Bremer Fachärztin überzeugt: Corona wird uns noch Jahre begleiten

Die Leiterin der Corona-Isolierstation am Klinikum-Mitte, Christiane Piepel, glaubt nicht an ein baldiges Ende der Pandemie. Auch dann nicht, wenn Impfstoffe auf den Markt kommen.

Infektiologin Dr. Christiane Piepel mit Mundschutz im Vordergrund auf dem Stationflur der Isolierstation. Pflegekräfte im HIntergrund.
Glaubt, dass die Corona-Isolierstation am Klinikum Bremen-Mitte noch Jahre erhalten bleiben wird: die Infektiologin und Internistin Christiane Piepel. Bild: Gesundheit Nord gGmbH | Kerstin Hase
Frau Piepel, als wir im April miteinander sprachen, fürchteten Sie, dass selbst schwerkranke Menschen, die dringend ins Krankenhaus müssten, die Klinik mieden, weil sie Angst hätten, sich mit Corona zu infizieren. Hat sich Ihr Verdacht bestätigt?
Wir haben tatsächlich anhand der Notaufnahmezahlen und aufgrund zum Beispiel der Erfahrungen unserer Chirurgen gesehen, dass zeitweise deutlich weniger Menschen zu uns gekommen sind. Einige, die vor der Pandemie vermutlich früher gekommen wären, kamen auch mit weit fortgeschrittenen Krankheitsbildern. Wären sie früher gekommen, hätten sich vermutlich einige schwere Krankheitsverläufe vermeiden lassen. Ich denke da etwa an Patienten mit Blindarmentzündungen, die erst gekommen sind, als sich das eitrige Sekret schon in der Bauchhöhle ausgebreitet hatte oder an Menschen mit Schlaganfällen, die von einer frühzeitigen Behandlung profitiert hätten.
Wie sieht es heute aus? Kommen wieder genauso viele Patienten rechtzeitig in die Krankenhäuser wie vor der Pandemie?
Es kommen wieder mehr Patienten als im April. Allerdings gibt es weiterhin Leute, die geplante Operationen nach hinten verschieben. Trotzdem: Insgesamt hat sich die Lage gegenüber dem Frühjahr deutlich verbessert.
Wie viele Patienten haben Sie zur Zeit auf der Corona-Isolierstation, und auf wie viele Patienten sind Sie vorbereitet?
Unsere Station ist genauso groß wie seit März. Die Zahl der Patienten schwankt bei uns sehr. Wir haben Patienten mit Corona-Infektion, wir haben aber noch viel mehr, bei denen eine Corona-Infektion noch ausgeschlossen werden muss, bevor sie auf die anderen Stationen des Krankenhauses können. Alle Patienten, die Beschwerden haben, welche zu Corona passen könnten, werden bei uns abgestrichen und isoliert, bis wir das Ergebnis haben. Unsere Belegung schwankt daher zwischen 12 und 26 Patienten.
Die Zahl der Infizierten steigt wieder in Deutschland. Trotzdem werden Kreuzfahren wieder zugelassen und Pflegeheime für Besucher geöffnet, auch Schulen und Kitas sollen nach den Ferien sukzessive zur alten Normalität zurückkehren. Was sagen Sie dazu?
Das Coronavirus überträgt sich über Aerosole. Je mehr Gelegenheiten man einem solchen Virus gibt, sich zu übertragen, desto mehr wird es sich auch übertragen.
Rechnen Sie mit einer zweiten Welle?
Zumindest rechne ich damit, dass die Erkrankungszahlen immer mal wieder steigen werden. Das wäre nur logisch in Anbetracht der zunehmenden Übertragungsmöglichkeiten. Dann wird die große Frage sein: Was tun wir dagegen? Schließt man wieder Schulen, kommt es irgendwo wieder zu einem Lockdown? Führt man zusätzliche Hygiene- oder Abstandsregelungen ein? Ich bin sicher, dass die Politik bei uns dann handeln wird. Die Gesundheitsämter und das Robert Koch-Institut sehen sich die Entwicklung aufmerksam an. Je mehr das Ganze außer Kontrolle zu geraten droht, desto stärker werden sie gegensteuern.
