Darum arbeiten Bremer Berufsschüler freiwillig in einem ehemaligen KZ

Freiwillig und ehrenamtlich: Bremer Schüler arbeiten im ehemaligen KZ

Bild: Radio Bremen

Jedes Jahr fahren Berufsschüler aus Bremen in das ehemalige KZ in Sachsenhausen. Dort stoßen sie auf eine ungewöhnliche Baustelle und erhalten nicht nur die Gedenkstätte.

Mitte der Woche wird es dann doch noch mal hektisch. Die Tischler kommen mit dem Restaurieren der Sprossenfenster nicht hinterher. Die Maler müssen noch zweimal streichen – und die passgenau zugeschnittenen Scheiben der Glaser fehlen auch noch. "Jetzt müssen wir hier aber ranklotzen", sagt Pia Bartusch, Auszubildende zur Tischlerin im dritten Lehrjahr. Denn am Freitag muss alles fertig sein, dann sollen die Fenster in der alten Lagerwäscherei wieder aussehen wie neu.

50 Auszubildende aus Bremen und Brandenburg

Schülerin Pia Bartusch ist Auszubildende zur Tischlerin im dritten Lehrjahr.
Pia Bartusch ist einer der Teilnehmerinnen von den 27 Auszubildenden des "Lernen und Arbeiten im ehemaligen Konzentrationslager" Projekts. Bild: Radio Bremen | Steffen Huddemann

Eine Baustelle, auf der verschiedene Gewerke ineinandergreifen, ist ein komplexes Gebilde. Das ist eine Erkenntnis, die die Bremer Berufsschülerinnen und Berufsschüler nach dieser Woche mit nach Hause nehmen, aber bei Weitem nicht die Einzige. Denn diese Baustelle ist eine ungewöhnliche: das ehemalige Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Berlin. Zwischen 1936 und 1945 inhaftierten die Nationalsozialisten hier rund 200.000 Menschen: politische Gegner, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle. Zehntausende starben an Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und systematischer Vernichtung. Die Reste der Krematorien können Besucher heute noch besichtigen.

700.000 Gäste kommen nach Angaben der Gedenkstätte pro Jahr, darunter viele Schulklassen aus Deutschland, Skandinavien, den Niederlanden, aber auch aus Israel und Übersee. Und mittendrin arbeiten jedes Jahr für eine Woche rund 50 Auszubildende aus Bremen und Brandenburg.

Wenn Schülerinnen und Schüler hier arbeiten, um mit dem Ort aktiv umzugehen und sich dann auch noch Ausstellungen zur Geschichte ansehen, dann ist das eine optimale Form der Bildungsarbeit.

Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte

Bremer Azubi berührt von vergangenen Schrecken

Schüler Oskar Gabriel steht im Turm A in der Gedenkstätte in Sachsenhausen.
Oskar Gabriel will mit dem Projekt die Erinnerungen erhalten. Bild: Radio Bremen | Steffen Hudemann

Die Schüler sollen sich ausdrücklich Zeit nehmen, neben ihren Renovierungsarbeiten auch in die Ausstellungen zu gehen. Oskar Gabriel, Zimmerer im zweiten Lehrjahr, steht gerade auf Turm A. Von dort hat man einen guten Blick über das Lagergelände – kein Zufall, denn hier standen damals die Wachleute mit dem Maschinengewehr. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Manchmal schossen die SS-Leute aber auch einfach so – aus Willkür. Heute ist in Turm A eine von mehreren Ausstellungen der Gedenkstätte untergebracht. Oskar Gabriel kommt nachdenklich wieder heraus.

Das war hier kein Vernichtungslager wie Auschwitz und trotzdem ist hier jeder Vierte gestorben. Was mussten da die Menschen in reinen Vernichtungslagern erleben. Erschreckend!

Oskar Gabriel, Auszubildender

Seit 1994 fahren die Bremerinnen und Bremer vom Schulzentrum Alwin-Lonke-Straße in Burg-Grambke einmal im Jahr nach Sachsenhausen. Kurz zuvor hatte eine Serie von rassistischen Ausschreitungen, Brandstiftungen und Morden Deutschland erschüttert: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Auch in Sachsenhausen brannten 1992 ehemalige Häftlingsbaracken. In Bremen entstand die Idee für das Schulprojekt. Seit 1998 ist auch eine Schule aus Hennigsdorf in Brandenburg dabei.

