56 Jahre wilde Rosen auf dem Bremer Markt: Frau Reinhardt hört auf

Bild: Radio Bremen

Jeden Tag um sieben ist sie da: Helga Reinhardt steht dann mit ihren Blumen auf dem Liebfrauenkirchhof. Doch nur noch bis Weihnachten. Dann schließt sie ihren Stand.

Der Besuch des Blumenmarktes auf dem Bremer Liebfrauenkirchhof wird in Zukunft anders ausfallen als bisher. Werktags werden hier seit Ende des 19. Jahrhunderts, rund um die Kirche, Schnittblumen und Pflanzen zum Verkauf angeboten. Doch mit dem neuen Jahr 2022 schließt sich das Kapitel eines Blumenstandes – nach 56 Jahren Marktgeschehen.

Ich habe den Kunden immer was Frisches verkauft. Ich habe denen nie was untergejubelt – das haben sie zu schätzen gewusst. Da bin ich gut mit gefahren.

Helga Reinhardt, Blumenverkäuferin

Gemeint ist der Stand "Blumen Reinhardt", der bereits seit 1959, damals noch betrieben von Rudolf Reinhardt, auf dem Markt steht. Seit 1965 steht Schwiegertochter Helga im bunten Blumenmeer auf dem Kirchhof und verkauft. Damals sei es für sie unverständlich gewesen, dass die Älteren nicht vom Markt verschwanden, so Helga Reinhardt. Heute ist sie selbst 75 Jahre alt und hat erst jetzt beschlossen, dem Marktgeschehen den Rücken zu kehren.

Mit den Blumen aus Syke in die große Stadt

Mit 19 Jahren kam Helga Reinhardt erstmals zum Markt auf den Liebfrauenkirchhof. Das war eine prägende Zeit. Drei Mark war die Tages-Standmiete, als sie hier anfing. Heute sind es 22 Euro. Die lukrativsten Zeiten waren die siebziger Jahre, als Baumärkte und Discounter noch nicht so harte Konkurrenz bescherten. Und auch Kolleginnen und Kollegen rund um die Liebfrauenkirche waren früher deutlich mehr: rund 30, davon sind heute nur noch wenige geblieben.

"Bei Kälte ist es einfacher als bei Hitze"

Bild: Radio Bremen

Täglich kam Helga Reinhardt aus Syke hergefahren. Aufstehen immer um fünf in der Früh. Um sieben stand sie stets zuverlässig zwischen ihren Schnittblumen. Besonders geschätzt hat die Stammkundschaft ihre familiäre Art und ihr selbstangebautes Alleinstellungsmerkmal: die Freilandrosen mit ihrem frischen Duft und ihrer schönen Blüte.

"Rauschhafte Freilandrosen-Käufe"

Eine Hand hält ein Handy, auf dem ein Foto von einem Rosenstrauß zu sehen ist.
Begeisterte Kunden halten ihre schönsten Sträuße sogar per Smartphone Bild fest. Bild: Radio Bremen

Und auch die Kundinnen und Kunden sind von den Rosen begeistert: "Die duften noch, die sehen unterschiedlich aus. Ich zeig's Ihnen," sagt eine Dame und holt ihr Handy aus der Tasche. Darauf zu sehen: ein Foto eines bunten Rosenstraußes. Eine andere Kundin erinnert sich: "Im Sommer haben wir geradezu rauschhafte Freilandrosen-Käufe gemacht." Ob es manchmal quälend ist, wenn sich Kunden nicht entscheiden können?

Manchmal ja. Dann sage ich, 'ach, machen Sie sich doch das Leben nicht so schwer.'

Helga Reinhardt, Blumenverkäuferin

An diesem Tage wird an ihrem Stand gesungen, angestoßen, und einfach wertgeschätzt, was Helga Reinhardt bei Wind und Wetter 56 Jahre lang geleistet hat. Mit ihr geht eine Institution, auf die zu jeder Jahreszeit Verlass war. Ihren Kunden wird die hilfsbereite Blumenhändlerin in vielerlei Hinsicht in Erinnerung bleiben. So half sie einst einer bestohlenen Dame, indem sie ihr nicht nur einen Blumenstrauß, sondern auch Geld in die Hand drückte, erinnert sich eine Kundin.

Ein historisches Ciao

Und auch Helga Reinhardt kann auf viele schöne Momente zurückblicken, einige machen sie noch immer baff. So erinnert sie sich an einen Kunden, den sie gefühlte zehn Jahre nicht mehr auf dem Markt gesehen habe. "Der sagte: 'Frau Reinhardt, ich lebe schon seit 25 Jahren in Kanada und bin jetzt hier auf Besuch und möchte Sie mal wiedersehen! – das war ein Highlight für mich", erzählt die Marktfrau.

Die Nachfolgersuche war übrigens zwecklos. Stichwort Freilandrosen: "Wir hätten einen", erklärt Helga Reinhardt, aber der habe befürchtet, sich jeden Tag Fragen nach dem Verbleib der Rosen anhören zu müssen. "Und da ist er wieder abgesprungen." So geht eine Ära auf dem Bremer Blumenmarkt zu Ende und eins ist sicher: Bremen wird Helga Reinhardt nicht nur für ihre schönen Freilandrosen in Erinnerung behalten.

Autorin

  • Anke Plautz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Dezember 2021. 19:30 Uhr