobias Jaletzky von der Genossenschaft Bürger Energie Bremen. Denn die bürokratischen Hürden, die zu bewältigen habe, wer eine Photovoltaik-Anlage in Betrieb nehmen wolle, seien derzeit noch "völlig überzogen".

Geradezu absurd kompliziert und auch teuer werde es, wenn Bürger Energie Bremen eine Photovoltaik-Anlage für Mieterstrom ans Netz anschließen wolle. Dazu müsse die Genossenschaft aus eigenen Mitteln für Mess- und Zählkonzepte sorgen und diese auch installieren. Zu diesem Zweck sei es erforderlich, für viel Geld externe Dienstleister ins Boot holen. Auch, um die späteren Abrechnungen rechtssicher zu gestalten.

Bislang kaum Erneuerbare Energien bei Wärme

Dabei wären gerade leistungsfähige Photovoltaik-Anlagen in großer Zahl und zu günstigen Preisen zwingend erforderlich, um tatsächlich bis zum Jahr 2030 auf einen Anteil von 50 Prozent Erneuerbarer Energien bei der Wärme zu kommen, wie es die Ampel-Parteien in den Koalitionsvertrag geschrieben haben. Zur Orientierung: 2020 lag der Anteil der Erneuerbaren Energien bei der Wärme laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie noch unter 16 Prozent.

Steinkohlekraftwerk Farge in Bremen an der Weser
Das Steinkohlekraftwerk in Farge erzeugt noch Energie aus fossilen Brennstoffen. Wie lange noch? Bild: DPA | Bildagentur-online/Schoening

"Wir brauchen mehr strombetriebene Wärmepumpen beziehungsweise entsprechende Wärmenetze", findet denn auch der Bremer Wissenschaftler Torben Stührmann. Der Ausbau klimaneutraler Wärmeenergie müsse eng gekoppelt werden an den Ausbau der Solarenergie. "Man kann eine eigene Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben und sich eine Wärmepumpe anschaffen oder gucken, ob man das quartiersweise hinbekommt. Dann könnte man mehrere Dächer nutzen und eine gemeinsame große Wärmepumpe zusammen betreiben", erklärt Stührmann.

"Regionale Energiewende ist riesige Chance!"

Wie auch immer Bremen und die Bundesrepublik den Ausbau der Solarenergie in den kommenden Jahren vorantreiben werden: Die Politik müsste den Menschen nach Auffassung Stührmanns ehrlich sagen, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien Geld kosten wird: "Aber es ist allemal günstiger als die immensen Folgekosten, die sich durch den Klimawandel ergeben", sagt Stührmann. Jaletzky fügt hinzu: "Dass die Strompreise derzeit dermaßen in die Höhe schießen, ist auch eine Folge des Mangels an Erneuerbaren Energien. Die regionale Energiewende ist eine riesige wirtschaftliche Chance!"

Um diese Chance zu nutzen, beschreibe der Koalitionsvertrag zwar einen möglichen Anfang. Wirklich spannend aber werde es dann, wenn die neue Bundesregierung damit beginne, das Erneuerbare-Energien-Gesetz zu vereinfachen. Gerade in der Photovoltaik-Branche müsse der Bund viel verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, so Jaletzky. Nicht nur in Bremen, sondern in ganz Deutschland. 

Ampel-Koalitionsvertrag: Diese Themen stoßen in Bremen auf Interesse

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. November 2021, 19:30 Uhr