Interview

"Geht um Menschenleben": Bremer Medizin-Ethiker für Impfpflicht

Wie Bürgermeister Bovenschulte fordert auch der Bremer Medizin-Ethiker Wehkamp eine Corona-Impfpflicht für einige Berufen. Im Notfall auch für alle.

Während die Ampel-Parteien noch ringen, steht für den Bremer Medizin-Ethiker, Arzt und Soziologen Karl-Heinz Wehkamp fest: Deutschland wird nicht umhin kommen, eine Corona-Impfpflicht einzuführen. Gegenüber buten un binnen erläutert Wehkamp die Gründe.

Wieso brauchen wir die Corona-Impfpflicht in Deutschland?
Lieber eine Impfpflicht als einen Lockdown. Wobei ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Impfpflicht für die ganze deutsche Bevölkerung fordern möchte. Aber eine Impfpflicht für bestimmte Gruppen fände ich angemessen: für Menschen in der Kranken- und in der Altenpflege, für Beschäftigte in der Medizin, für das Personal in Kitas und Schulen – dort, wo es zu vielen Kontakten kommt. 
Sie sagen: "zum jetzigen Zeitpunkt". Können Sie sich auch eine Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung vorstellen?
Ja. Das wäre auch nicht das erste Mal in unserer Geschichte. Man denke nur an die Kinderlähmung oder an die Pocken in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Gerade die Pocken waren jahrhundertelang eine Geißel der Menschheit. Wir haben sie mit den Massen-Impfungen praktisch ausgerottet. Als die Pockenimpfung aufkam, gab es auch viele Widerstände, aber wenig später wurde sie doch überwiegend akzeptiert und als segensreich anerkannt.
Schwarzweiß-Foto von einer Massen-Pockenimpfung im Jahr 1960
Die Pocken konnten mit massenhaften weltweiten Impfungen in den sechziger und siebziger Jahren schließlich ausgerottet werden. Bild: dpa
Was ist auch Ihrer Sicht denn heute anders als damals?
Die Voraussetzungen. Die Impfungen sind in gewisser Weise noch wichtiger geworden. Es leben heute viel mehr Menschen auf der Erde. Wir haben einen globalisierten, raschen Flugverkehr. Dadurch können sich Pandemien rasend schnell auf dem gesamten Erdball verteilen. Das kannten frühere Generationen nicht. Die fürchterliche Spanische Grippe war in ihrer Verbreitung noch an die Geschwindigkeit von Schiffen gebunden und hat dennoch Millionen Todesopfer gefordert.
Welche Argumente sprechen neben der hohen Bevölkerungsdichte und dem globalen Flugverkehr für eine Corona-Impfpflicht?
Menschen, die sich nicht impfen lassen, erwarten in der Regel durchaus, dass sie im Falle einer Erkrankung kostenlos versorgt werden. Sie erwarten die Solidarität der Gemeinschaft, schützen sich und die anderen aber nicht. Das finde ich nicht richtig. Wenn man sich zudem ansieht, wie durch die Verbreitung des Virus auch Geimpfte und letztlich die ganze Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen werden, dann kann man schon zu dem Ergebnis kommen, dass es richtig wäre, gleich die ganze Bevölkerung impfen zu lassen.  
Gegner sehen in einer möglichen Impfpflicht insbesondere einen schweren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte …
Wenn den Menschen diese Eingriffe in ihre Persönlichkeitsrechte zu schwer erscheinen, dann drohen ihnen andere Eingriffe, so in das Recht der freien Bewegung wie derzeit in Österreich. Ein Lockdown für Ungeimpfte ist ja im Grunde genommen eine Art Bestrafung für diese Menschen. Jeder Einzelne und auch die gesamte Gesellschaft steht im Grunde vor der Wahl zwischen Pest und Cholera, das heißt es gibt kein reines Richtig oder Falsch. Persönlich fände ich eine Impfpflicht besser als einen Lockdown, und auch vertretbar. Der Erhalt der Funktionsfähigkeit und der Arbeitsfähigkeit unserer Gesellschaft, ja sogar der Menschheit, ist meines Erachtens ab einem gewissen Grad ein höheres Gut als das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen über eine Impfung. 
Welche Argumente gegen eine Covid-19-Impfpflicht würden Sie überhaupt noch gelten lassen?
Das Recht auf Unversehrtheit ist schon ein hohes Gut. Man sollte es nicht leichtfertig opfern. Ich sehe auch Gefahren in einer staatlichen, mit Gewalt vermittelten Gesundheitsfürsorge. Es ist bekannt aus autoritären Gesellschaften, auch in unserer Geschichte, dass radikale Zwangsmaßnahmen im Namen der Gesundheit gegen Menschen durchgesetzt wurden, ohne das der Einzelne eine Chance gehabt hätte, sich zu wehren. Da wir immer mehr Erkenntnisse gewinnen über Gesundheitsgefährdung, sehe ich durchaus auch die Gefahr, dass Staaten, wenn sie sich verpflichtet fühlen, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, demokratische Rechte und Menschenrechte erheblich einschränken können. 
Haben Sie dazu ein Beispiel parat?
Wenn beispielsweise der Staat China in zu langem Spielen am Computer ein Gesundheitsrisiko für Kinder erkennt und daraus ableitet, dass Kinder nicht länger als eine Stunde pro Woche vor einem Bildschirm sitzen dürfen und das Ganze per Gesichtskontrolle überwacht wird – dann wird schon deutlich, dass man über Gesundheitsfragen eine autokratische Macht aufbauen kann. Insofern sollte man schon vorsichtig sein. Eine Impfpflicht müsste sehr, sehr gut begründet, überwacht und angemessen sein. 
Angenommen: Es kommt zu einer Impfpflicht in Deutschland. Was wäre eine angemessene Strafe für jemanden, der sich der Impfung widersetzt?
Wenn von dem Nicht-Geimpften die Gefahr ausgeht, andere Menschen zu infizieren, dann könnte man theoretisch eine Art der Haftung einfordern, ähnlich wie man es bei HIV-Infizierten gemacht hat, die wissentlich andere gefährdet haben. Man könnte verlangen, dass die betreffende Person, die sich nicht impfen lassen will, eine besondere Versicherung abschließt, etwa eine spezielle Haftpflichtversicherung. Es geht um Menschenleben.
Ein gelber Impfausweis, auf dem ein Kugelschreiber und eine Spritze liegen.
Die Impfung gegen Masern ist in Deutschland seit März 2020 für alle Kinder Pflicht. Bild: DPA | Bildagentur-online
Die seit März 2020 greifende Pflicht, Kinder gegen Masern impfen zu lassen, hat in Deutschland keine allzu großen Debatten nach sich gezogen. Worin liegt der Unterschied zu einer möglichen Covid-Impfpflicht?
Aus meiner Sicht gibt es da keinen Unterschied. Wir müssen davon ausgehen, dass Covid auf eine andere Art genauso gefährlich ist wie die Masern, vielleicht sogar gefährlicher. Das Virus hält viele Überraschungen bereit, wie wir an den verschiedenen Varianten sehen. Bei den Masern sehe ich derzeit nicht die Gefahr einer weltweiten pandemischen Verbreitung, wohl aber bei Covid. Einige Regionen in der Welt haben bereits enorm viele Menschenleben durch das Virus verloren. Covid droht immer wieder die Gesundheitssysteme zu überlasten, die Masern dagegen nicht. 

