"Ich hatte das Panik-P vor Augen": So leben Bremer Wirte mit 2G-Plus

Ein Schild vor einem Lokal weist auf die ab Samstag geltende 2Gplus-Regelung im Innenraum hin.
Bild: DPA | Thomas Frey

Nach einer Woche mit 2G-Plus ziehen Gastronomen in der Stadt Bremen Bilanz: Die Umsetzung der Regel sei gar nicht das größte Problem. Trotzdem stehen die Wirte unter Druck.

Der Bogen ist für Thorsten Lieder von der Bremer Gastro-Gemeinschaft überspannt: "Wir sind es leid, dass auf unserem Rücken die Pandemie ausgetragen wird", sagt Lieder nach der ersten Woche mit der 2G-Plus-Regel in der Stadt Bremen. Dabei sei die Umsetzung der Regel, dass also nur Geimpfte und Genesene mit zusätzlichem aktuellen Test oder einer Auffrischungsimpfung in Bars, Kneipen und Restaurants dürfen, nicht das alleinige Problem. "Der Zungenschlag aus der Politik", der bringe Wirtinnen und Wirte an den Rand ihrer Existenz, sagte Lieder buten un binnen.

Unter anderem hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Gastronomie als "Problembereich" bezeichnet – das habe Angst geschürt. Das Ergebnis: "Die Läden sind leer, teilweise Umsatz-Rückgänge bis zu 90 Prozent", so Lieder. Gastwirte aus Vegesack, Gröpelingen und dem Viertel bestätigen, dass Gäste ausbleiben. Wirte überlegen, ihr Lokal zu schließen oder die Öffnungszeiten einzuschränken. Die Sorgen in der Branche wachsen so schnell wie Omikron sich verbreitet.

"2G-Plus ist eine Mogelpackung"

Ein Mann steht hinter einer Theke in einem Lokal
Udo Schmidt hält 2G-Plus für eine "Mogelpackung". Bild: Udo Schmidt

In Bremen-Vegesack betreibt Udo Schmidt eine Sportsbar. Besucher wollen bei einem Getränk Werder sehen, Billard spielen oder kegeln. Fünf Gäste seien zum Start von 2G-Plus am vergangenen Montag im Lokal gewesen. "Das lohnt den Aufwand nicht." Sämtliche Kegelabende seien abgesagt worden. Er habe extra nachgefragt, weshalb – "die Inzidenz" sei die meistgehört Antwort gewesen: "Die Menschen haben Angst sich anzustecken, trotz Booster-Impfung", so der Barbetreiber weiter.

Mein Wunsch an die Politik wäre, dass sie ganz klar Farbe bekennt. 2G-Plus ist eine Mogelpackung. Damit hält man künstlich die Geschäfte offen und muss keine Corona-Hilfe mehr zahlen.

Udo Schmidt, Betreiber der Sportsbar Horizont

Trotz allem versuchten einige, sich reinzumogeln. Nur die Hälfte seiner Gäste habe eine App, um sich einzuchecken oder für die Impfnachweise. "Ein megagroßer schriftlicher Aufwand" ist die Folge. Die Laufkundschaft bleibt aus, Stammgäste seien ihm geblieben. Was er sich wünscht von der Politik? "Dass sie ganz klar Farbe bekennt. 2G-Plus ist eine Mogelpackung. Damit hält man künstlich die Geschäfte offen und muss keine Corona-Hilfe mehr zahlen."

Überbrückungshilfen verlängert – aber geringer

Thorsten Lieder
Die Politik verbreite den falschen Eindruck, dass die Gastronomie Pandemietreiber sei, sagt Thorsten Lieder von der Gastro-Gemeinschaft. Bild: Radio Bremen

Tatsächlich hat der Bund die Überbrückungshilfen verlängert. Für Januar bis März können Betriebe mit Umsatzeinbußen von mindestens 30 Prozent Förderungen beantragen, was viele Gastronomen auch schon getan haben. Zufrieden ist Lieder von der Gastro-Gemeinschaft damit aber nicht. Denn nur bis zu 90 Prozent der Fixkosten können gedeckt werden – zuvor waren es 100 Prozent gewesen. "Das reicht nicht", sagt Lieder.

Faktisch sind die Läden offen. Aber es kommen keine Gäste. Das ist wie ein Lockdown.

Thorsten Lieder, Bremer Gastro-Gemeinschaft

Darüber hinaus können Bremer Gastronomen ihre Mitarbeiter auch nicht wie beim Lockdown im vergangenen Jahr ohne genaue Prüfung in Kurzarbeit schicken. Denn sie dürfen ihr Lokal ja öffnen und für alle zugänglich machen. "Faktisch sind die Läden offen", sagt Lieder. "Aber es kommen keine Gäste. Das ist wie ein Lockdown." Und selbst, wenn die Kurzarbeit greifen würde, müssen Betriebe seit Jahresbeginn die Hälfte der Lohnnebenkosten tragen. "Für einen Betrieb mit acht festen Mitarbeitern ist das eine Differenz im Vergleich zum selben Zeitraum im vergangenen Jahr von 12.000 bis 17.000 Euro je Monat.  Das kann sich kein Betrieb mehr leisten", sagt Lieder.

