Fragen & Antworten

Kann Biogas aus Bremen und umzu die Erdgas-Speicher füllen?

Hinter einem Maisfeld sind die Gäranlagen einer Biogasanlage zu sehen
In Anlagen wie diesen gären Abfälle, vor allem aber Mais und erzeugen so Biogas. Bild: DPA | Patrick Pleul

Biogas aus dem Bremer Umland könnte Erdgas teilweise ersetzen, sagen Erzeuger. Doch der Staat hindere sie daran, die Produktion hochzufahren. Zurecht, sagen Biogas-Kritiker.

Hiesige Landwirte könnten mit einer höheren Biogas-Produktion stockende Erdgas-Importe aus Russland ersetzen, jedenfalls zu einem kleinen Teil. Das zumindest behauptet der Fachverband Biogas und mit ihm der Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen/Bremen. Die Verbände fordern Fördermittel zur Einspeisung von Biogas ins Gasnetz und weitere Zugeständnisse von Bund und Ländern.

Kritiker, darunter der Bremer Nachhaltigkeitsforscher Arnim von Gleich, glauben allerdings nicht, dass sich mit heimischem Biogas im nennenswerten Umfang Erdgasimporte ersetzen lassen, schon gar nicht bei der Wärmegewinnung. Das sollten Bremerinnen und Bremer zum aktuellen Stand der Biogas-Diskussion wissen:

Wie viel Energie produziert die deutsche Biogasbranche, und wie viel Energie könnte sie kurzfristig zusätzlich erzeugen?
Bundesweit produzieren nach Angaben des Fachverbands Biogas rund 10.000 Biogasanlagen "Strom für fast zehn Millionen Haushalte und Wärme für mehr als eine Million Haushalte." Viele Anlagen könnten dem Verband zufolge kurzfristig ihre Gas-, Strom- und Wärmeproduktion erhöhen und so den Erdgasbedarf reduzieren, um die Gasspeicher im Winter zu schonen.

Konkret heißt es dazu in einem Schreiben des Fachverbands Biogas vom 18. Juli: "Das kurzfristig mobilisierbare technische Potenzial wird auf eine Steigerung von im Schnitt 20 Prozent geschätzt, insgesamt also zusätzliche 19 Terawattstunden (TWh) Biogas beziehungswiese 7 TWh Strom, was knapp 4 Prozent der russischen Erdgasimporte vor Ausbruch des Kriegs in der Ukraine beziehungsweise dem Stromverbrauch von zwei Million Haushalten entspricht."
Mais wächst auf einem Feld
Mais ist die Energiepflanze Nummer 1 für die Erzeugung von Biogas. Bild: DPA | Moritz Frankenberg
Was müsste geschehen, damit die Biogas-Erzeuger ihre Produktion hochfahren könnten?
Wie Andrea Horbelt, Sprecherin des Fachverbands Biogas, mitteilt, müsste der Bund hierzu einige regulatorische Einschränkungen kurzfristig aufheben, die derzeit durch das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) festgelegt seien: "Die Biogas-Anlagen dürfen nur mit maximal 95 Prozent ihrer Kapazitäten gefahren werden", nennt sie ein Beispiel. Auch gebe es einen Mindestanteil an Gülle für die Erzeugung von Biogas, der kurzfristig herabgesetzt werden müsste, um die Gasproduktion zu steigern. Die derzeit vorgeschriebene Höchstgrenze für Mais bei der Erzeugung des Gases müsse dagegen nach oben gesetzt werden.

Der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) Niedersachsen/Bremen fordert zudem, dass der Zugang zum öffentlichen Gasnetz für die Betreiber von Biogas-Anlagen vereinfacht werden müsse – und zwar mit öffentlichen Fördermitteln. Dazu sagt Lars Günsel, Sprecher des LEE: "Die Infrastruktur muss geschaffen werden. Das hat mit der Daseinsvorsorge des Staates zu tun."

Auch Andrea Horbelt vom Fachverband Biogas stellt fest: "Die Einspeisung ins Gasnetz ist zu teuer. Sie müsste gefördert werden." Damit Betreiber von Biogas-Anlagen zu weiteren Investitionen bereit seien, bräuchten sie generell mehr Sicherheit: "Wir brauchen das Signal: Biogas ist gewollt", so Horbelt.
Wo im Land Bremen und im Bremer Umland gibt es überhaupt Biogas-Anlagen?
Im Zwei-Städte-Staat Bremen nirgendwo. Zumindest sei kein Betreiber aus Bremen Mitglied im LEE Niedersachsen/Bremen, sagt Günsel. Das Bremer Umweltressort teilt dazu mit, dass es bei den erneuerbaren Energien weniger auf Biogas als auf Windkraft und Solarenergie setze.

