Fragen & Antworten

Nicht verkriechen! Was Bremer Verbraucherschützer bei Schulden raten

Die Corona-Krise ist auch eine Zeit offener Rechnungen und Mahnungen. Wer nicht zahlen kann, sollte auf Gläubiger zugehen. Verbraucherschützer erklären, worauf es ankommt.

Frau mit Rechnungen tippt auf einem Taschenrechner
Zuerst Miete und Strom, alles andere kann notfalls warten: Das raten Schuldnerberater jenen, die sich entscheiden müssen. Bild: Imago | blickwinkel

Nie zuvor hat Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale Bremen so viele "Gelbe Scheine" gesehen wie in diesem Herbst. Die Rede ist von letzten Mahnungen, die der Energieversorger swb seinen Kunden schickt, ehe er den Strom abschaltet. In "normalen" Jahren verzeichnet die Verbraucherzentrale Bremen etwa 160 Energiebudget-Beratungen für Bremen und Bremerhaven. Dieses Jahr, infolge der Coronakrise, sind es schon über 250.

"Da haben dann zum Beispiel alleinverdienende Väter in der Coronakrise ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit. Und nun haben sie kein Geld, um den Strom zu bezahlen", schildert Cegielka einen für diesen Herbst typischen Fall. Bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern seien auch deshalb bereits ab dem Frühjahr hohe Verbindlichkeiten aufgelaufen, weil Energieversorger und andere Dienstleister während des Lockdowns bis Ende Juni Rechnungen gestundet hätten, die nun überfällig seien.

Schuldnerberatungsstellen und Verbraucherschützer werten die Flut aus derartigen Zahlungsverpflichtungen, mit denen Verbraucher dieser Tage zu ihnen kommen, als Vorboten der großen Schuldenwelle, die erst noch kommen werde. Sie glauben nicht, dass sich das drohende Ausmaß bereits aus dem "Schuldneratlas Deutschland 2020" ableiten lassen wird, den die Creditreform-Gruppe dieser Tage vorstellen möchte. Für jene, die in der Klemme sitzen, haben Gerrit Cegielka aus der Verbraucherzentrale Bremen und Corina Lechner vom Fachzentrum Schuldenberatung Bremen (FSB) ein paar Tipps.