Viertel-Restaurant will Öffnungszeiten überdenken

Ein Mann mit Vollbart vor einem goldenen Totenkopf
Karsi aus der Rockwurst überlegt, die Öffnungzeiten einzuschränken. Bild: Rock & Wurst

"Eigentlich haben wir uns diese Woche als Probewoche ausgesucht, um mal zu sehen wie die Gäste reagieren", sagt Karsi von der Rockwurst. Jetzt herrscht Ernüchterung beim Betreiber des Restaurants im Bremer Viertel: "Mit 2G-Plus haben wir weniger Probleme, weil die Gäste zum größten Teil geboostert sind", sagt er. Auch die Einlasssituation sei mit Apps und QR-Code unproblematisch. Doch auch er habe kaum noch Gäste: "Die Spontanität fehlt einfach bei den Leuten", sagt er. Und wer dennoch komme, bleibe nicht lang: "Der Besuch ist nur Mittel zum Zweck – man nimmt was, trinkt ein Getränk und geht wieder."

Die wirtschaftliche Lage sei "denkbar ungünstig". Er wünscht sich, dass diese Situation so schnell wie möglich vorbei ist. "Man schwankt im Ungewissen." Mit seinem Team will Karsi besprechen, ob die Rockwurst die Öffnungszeiten einschränkt und nur noch von Donnerstag bis Samstag aufmacht – um Kosten zu sparen.

Auch Personal fehlt

Ein Mann lehnt am Tresen eines Lokals
Christian Mätzler beobachtet die Umsätze und will schlimmstenfalls im Februar schließen. Bild: Christian Mätzler

Die Leere in seinem Restaurant war für Christian Mätzler, Betreiber des "Zum Alois" in Vegesack, am Freitag ein Schock: Fünf Tische seien in dem Restaurant mit 150 Plätzen belegt gewesen. "Da habe ich das Panik-P vor Augen gesehen. Der Umsatz war unter ferner liefen. Da haben wir draufgezahlt". Dass sich sein Lokal am Samstagabend wieder gefüllt habe, mache ihm Hoffnung. "Viele haben noch nicht auf dem Schirm, dass wir aus dem Urlaub wieder da sind", vermutet er. Die Umsetzung von 2G-Plus aber sei auch für ihn kein großes Thema, auch im "Alois" seien die meisten Gäste geboostert. Und dennoch weiß er nicht, wie es weitergeht.

Jetzt müssen wir die Mitarbeiter bei der Stange halten. Kleine Ziele setzen, am Markt bleiben, und hoffen, dass wir im nächsten Winter Corona-frei durch die Hauptsaison kommen.

Christian Mätzler, Betreiber Zum Alois, Vegesack

Mätzler will den Umsatz in den nächsten zwei Wochen genau beobachten: "Ende Januar haben wir einen guten Richtwert. Dann entscheiden wir, ob wir im Februar noch mal zumachen oder nicht." Neben den unsicheren Gästezahlen sieht Mätzler noch eine andere Ursache für den gesunkenen Umsatz: Kein Personal. In der Gastro-Szene sei bekannt, dass viele Köche wegen der unsicheren Lage die Branche gewechselt hätten; im Alois ist deshalb der Mittagstisch schon länger gestrichen, was hohe Einbußen zur Folge habe.

Traditionskneipe in Gröpelingen klärt Gäste auf

Eine Frau mit kurzen rötlichen Haaren und einer großen dunklen Brille schaut in die Kamera. Im Hintergrund sind ein Fenster und zwei Zimmerpflanzen zu sehen.
Michaela Rademacher betreibt Aufklärungsarbeit in ihrer Gröpelinger Kneipe. Bild: Privat | Michaela Rademacher

"Das Fass" in Bremen-Gröpelingen hat Tradition. Seit 60 Jahren am Markt, musste die Besitzerin im Sommer aufgeben – wegen der Folgen von Corona. Und jetzt zittert auch Nachfolgerin Michaela Rademacher. Größtenteils funktioniere 2G-Plus. "Manchmal versucht jemand, mit einem alten Test reinzukommen", sagt sie. "Aber das klappt nicht. Wir kontrollieren." Sie betreibe auch Aufklärungsarbeit bei ihren Gästen. Sogar Impftermine habe sie gemacht und einige Gäste zum Impfen begleitet. "Umso schwieriger ist es, dass die Regierung uns immer den schwarzen Peter zuschiebt", sagt Rademacher mit Blick auf die "anstrengende" 2G-Plus-Auflage.

Wir testen, wir lüften, wir kontrollieren, wir setzen alles um, was die Regierung vorgibt. Aber es ist schade, dass wir immer als Buhmänner hingestellt werden.

Michaela Rademacher, "Das Fass" in Bremen-Gröpelingen

Lieferanten und Vermieter zeigten sich geduldig, sagt Rademacher – und die Stammgäste brächten sie bislang über die Krise. "Ich hoffe, ich schaffe es noch bis zum Frühjahr, wenn ich den Außenbereich wieder aufmachen kann. Dann bekomme ich das Laufpublikum zurück."

Booster-Bändchen kommt – "aber keine Gäste"

Erleichterung, zumindest für die Eingangskontrollen, ist laut Lieder von der Gastro-Gemeinschaft in Sicht. Diese Woche sollen "Booster-Bändchen" verteilt werden, sodass Gäste nur noch einmal geprüft werden müssen und sie die Lokale mit dem Bändchen am Handgelenk ohne aufwendige Kontrollen betreten können. "Aber das bringt keine zusätzlichen Gäste", sagt Lieder. Er fordert vor allem finanzielle Hilfen: Dass diese wieder auf das Vorjahres-Niveau angehoben werden, genauso wie eine Wiederaufnahme der alten Kurzarbeiter-Regelungen. Und Lieder fordert noch etwas: Dass die Politik über "ihr Wording" nachdenkt. "Es wird der Eindruck aufrechterhalten, dass die Gastro Pandemietreiber ist. Dafür fehlt seit zwei Jahren der Nachweis."

2G-Plus: Das gilt seit einer Woche in der Stadt Bremen

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 17. Januar 2021, 6:20 Uhr