So engagieren sich die Bremer Schüler

Gedenkstätte Eingang in Sachsenhausen
In 1944 waren circa 90 Prozent der Häftlinge Ausländer. Ein großter Teil war sowjetischer und polnischer Herkunft. Bild: Radio Bremen | Steffen Huddemann

Probleme Schülerinnen und Schüler für das Projekt zu begeistern, hatte die Bremer Berufsschullehrerin Katrin Graf noch nie. Und das obwohl das Projekt ehrenamtlich ist, die Schüler müssen sogar noch 140 Euro von ihrem schmalen Gehalt für Fahrt und Unterkunft hinzuzahlen. In diesem Jahr wollten rund 50 Auszubildende aus Bremen mit, nur 27 konnten dabei sein.

Am Anfang ist häufig die Intention der Schüler: "Ich war noch nie in einem KZ." Im Laufe einer Woche kommt dann oft die Erkenntnis: "In welcher Zeit leben wir denn heute? Da müssen wir echt aufpassen, dass das nicht wieder passiert."

Katrin Graf, Berufsschullehrerin
Eine Bleistiftzeichnung von ehemaligem Häftling Jan Budding zeigt den "Morgenappell" im KZ in Sachsenhausen.
Eine Bleistiftzeichnung vom ehemaligem Häftling Jan Budding zeigt den "Morgenappell" im KZ in Sachsenhausen. Bild: Gedenkstätte Sachsenhausen

Ein Grund, dass so viele Berufsschüler im KZ in Sachsenhausen arbeiten wollen, sind die Zeitzeugengespräche. Lange haben KZ-Überlebende selbst von ihren Erfahrungen berichtet. Langsam wird es schwierig, noch Überlebende zu finden. In diesem Jahr berichtet stattdessen Armin Lufer, 93, den Schülern von seiner Zeit in Hitlerjugend und Wehrmacht – eine Jugend auf der Seite der Täter.

Das Projekt "Lernen und Arbeiten im ehemaligen Konzentrationslager" schafft bei den Schülern eine Tiefe, die ein herkömmlicher Geschichtsunterricht nicht bieten kann. Wer sich eine ganze Woche auf dem Gelände aufhält, nimmt Eindrücke mit nach Hause, die er nie wieder vergisst. Während die Auszubildenden auf der Baustelle arbeiten, arbeitet es auch erkennbar in ihnen. "Vor 80 Jahren hätte ich hier nicht so frei arbeiten können", sagt Glaserlehrling Florian Schwirtz. Und Pia Bartusch fragt sich, wer die Fenster, die sie gerade restauriert, wohl gebaut hat. "Wie wurden die Menschen dazu genötigt, die zu bauen. Oder hatten sie vielleicht sogar Spaß dabei? Denn uns macht es ja Spaß."

Projekt für Bremer Schüler mit unklarer Zukunft

Glaserlehrling Florian Schwirtz arbeitet auf der Baustelle in der Gedenkstätte in Sachsenhausen.
Florian Schwirtz ist Glaserlehrling und arbeitet auf der Baustelle in Sachsenhausen. Bild: Radio Bremen | Steffen Hudemann

Lehrerin Katrin Graf war schon als Schülerin dabei, später als Studentin, seit 2012 betreut sie das Projekt als Lehrerin. Einmal haben sie hier beim Erneuern einer Wasserleitung ein Massengrab entdeckt. Die Bremer haben dann dabei geholfen, die Asche Verstorbener in Bananenkisten zu transportieren. "Sowas kann keinen kalt lassen", sagt Graf. Diverse Preise hat das Projekt in der Vergangenheit gewonnen. Vom Preisgeld zehrt Graf bis heute. Denn allein aus Spenden und der Zuzahlung der Schüler lässt sich das Projekt kaum finanzieren. "Das nächste Jahr ist noch gesichert", sagt sie. "Was danach kommt, weiß ich nicht."

Dabei kennt das Projekt am Ende dieser Woche nur Gewinner. Die Schülerinnen und Schüler fahren mit vielen Eindrücken und neuem Wissen nach Hause, und die Gedenkstätte hat dringend benötigte Renovierungen bekommen. In diesem Jahr die Fenster der alten Wäscherei. Denn am Ende der Woche ist mit ein paar Überstunden doch noch alles fertig geworden auf dieser ziemlich einzigartigen Baustelle.

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  • Steffen Hudemann Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Oktober 2022, 19:30 Uhr