Interview

Bremer Sozialsenatorin: "5.500 Menschen mit traurigen Schicksalen"

Bremen ist bei Unterbringung Geflüchteter kurz vor Kapazitätsgrenze

Bild: Radio Bremen

Für die Geflüchteten aus der Ukraine braucht das Land Bremen Wohnungen, geschultes Personal und vor allem: Geld. Für das Land eine große Aufgabe.

Schon bevor Putins Truppen in die Ukraine einmarschiert sind und Millionen von Menschen das Land verlassen mussten, waren Bremens Kapazitäten nahezu ausgeschöpft. 5.400 Plätze hat das Land zur Erstaufnahme von Geflüchteten, diese waren zu 95 Prozent belegt. Wo also sollen die weiteren tausend Menschen unterkommen, die bereits aus der Ukraine ins Land Bremen gekommen sind und noch kommen werden? Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) über aktuellen Stand und Ausblick.

Frau Stahmann, mehr als 5.000 Geflüchtete gibt es offiziell in Bremen – wahrscheinlich sind es noch mehr. Mit wie vielen Menschen rechnen Sie noch?
Das wissen wir nicht. Heute Abend sind es wahrscheinlich schon 5.500 Menschen, die wir in Bremen und Bremerhaven in Unterkünften oder auch privat aufgenommen haben. Es gibt aber noch Menschen, die auch privat untergekommen sind, aber sich noch nicht bei den Behörden zu erkennen gegeben haben, die Größenordnung kennen wir nicht.
Haben Sie einen Einfluss oder eine Art Kontrolle über die Zahl der Menschen, die da kommen? Oder passiert das einfach und Sie müssen reagieren?
Momentan passiert es. Berlin schickt Menschen in Bussen in die Bundesländer. Uns werden Busse und Personenzahlen gemeldet. Doch oft erleben wir dann, dass die Busse nur halb gefüllt sind – oder statt zwei Bussen dann fünf kommen. Wir müssen auf alles vorbereitet sein und das fordert uns natürlich ganz massiv.
Könnten Sie auch "Stopp" sagen?
Das können wir nicht. Wir haben gesagt, wir handeln humanitär und wir versuchen Lösungen zu finden. Das wird auch immer schwieriger.

Wir haben in sieben Tagen rund 2.000 Menschen aufgenommen. 40 Prozent davon sind Kinder bis 17 Jahren. Das fordert viel Kreativität.

Anja Stahmann, Bremer Sozialsenatorin
Welche Reserven haben Sie denn noch? Die Messehallen sind voll. Auch Hotels sind angefragt. Werden am Ende wieder Turnhallen belegt werden müssen?
Wir schließen nichts aus. Wir werden auch wieder Turnhallen nutzen müssen. Wir müssen wieder Turnhallen belegen und ausstatten. Wir sind in der Situation, dass wir die Menschen unterbringen müssen.
Dabei setzen wir erstmal auf größere Lösungen. Wir haben auch viele hundert Angebote von kleineren Lösungen, das arbeiten wir auch Stück für Stück ab.
Bei der medizinischen Erstversorgung der Geflüchteten spielen sich mitunter Dramen ab – vor allem psychologischer Natur. Gibt es psychologische Unterstützung für die Menschen aus der Ukraine?
Die gibt es. Es gibt auch Psychologen und Psychotherapeuten, die die ukrainische Sprache sprechen. Wir haben eine ukrainische Community mit 2.400 Menschen in Bremen, darunter natürlich auch Fachpersonal.
Wir können die Zahl der Menschen, die Hilfe braucht, nicht einschätzen.

Wir werden aber nicht jedem einen Therapeuten an die Seite stellen können. Wir haben 5.500 Menschen mit traurigen Schicksalen und zerrissene Familien.

Anja Stahmann, Bremer Sozialsenatorin
Wir sind noch in der Phase der Ersthilfe. Wir müssen aber anfangen auch mittel- oder langfristig zu denken. Rechnen Sie damit, dass viele Menschen in Bremen bleiben?
Wenn ich die Bilder sehe, dann denke ich, dass die Ukraine stark zerstört ist und dass das kein Land ist, wohin man gerne zurück geht. Ich höre auch von Menschen, die wieder zurück möchten. Ich denke aber, dass viele hier bleiben und wir Wohnungen und Schulen brauchen.
Wo sollen die Menschen dann leben?
Die Menschen werden zum Teil Leistungen und einen Aufenthalt nach dem Asylbewerbergesetz bekommen und auch arbeiten dürfen.
Ich finde es wichtig, dass die Menschen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und hier eine Perspektive haben.
Viele werden aber auch auf Sozialleistungen angewiesen sein. Wo soll das Geld dafür herkommen?
Das ist eine gute Frage, die wir auch in Richtung Bund richten. Bremen und Bremerhaven werden es alleine nicht stemmen können. Wenn wirklich 10 Millionen flüchten, dann ist das eine große europäische Aufgabe.

Erschöpft und ausgelaugt: So werden Geflüchtete in Bremen versorgt

Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autor

  • Felix Krömer

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. März 2022, 19:30 Uhr