Darum sollte der Bremerhavener Bahnhof eigentlich woanders hin

In Bremerhaven wurde um 1900 ein Bahnhof geplant, der nie gebaut wurde. Das repräsentative Gebäude eines Bahnhofshotels gibt es aber bis heute.

Prächtig sieht das Haus aus, ein bisschen wie das "Grand Budapest"-Hotel im Film von Wes Anderson. Eidechsen aus Stuck kriechen die Ansätze der Säulen hoch, die ab dem dritten Stock die Fassade gliedern, Stuck-Oktopusse halten mit ihren vielen Armen Wappen, von weiter oben gucken Wassergeister herunter. Ein symmetrisches Jugendstil-Fenster, das aussieht wie zwei Schneckenhäuser, schmückt den Giebel.

Ein Mann steht vor einer grauen Eingangstür.
Das repräsentative Gebäude gilt es zu erhalten, findet Olaf Mahnken vom Bremerhavener Denkmalschutz. Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Um das Haus in seiner ganzen Schönheit zu erfassen, müsste man sich mitten auf die Bürgermeister-Smidt-Straße stellen, den Verkehr ignorieren, den Kopf in den Nacken legen und an der Fassade hochgucken. Genau das macht Olaf Mahnken vom Bremerhavener Denkmalschutz. Vorsichtshalber steht er aber nicht auf der Straße, sondern lieber auf dem Fußweg: "Es ist ja so eine Art Eingangsportal in diesen Stadtteil. Entworfen war es im Neobarock, über die Jahre hat man aber auch Merkmale vom Jugendstil hier mit einfließen lassen, das sieht man eben an der Ornamentik, die mit dem Fischfang viel zu tun hat", erzählt er.

Bremerhavener hofften auf einen Bahnhof

Der Malermeister Hoffmann, der das Haus 1903 erbauen ließ, hatte große Pläne mit dem Prachtbau. Ein Bahnhofshotel sollte er werden – und den ganzen Platz dominieren, der heute Martin-Donandt-Platz heißt, früher aber Cecilienplatz, und an dessen Südseite in einem großen Bogen eine Bahnlinie verlief. Die Straße heißt deswegen auch heute noch Bogenstraße. Die Bremerhavener hätten hier gerne einen Personenbahnhof hingebaut.

Bis dahin war die Stadt nur über eine Zweigbahn und den Bahnhof im damals noch selbstständigen Nachbarort Geestemünde angeschlossen – der aber vom wachsenden Verkehr geradezu überrannt wurde, beklagte der Geestemünder Landrat Brandt 1904 vor dem preußischen Abgeordnetenhaus.

Meine Herren, wenn Sie diesen Bahnhof mal sähen und die Verbindungsbahn nach Bremerhaven, die mitten hindurch führt, zahlreiche Straßenzüge abschneidet und den ganzen Güterverkehr zwischen Bremerhaven und dem Inlande, auch den ganzen Lokalverkehr zwischen Geestemünde, Cuxhaven und Bederkesa mit mindestens 50 bis 60 mehr oder minder langen Zügen täglich, dann würden Sie sagen: Ja, die Geestemünder sind wirklich geduldige Untertanen.

Geestemünder Landrat Brandt 1904 vor dem preußischen Abgeordnetenhaus

Jahrzehntelange Verhandlungen

Jahrzehntelang verhandelten Bremen und das Königreich Hannover ständig über den Ausbau des Bahnnetzes. 1905 beendete ein bremisch-preußischer Staatsvertrag die Bremerhavener Hoffnungen auf einen eigenen Bahnhof. Stattdessen wurde einer im Osten Geestemündes gebaut – der heutige Bremerhavener Hauptbahnhof.

Als Ausgleich erhielt Bremerhaven eine zweigleisige Straßenbahn dorthin – und der neue Bahnhof die Bezeichnung "Bremerhaven-Geestemünde", damit man ihn auch unter "Bremerhaven" im Kursbuch der Reichsbahn fand. Die Straßenbahn fuhr bis 1982, aber das ist eine eigene Geschichte. Das Haus, das nie Bahnhofshotel wurde, steht heute noch, prächtig wie damals.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 28. März 2022, 7:20 Uhr