Wenn man sieht, wie das medizinische- und das Pflegepersonal unter höchstem Aufwand und persönlichem Risiko Covid-Kranke behandelt hat und weiter behandelt, und wenn man sich dann vor Augen führt, dass ein Teil dieses Elends vermeidbar wäre, dann darf man sich nicht wundern, wenn wir unser hochqualifiziertes Personal in der Intensivmedizin verlieren. Das darf nicht sein, finde ich, nicht, weil ein kleiner Teil der Bevölkerung meint, sich der Impfung widersetzen zu müssen.
Was glauben Sie: Wie wird die Debatte um die Impfpflicht in Deutschland ausgehen?
Es gibt einen starken Individualismus in unserer Gesellschaft. Die Widerstände gegen die Impfpflicht sind stark. Es gibt die Auffassung, dass man dem Staat nicht trauen darf. Und es gibt auch eine große Skepsis gegenüber der Pharma-Industrie. Die Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu glauben, ist groß. 

Aber wenn es so weiter geht wie jetzt schon südöstlich von uns, wie in Österreich oder auch in Bayern, dann sehe ich das kommen: Ein großer Teil der Bevölkerung könnte ein enormes Aggressionspotential gegen die Ungeimpften aufbauen. Das gilt es unbedingt zu verhindern. Aber wir können es uns auch nicht leisten, noch einmal solche Lockdown-Verhältnisse zu erleben wie im letzten Jahr. Der Druck auf die Ungeimpften wird immer größer werden. Eine Impfpflicht – zumindest in einzelnen Berufen – wird auf uns zukommen. Und das finde ich auch richtig, denn man kann der Ausbreitung der Pandemie nicht tatenlos zusehen, wenn wirksame Gegenmittel vorhanden sind. Gleichwohl muss dringend daran gearbeitet werden, über diese Frage die Gesellschaft nicht zu polarisieren.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 15. November 2021, 16:50 Uhr