Ein Stapel Rechnungen und Kontoauszüge.
So groß der Stapel aus unbezahlten Rechnungen und Mahnungen auch ist: Schuldnerberaterin Corina Lechner empfiehlt, alle Briefe zum Beratungsgespräch mitzubringen. Bild: Imago | Shotshop
Was muss ich tun, wenn ich Rechnungen wie die eines Stromversorgers nicht bezahlen kann?
"Wichtig ist, dass man aktiv wird, auf den Vertragspartner zugeht", sagt Gerrit Cegielka aus der Verbraucherzentrale. Ich könne eine Ratenzahlung vereinbaren oder um Stundung bitten. Auf keinen Fall aber solle ich es einfach laufen lassen.
Zudem, betont Cegielka, mühe sich gerade die swb, Energie- und Wassersperren möglichst zu vermeiden. So gebe es in Bremen und Bremerhaven die Initiative "Zappenduster", eine Art Bündnis, zu dem neben der swb und verschiedener Stellen der Landesregierung auch das Fachzentrum Schuldenberatung Bremen, die Jobcenter Bremen und Bremerhaven, die Verbraucherzentrale Bremen und der Verein für Innere Mission zählten. Gemeinsam mühten sie sich, Lösungen für Menschen zu finden, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen können. So wisse man bei der Verbraucherzentrale beispielsweise genau, welche Anträge wer für welche Hilfen beim Jobcenter stellen müsse, damit das Jobcenter erst einmal das Geld für den Strom vorstreckt.
Was mache ich, wenn ich mich nicht traue, mit einem Gläubiger zu sprechen, vielleicht, weil ich gar kein Geld habe?
Ich sollte mich, selbst wenn ich Angst habe, nicht verkriechen. Statt dessen sollte ich mir professionelle Hilfe suchen, etwa bei der Verbraucherzentrale Bremen oder bei einer vom Fachzentrum Schuldenberatung Bremen (FSB) anerkannten Beratungsstelle.
Corina Lechner vom FSB sagt: "Am besten ist, wenn die Betroffenen gleich alle Schreiben mitbringen, die ihnen Angst machen."
Dann könne man gemeinsam die Rechnungen und Mahnungen durchgehen, die Prioritäten klären und das weitere Vorgehen besprechen.
Was muss ich zuerst bezahlen?
"Zuerst kommen Lebensmittel, die Miete und der Strom", sagen Cegielka und Lechner übereinstimmend. Alles andere könne notfalls warten.
Leider setzten viele Verbraucherinnen und Verbraucher jedoch die falschen Prioritäten. So hat Cegielka beobachtet, dass viele Betroffene dazu neigten, zuerst ihre Handy-Rechnung zu bezahlen. Und Lechner sagt: "Oft bekommt derjenige zuerst das Geld, der am schnellsten böse Briefe schreibt." Sie rät dringend davon ab, auf die Schnelle und unter Druck nachzugeben oder gar hektisch Schuldanerkenntnisse zu unterschreiben. Das sollte man auch dann nicht machen, wenn ein Inkasso-Unternehmen besonderen Druck ausübe.
Wie komme ich zu Geld?
Verbraucherschützer Gerrit Cegielka und Schuldnerberaterin Corina Lechner finden: Ich sollte, wenn ich kein Geld habe, keine Angst vor Ämtern haben. Auch dürfe ich mich meiner Notlage nicht schämen. "Wir haben einen Anspruch darauf, dass uns der Staat in solch' einer Lage hilft", sagt Cegielka.
So sei das Jobcenter nicht nur dazu da, mir bei der Arbeitssuche zu helfen, sondern auch, um mit mir meine Schuldenproblematik anzugehen.
Wer in Kurzarbeit ist, erklärt Corina Lechner beispielhaft, könne auch prüfen, ob er einen Anspruch auf Wohngeld oder auf einen Kinderzuschlag habe. Auch in diesem Fall gelte: Seriöse Beratungsstellen wüssten, bei welcher Behörde man welchen Antrag stellen müsse.
Kann ich mir nicht einfach auch über einen schufafreien Kredit Geld leihen?
Das sollte ich auf keinen Fall versuchen, sagen Lechner und Cegielka. Oftmals steckten Betrüger hinter den entsprechenden Angeboten, mit denen man im Internet überschwemmt werde. Erst recht, wenn man erst einmal Schlüsselbegriffe wie "Geld" oder "Kredit" in einer Suchmaschine eingegeben habe.
"Es gibt Firmen, die Kredite versprechen. Sie zahlen eine Gebühr – und dann kommt kein Geld", erklärt Lechner einen typischen Fall. Andere Anbieter verlangten horrende Zinssätze. Auch damit sei niemandem, der ohnehin schon Geldsorgen habe, geholfen.
Ich habe mich entschieden: Ich möchte mich professionell beraten lassen. Woran erkenne ich, wer ein seriöser Anbieter ist, wer nicht?
Auf keinen Fall solle ich einfach irgendeine Beratungsstelle im Internet in eine Suchmaschine eingeben und irgendeinen Eintrag auswählen, sagt Corina Lechner. Denn "Schuldnerberater" oder "Schuldenberatung" seien keine geschützten Begriffe. Es gebe leider auch unseriöse Anbieter, die sich an mir bereichern wollten.
Genau wie die Verbraucherzentrale Bremen empfiehlt Lechner Bremerinnen und Bremern in Geldnot daher, sich an das Fachzentrum Schuldenberatung im Lande Bremen e.V. (FSB) zu wenden (http://www.fsb-bremen.de, Telefon: 0421 168 168). Das FSB verwalte eine Liste der anerkannten Beratungsstellen Bremens, so genannter "geeigneter Stellen nach Paragraph 305 insO". Das Erstgespräch sei üblicherweise kostenlos.
Gehe es um keine komplexe Gesamtsituation, sondern beispielsweise um unbezahlte Stromrechnungen, so stehe auch die Verbraucherzentrale Bremen (www.verbraucherzentrale-bremen.de, Telefon: 0421 16 0777) für ein kostenloses Beratungsgespräch zur Verfügung, sagt Gerrit Cegielka.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. November, 19.30 Uhr

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