Mehr als nur ein Wort: 2 Bremerinnen über den "Migrationshintergrund"

Rania Enan und Virginie Kamche (Montage)
Rania Enan und Virginie Kamche engagieren sich in migrantischen Vereinen aus Bremen. Bild: Nuria Fischer

Die Integrationsminister wollen den Begriff "Migrationshintergrund" nicht mehr nutzen. Rania Enan und Virginie Kamche erklären, was das Wort für sie problematisch macht.

Die für Integration zuständigen Ministerinnen und Minister der Länder, um Bremens Senatorin Anja Stahmann (Grüne), wollen den Begriff "Migrationshintergrund" für zukünftige Beschlüsse und Veröffentlichungen nicht mehr verwenden. Einer der Hauptkritikpunkte, insbesondere von migrantischen Organisationen, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen: Der Begriff ist eine Fremdbezeichnung. Er wurde also nicht von Menschen, die durch ihn beschrieben werden, selbst gewählt. 

Nuria Fischer hat zwei Persönlichkeiten migrantischer Vereine in Bremen getroffen: Virginie Kamche, Fachpromotorin für Migration, Diaspora und Entwicklung im Afrika Netzwerk Bremen e. V., und Rainia Enan, Gründerin des Arabischen Frauenbunds e. V. Sie sprachen über Selbstbezeichnungen, Zugehörigkeit und Teilhabe.

Was denken Sie über den Begriff "Migrationshintergrund"?
Rania Enan: Ausländer, Mensch mit "Migrationshintergrund" oder Migrantin – das sind erst mal einfach nur neutrale Worte. Verletzend ist, wenn diese Begriffe negativ besetzt sind. Nicht die Bezeichnungen sind schlimm, sondern die Gedanken, die damit einhergehen.

Virginie Kamche: Solange ich respektiert und auf Augenhöhe behandelt werde, ist mir die Benennung nicht wichtig. Anders ist es für die Jugendlichen, die hier geboren sind. Sie fühlen sich durch Fremdbezeichnungen viel verletzter als beispielsweise Menschen aus Afrika mit tatsächlicher Migrationserfahrung. Ich kann auch verstehen, warum. Sie sind hier geboren und fühlen sich zugehörig. Irgendwann merken sie, dass sie nicht akzeptiert werden wie sie sind. Das führt zu großen Identitätsfragen und das ist schmerzhaft. Die Frage sollte bei allen Begrifflichkeiten sein, wie wir Dinge ansprechen ohne andere Menschen zu verletzen.

Dass weniger Kinder mit Migrationsbiografie das Abitur machen und dementsprechend selten studieren, liegt nicht allein daran, dass sie aus anderen Ländern starten. Der Zugang wird ebenso Menschen verwehrt, die in Deutschland geboren sind und die Sprache perfekt sprechen. Das liegt an rassistischen Strukturen. Vielleicht auch an mancher sozialer Benachteiligung. Aber ganz sicher nicht am "Migrationshintergrund". 

Virginie Kamche; Afrika-Netzwerk Bremen e. V
Braucht es die Einteilung in Menschen mit oder ohne "Migrationshintergrund"?  
Virginie Kamche: Wenn Problemlagen sichtbar gemacht werden sollen, müssen auch Begriffe gefunden werden, die diese benennen. Der Begriff "Migrationshintergrund" weicht aber alles total auf. Wenn Menschen Probleme bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche haben, liegt das nicht an ihrer Migrationsbiografie. Dass weniger Kinder mit Migrationsbiografie das Abitur machen und dementsprechend selten studieren, liegt nicht allein daran, dass sie aus anderen Ländern starten. Der Zugang wird ebenso Menschen verwehrt, die in Deutschland geboren sind und die Sprache perfekt sprechen. Das liegt an rassistischen Strukturen. Vielleicht auch an mancher sozialer Benachteiligung. Aber ganz sicher nicht am "Migrationshintergrund". 
In allen Bereichen der Gesellschaft, auch in Behörden, muss gemeinsam auf Augenhöhe gearbeitet und diskutiert werden. Solange Menschen über Bezeichnungen entscheiden, die sie nicht betreffen, nach Kriterien, die sie selber entwickelt haben, kann das nicht funktionieren. Die Personen, die es am Ende betrifft, müssen mit ins Boot geholt werden.

Rania Enan: Wichtig ist, dass Menschen nicht in Bürger und Bürgerinnen erster und zweiter Klasse unterschieden werden. Ziel unseres gemeinnützigen Vereins ist es, unsere Frauen so zu unterstützen, dass sie sich in der bremischen Gesellschaft zurechtfinden und teilnehmen. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich nicht fremd, sondern als Teil dieses Landes fühlen. Es muss also aus beiden Richtungen kommen. Menschen mit Migrationsgeschichte müssen als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden und sich gleichermaßen als solches verstehen. Sonst ist es schwierig in kultureller Vielfalt miteinander zu leben. 

Bremen ist ein ganz besonderes Bundesland in Bezug auf Eingewanderte. Es gibt gefühlt weniger Rassismus als in anderen Bundesländern. (...) Wenn jemand meine Kinder fragt, woher sie kommen, sagen sie "Bremen". Wir sind alle Menschen und wir dürfen auch selber bestimmen, was wir sind.

Rania Enan, Gründerin Arabischer Frauenbunds e. V
Wie bezeichnet Ihr euch selbst?
Virginie Kamche: Es ist mir wichtig selbst zu bestimmen, wie ich mich identifiziere. Mit "Migrationshintergrund" identifiziere ich mich nicht. Ich empfinde den Begriff Mensch mit Migrationsbiografie passender für mich. Manchmal verwende ich auch "Mensch mit globaler Identität". Es ist aber ein ständiger Prozess.

Rania Enan: Ich bin Ägypterin aus Bremen. Das sage ich immer und zitiere Goethe: "Meine Heimat ist, wo ich mich wohlfühle." Bremen ist ein ganz besonderes Bundesland in Bezug auf Eingewanderte. Es gibt gefühlt weniger Rassismus als in anderen Bundesländern. Der Großteil der Menschen ist offen und herzlich. Ich liebe Bremen. Auch wenn ich keinen deutschen Pass habe, bin ich Teil der Gesellschaft. Ich gehöre dazu. Wenn jemand meine Kinder fragt, woher sie kommen, sagen sie "Bremen". Wir sind alle Menschen und wir dürfen auch selber bestimmen, was wir sind.

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Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Nuria Fischer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. April 2022, 19:30 Uhr