Glauben Sie, dass der Herbst die weitere Ausbreitung der Pandemie bei uns begünstigen wird?
Ja. Wenn es kälter wird, werden wieder mehr Menschen öfter in geschlossen Räumen enger beisammen sein statt an der frischen Luft. Dadurch steigt die Infektionswahrscheinlichkeit.
Wie stellen Sie sich darauf ein? Schaffen Sie zusätzliche Kapazitäten auf der Isolierstation?
Im Moment halten wir erst einmal alles so aufrecht, wie es ist. Aber natürlich wissen wir, dass die Atemwegserkrankungen zunehmen werden, je mehr wir uns dem Winter nähern. Dann werden mehr Patienten zu uns kommen, bei denen wir eine Coronavirus-Infektion ausschließen müssen, etwa auch Grippe-Patienten. Auf diese Weise werden zumindest die Corona-Verdachtsfälle deutlich zunehmen. Doch dem werden wir uns von Tag zu Tag anpassen. Dabei wird uns helfen, dass wir aus dem Frühjahr bereits Erfahrung darin haben. Wir wissen jetzt, welche organisatorischen Maßnahmen wir treffen müssen, welche Mitarbeiter wir kurzfristig umleiten können, wer wie einen Abstrich machen kann, wo wir kurzfristig Isolationsmaterial bekommen und so weiter. Ich mache mir daher diesbezüglich keine großen Sorgen.
Corona bestimmt seit bald einem halben Jahr Ihren beruflichen Alltag. Was haben Sie seitdem als größte Herausforderung empfunden?
Diese unheimliche Arbeitsbelastung, die vielen Stunden, die ich mich werktags, aber auch am Wochenende mit Corona befasst habe. Ich war nicht nur sehr viel hier im Krankenhaus unterwegs, sondern habe auch viel mit Leuten telefoniert, die mich voller Unsicherheit und Angst angerufen haben. Unheimlich schwierig fand und finde ich es auch weiterhin, Menschen zu sagen, dass sie keinen Besuch empfangen dürfen – oder nur in sehr eingeschränktem Maß, wenn sie sehr, sehr schwer krank sind. Dann fühlen sie sich erst recht allein. Das tut mir dann schon sehr leid. Auch mit einem 84-Jährigen am Telefon gemeinsam zu überlegen, ob oder wie es für ihn gefährdend oder möglich ist, seinen sterbenden Corona-kranken Bruder zu besuchen, ist ganz, ganz schwer.
Was schätzen Sie: Wann werden Sie die Corona-Isolierstation wieder schließen können?
Bis dahin werden noch Jahre vergehen.
Glauben Sie nicht, dass wir die Seuche in den Griff bekommen, wenn es erst einen Impfstoff gibt, vielleicht nächstes Frühjahr?
Die erste Frage lautet doch: Gibt es überhaupt eine Immunität? Wir wissen doch noch nicht einmal, ob die Leute, die Corona bereits hatten, es nicht doch noch einmal, vielleicht sechs oder zwölf Monate später, wieder kriegen können. Wie soll ich mit einem Impfstoff eine Immunität generieren, die es vielleicht gar nicht gibt? Oder nur für ein paar Wochen oder Monate?
Anders gefragt: Wenn ich einen Impfstoff habe – ist das dann ein Impfstoff, der ein Leben lang hält und der dafür sorgt, dass ich die Krankheit nicht kriege? Oder ist es ein Impfstoff, der wie bei der Grippe die Erkrankung abschwächt? Wie verkraften und verarbeiten ältere Menschen, die ein schwächeres Immunsystem haben, diesen Impfstoff? Das wissen wir alles gar nicht.

Bremer Virologe: "Sehr wahrscheinlich am Beginn einer weiteren Welle"

Video vom 26. Juli 2020
Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer im Studio von buten un binnen  mit Sportblitz.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Juli 2020, 19:30 Uhr