Im Bremer Umland und im gesamten Land Niedersachsen spielt Biogas dagegen eine vergleichsweise große Rolle. So gibt es in Niedersachsen laut LEE rund 1.700 Biogas-Anlagen, die zusammen mit 1.500 MWel (Megawatt elektrisch) bundesweit die höchste installierte Leistung aufweisen. In unmittelbarer Nähe zu Bremen sind insbesondere die Landkreise Rotenburg und Diepholz bei der Biogas-Produktion weit vorn. Laut niedersächsischem Umweltministerium wurden hier im Jahr 2019 jeweils über 500 GWh Strom ins Netz eingespeist.
Eine Biogasleitung führt zu einem Wohngebiet
Um mehr Biogas ins deutsche Gasnetz einzuspeisen, bedürfte es zusätzlicher Gasleitungen. Bild: DPA | Markus Scholz
Wenn Biogas tatsächlich dazu beitragen könnte, fehlende Erdgas-Exporte zu ersetzen: Was spricht überhaupt dagegen, die Erzeugung stärker zu fördern?
Das Biogas zum gegenwärtigen Zeitpunkt Erdgasimporte in einem nennenswerten Umfang ersetzen kann, ist zweifelhaft, zumindest mit Hinblick auf die Wärmeerzeugung in Haushalten und in der Industrie. Doch dafür wird Erdgas bei uns vor allem benötigt. So bemängelt der Bremer Biologe und Nachhaltigkeitsforscher Arnim von Gleich: "Die meisten Biogas-Anlagen speisen kein Gas ins Gasnetz ein, sondern betreiben Blockheizkraftwerke vor Ort, also auf den Höfen, was die Wärmenutzung extrem erschwert. Sie speisen Strom ins Netz ein. Die Gasmenge, die ins Gasnetz eingespeist wird, ist verschwindend gering."

Von Gleich verweist in diesem Zusammenhang auf den Monitoringbericht der Bundesnetzagentur für das Jahr 2021. Hiernach machte die 2020 aus bundesweit 208 Biogas-Anlagen ins Gasnetz eingespeiste Menge nur etwa 0,006 Prozent der deutschen Gasimporte von 1.674 TWh/a aus. "Da gehört doch schon sehr viel Mut dazu, von einem möglichen wesentlichen Beitrag zum Ersatz von Putins Gas zu sprechen", kommentiert der Wissenschaftler die Zahlen. 
Wenn Biogas-Anlagen zum gegenwärtigen Zeitpunkt und bei der jetzigen Infrastruktur auch nur vergleichsweise wenig zur Wärmegewinnung beitragen, erzeugen sie doch viel Strom. Welche Nachteile hätte es, stärker auf Biogas zu setzen?
"Biogas-Anlagen werden überwiegend mit Mais betrieben, zum Teil sogar mit Getreide und nur zu einem sehr kleinen Anteil mit Abfällen, Mist oder Gülle", kritisiert von Gleich. "Wir sollten möglichst nichts, was für die Ernährung der Menschen oder Tiere verwendet werden kann, verheizen oder für die Stromerzeugung verbrauchen", fügt der Forscher hinzu. Das gelte umso mehr seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs und des damit einhergehenden Mangels an Getreide.

Von Gleich fordert, dass die Betreiber von Biogas-Anlagen auf andere Substrate zur Gasgewinnung umschwenken sollten, beispielsweise auf Gülle. "Aber dann kommt halt nicht mehr so viel nutzbare Energie heraus. Da besteht noch Forschungsbedarf", stellt er fest. Tatsächlich steht von Gleich mit dieser Einschätzung nicht allein da. So fordert auch der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in einem Positionspapier: "Die energetische Biomassenutzung darf nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion (...) stehen." Bei der Erzeugung von Biogas müssten vorrangig Reststoffe, Gülle, und Bioabfall eingesetzt werden, nicht aber Energiepflanzen wie Mais.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Juli 2022, 19.30 Uhr