"Ein Zukunftsmarkt": Bremerhavener Firma recycelt E-Auto-Batterien

Die Recycling-Anlage der Firma Redux in Bremerhaven

"Ein Zukunftsmarkt": Bremerhavener Firma recycelt E-Auto-Batterien

Bild: Redux Recycling

Kobalt, Nickel, Lithium: In Akkus von E-Autos und E-Bikes stecken viele wertvolle Rohstoffe. Ein Bremerhavener Unternehmen hat deshalb eine spezielle Recycling-Anlage entwickelt.

E-Autos, E-Bikes, Elektro-Roller: Fahrzeuge mit Elektroantrieb sind immer mehr auf dem Vormarsch. Bis 2030, so die Schätzung des Bundeswirtschaftsministeriums, könnten 14 Millionen E-Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs sein. Mit grünem Strom geladen, sollen E-Fahrzeuge CO2-neutrale Mobilität möglich machen.

Doch die Batterien der E-Autos benötigen zahlreiche Rohstoffe. Und schon nach acht bis zwölf Jahren hat ein E-Auto-Akku in der Regel ausgedient. Die Firma Redux in Bremerhaven hat deshalb, nach eigener Auskunft, als eines der ersten Unternehmen in Europa, eine Recycling-Anlage entwickelt, die im industriellen Maßstab diese speziellen Batterie-Rohstoffe recyceln kann.

Wachstum sei immens

Die Recycling-Anlage von Redux in Bremerhaven
Die Recycling-Anlage: Nach der Zerkleinerung fallen die Rohstoffe als Pulver oder Kügelchen in die Behälter. Bild: Redux Recycling

Der Bremerhavener Betrieb, der zu dem österreichischen Entsorgungsunternehmen "Saubermacher" gehört, sortiert und recycelt seit vielen Jahren normale Haushaltsbatterien. Doch seit 2018 werden an dem Standort unweit des Hafens jedes Jahr auch Lithium-Ionen-Akkus recycelt.

Das Wachstum dieses Geschäftszweigs sei seit 2020 immens, sagt Geschäftsführer Martin Reichstein. Letztes Jahr sei eine vierstellige Zahl an Tonnen verarbeitet worden. "Und wir verdoppeln das dieses Jahr noch mindestens noch ein Mal." Den Höhepunkt für den "Zukunftsmarkt" erwartet Reichstein in 2030, weil dann viele E-Auto-Batterien ihre Laufzeit erreicht hätten. Redux will deshalb in Bremerhaven künftig ausschließlich Lithium-Ionen-Akkus verarbeiten, der Geschäftszweig mit den Haushaltsbatterien wandert an den Standort in Offenbach.

Rohstoff-Abbau oft in Krisenregionen

Überall in Europa entstehen derzeit Batterie-Werke für E-Autos. Reichstein sagt, 2018 seien es erst acht Werke gewesen, aktuell habe er 36 realisierte oder geplante Produktionsstätten gezählt. Und sie alle brauchen Rohstoffe. Lithium, Nickel, Graphit, Kupfer, Kobalt.

Es sind Stoffe, bei deren Abbau nicht selten Menschenrechte verletzt werden. Und deren Zugang sich oft asiatische Staaten gesichert hätten, sagt Redux-Chef Reichstein.

Kobalt wird irgendwo in Afrika abgebaut, im Kongo, und da muss man auch sagen, unter Bedingungen, die nicht unserem Standard entsprechen und wenn es doch unserem Standard entspricht, dann ist es im Endeffekt China, die da die Fabriken mit aufgebaut haben.

Martin Reichstein, Redux-Geschäftsführer
Ein Mitarbeiter misst den Strom in einer Batterie
Der Reststrom in den Batterie-Zellen wird gemessen. Bild: Redux Recycling

Das Recycling der Lithium-Ionen-Akkus ist nicht ungefährlich. In der Bremerhavener Produktionshalle machen rote Warndreiecke und eine Absperrung deutlich: Gefahrenzone. Denn zu Beginn steckt in den Elektro-Batterien noch jede Menge Strom, deshalb müssen sie erst vollständig entladen werden. Das übernehmen speziell ausgebildete Hochvolt-Elektriker.

"Das muss sehr gesteuert passieren, dass man so ein Akku nicht überhitzt und dann irgendwelche Brände passieren", erklärt Reichstein. Nach dem Entladen erfolgt noch ein Kurzschluss, damit die Akkus auch wirklich tot sind. Danach wird die Verkleidung abmontiert.

Ein Einmachglas mit schwarzem Pulver darin
Endprodukt des Recyclings: Die so genannte "Aktivmasse" enthält Kobalt, Nickel, Lithium und Graphit. Bild: Redux Recycling

In einem nächsten Schritt werden die Batterie-Zellen bei hoher Temperatur erhitzt. Danach gelangen sie in die spezielle Zerkleinerungsanlage. Die Endprodukte sind einerseits Kügelchen, etwa aus Aluminium, und andererseits – als Hauptprodukt – ein schwarzes Pulver. Diese sogenannte Aktivmasse enthält mit Kobalt, Lithium, Nickel und Graphit die wertvollsten Rohstoffe.

Das schwarze Pulver wird nach Übersee verschifft, wo spezielle Firmen es zur neuen Nutzung in seine Einzelteile zerlegen. Aktuell gebe es nämlich dafür noch keine großen Kapazitäten in Europa, sagt Reichstein.

Noch 80 Prozent Ladeleistung

Doch ließen sich die Akkus nicht noch anderweitig nutzen, statt sie zu zerhexeln? Schließlich haben sie in der Regel noch bis zu 80 Prozent ihrer Ladeleistung, wenn sie aussortiert werden.

Natürlich, wenn eine Batterie eigentlich noch 80 Prozent Ladungsfähigkeit hat, dann macht es auch Sinn, über Second Life nachzudenken. Das ist aber ein Thema, was natürlich nochmal genau betrachtet werden muss. Wir haben ein Produkthaftungsgesetz in Europa.

Redux-Chef Reichstein

Vor diesem Haftungsrisiko schreckten Unternehmen zurück, meint Reichstein. Besonders, wenn Akkus aus Unfallwagen kommen oder die Herkunft unklar ist.

Es gibt jedoch auch erste Versuche, ausgediente E-Auto-Akkus als lokale Speicher zu nutzen. Ein entsprechendes Pilotprojekt haben der Energiekonzern RWE und der Autohersteller Audi Ende 2021 in Nordrhein-Westfalen gestartet. Der Speicher hat den Unternehmen zufolge eine Kapazität von 4,5 Megawattstunden Strom.

Egal, ob Zweitnutzung oder Recycling: Redux-Chef Reichstein appelliert an die Europäische Union, klare Vorgaben für eine echte Kreislaufwirtschaft zu machen. "Ich glaube, die Thematik, in Wertstoffkreisläufen zu denken, das ist eine Thematik, die wir uns wirklich ganz oben auf unsere Agenda in Europa schreiben müssen", findet Reichstein. Nur mit einem robusten Kreislauf von Rohstoffen sei es möglich, eine nachhaltige Mobilität voranzubringen.

Autorin

  • Carolin Henkenberens Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 2. März 2022, 14:40 Uhr.