Interview

Attacken gegen russische Bremer Restaurants: "Das geht uns nahe"

Gaiane Schenk sitzt an einem Tisch in ihrem Restaurant
Bild: Gaiane Schenk

Wegen des Ukraine-Kriegs werden vermeintlich russische Gastronomen im Netz beleidigt. Auch Gaiane Schenk. Ihr Mann kommt aus der Ukraine, sie flüchtete einst selbst vor Krieg.

Bundesweit werden Gastronomen, die vermeintlich russische Restaurants betreiben, im Netz scharf angegriffen. Menschen schreiben schlechte Bewertungen und Beschimpfungen. Auch Betreiber in Bremen haben das erlebt, nicht alle wollen öffentlich darüber sprechen. Gaiane Schenk ist Besitzerin des "Stresemanns Casa Nova". "Hier schmeckt auf einmal alles nach Blut von ukrainischen Kindern"*, las sie und war entsetzt. Sie selbst ist Armenierin, ihr Mann ist deutschstämmig, kommt aus der Ukraine. In ihrem Restaurant feiern russischsprachige Menschen zusammen, sagt sie. Egal, welcher Nation sie angehören. Wie sie die Lage erlebt, hat sie buten un binnen erzählt.

Frau Schenk, als Sie die Kommentare gelesen haben, wie ging es Ihnen?
Zuerst war ich einfach nur schockiert. Um ehrlich zu sein, fühlte ich mich nicht gut. Ich konnte den ganzen Tag nichts mehr machen. Da war eine Leere in mir drin. Ich habe mir gedacht: 'Das kann doch nicht sein.' Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland. So etwas habe ich noch nie erlebt, dass ich wegen meiner Sprache angegriffen werde. Ich bin selbst vor dem Krieg geflüchtet. 1993 war das, aus Armenien. Ich habe Krieg selbst erlebt. Und mein Mann ist deutschstämmig, Spätaussiedler und kommt aus der Ukraine.
Hasskommentare im Netz
Zum Vergrößern anklicken: Diese Kommentare stehen in Google-Bewertungen vermeintlich russischer Restaurants in Bremen. (Screenshot) Bild: Google/Radio Bremen
Wie meinen Sie das, wenn Sie sagen, Sie werden wegen Ihrer Sprache angegriffen?
Ich spreche armenisch. Das ist meine Sprache. Aber ich bin 56 Jahre alt und in der Sowjetunion aufgewachsen. Genauso habe ich eine sowjetische Schule besucht. Wir haben russisch in unserer Schule gelernt. Jeder Ukrainer spricht russisch, so wie ich. Oder Georgier oder Aserbaidschaner. Und das was uns vereint ist die Sprache. Wir positionieren uns gar nicht als russisches Restaurant, wie bieten kaukasische Küche an, aus Georgien, weil meine Mutter aus Georgien kommt. Ja, wir machen russische Abende für Russisch sprechende Menschen – und genauso bieten wir Kohlfahrten an. Sprache kann nichts dafür, Musik kann nichts dafür oder Kultur, wenn Politiker Krieg führen. Und einfache Menschen können auch nichts dafür.

Jeder Krieg ist schrecklich. Ich selbst bin wegen eines Krieges damals nach Deutschland geflohen. Deshalb fühle ich mit den Menschen vor Ort sehr mit. Das Ganze muss dringend aufhören.

Gaiane Schenk, Restaurant-Betreiberin in Bremen
Wenn Sie in der Sowjetunion aufgewachsen sind, haben Sie wahrscheinlich Freunde in mehreren Ländern. Wie erleben Sie den Krieg?
Das macht uns traurig. Wir haben Freunde in der Ukraine, und die wollen jetzt nach Deutschland und wir helfen, so gut wir können. Aber genauso haben wir Freunde in Moskau. Und ich muss dazu sagen: Bei uns im Lokal feiern zusammen Ukrainer und Russen, Armenier und Georgier, Deutsche und Türken – alle sind willkommen. Rassisten sind nicht willkommen. Alle anderen: Herzlich Willkommen.
Sie klingen entschlossen und etwas traurig.
Ja, das geht uns allen nah. Ich habe so viele Freunde und die sind zum Teil auch gespalten. Das ist auch schwierig. Wer hinter wem steht, hat nichts mit der Nationalität zu tun. Ich habe gesagt: 'In meinem Lokal wird nicht über Religionen, Nationen oder Politik diskutiert.' Ich glaube, das wird uns noch sehr lange begleiten.
Sie haben russische und ukrainische Mitarbeiter und aus anderen Ländern. Wir arbeiten die zusammen?
Die Mitarbeiter haben kein Problem miteinander, die Gäste haben kein Problem miteinander. Wir haben gesagt: 'Wer hier rein kommt, darf nicht feindlich zu jemandem sein.' Am Samstag haben wir eine schöne Party zusammen gefeiert. Wir hatten ein russisch-ukrainisches Volksfest. Wir haben den Winter verabschiedet. Bei uns haben Musiker live gesungen auf russisch und ukrainisch – alle haben getanzt, alle haben gefeiert und haben sich gefreut. Einfache Menschen wollen keinen Krieg, kein Mensch will das, das muss man doch verstehen.
Antwort auf einen Hasskommentare bei Google
Zum Vergrößern anklicken: Die Antwort von Gaiane Schenk auf einen Hass-Kommentar bei den Google-Bewertungen. (Screenshot) Bild: Google/Radio Bremen
Sie haben auf einen Kommentar bei den Google-Bewertungen ausführlich geantwortet. Haben Sie lange überlegt, ob Sie das tun?
Nein, überhaupt nicht. Ich war zu Hause. Wir haben das mit der Familie besprochen. Und natürlich konnten wir das nicht so einfach stehen lassen. Man muss auf so etwas antworten – ohne Ärger zu machen – aber antworten, das muss man. Einfach nur Hass im Internet zu verbreiten, ist feige. Vor allem, wenn man ein unschuldiges Restaurant beschuldigt, das mit alldem nichts zu tun hat. Das Ganze wird mich sicherlich noch länger beschäftigen. So etwas hinterlässt schon seine Spuren. Aber die tolle Unterstützung unserer Gäste, die im Internet reagiert haben, gibt uns Hoffnung, dass dies Ausnahmefälle waren.
Wie geht es mit Ihren ukrainischen Freunden weiter, die nach Deutschland kommen wollen?
Ja, sie stehen an der Grenze. Ich weiß nicht, ob sie ankommen, aber sie versuchen es.

*Die negativen Bewertungen über das "Stresemanns Casa Nova" hat Google inzwischen gelöscht. Die Bilder zeigen Screenshots der Kommentare.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 8. März 2022, 11:10 Uhr