Darum sind in Bremen so viele Menschen von Armut bedroht

Wieder einmal führt Bremen eine traurige Rangliste an: Nirgendwo in Deutschland sind mehr Menschen von Armut bedroht. Doch warum ist das so? Und warum gelingt es der Bremer Politik nicht, die Situation zu verbessern?

Junger Mann bettelt auf der Straße
Wer weniger als 891 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, gilt in Bremen als von Armut bedroht. Bild: Imago | Gottfried Czlepuch

Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt ermittelt hat, sind ernüchternd: Jeder 5. Bremer ist von Armut bedroht. In keinem anderen Bundesland ist die Zahl der armutsgefährdeten Menschen so hoch wie bei uns. Konkret waren im Jahr 2016 22,6 Prozent der Bremer von Armut bedroht. Besonders gefährdet sind Erwerbslose und Alleinerziehende. In Bremen waren 60,7 Prozent der Erwerbslosen und 59,1 Prozent der Alleinerziehenden von Armut bedroht.

Und die Situation ändert sich seit Jahren kaum. Seit 2008 liegt die Quote bei über 20 Prozent. 2015 waren in Bremen sogar 24,8 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. Dass es in diesem Jahr zwei Prozentpunkte weniger sind, ist vermutlich kein Verdienst der Politik, sondern einer neuen Berechnungsmethode des Statistischen Bundesamtes geschuldet. Darauf weist René Böhme vom Institut für Arbeit und Wirtschaft hin. Er forscht zum Thema Armutsbekämpfung in Bremen.

So unterschiedlich ist die Armutsgefährdung je Bundesland:

Diagramm:  Armutsgefährdungsquote in den Bundesländern.
Bild: Radio Bremen / Statistisches Bundesamt

Aktuell evaluiert Böhme im Auftrag der Sozialsenatorin Anja Stahmann (Bündnis 90/Die Grünen), ob die bisherigen Maßnahmen in Bremen funktioniert haben und wie sie verbessert werden könnten.

Warum gelingt es Bremen nicht, die Armutsquote zu verbessern?

1 Die Arbeitslosenquote ist hoch

Die Arbeitslosenquote lag im Land Bremen 2016 bei 11,6 Prozent. "Zwei Drittel der Menschen, die Hartz IV erhalten, sind Langzeitarbeitslose, viele davon ohne Berufsausbildung", sagt Böhme. Die Chancen, diese Menschen in den klassischen Arbeitsmarkt zu integrieren, seien gering. Das bedeutet für das Land dauerhafte Kosten: Während der Bund die Regelsätze etwa für Hartz IV übernimmt, zahlen die Kommunen die Unterbringung. Und hier gilt: Je mehr Menschen arbeitslos sind, umso höher sind hier die Kosten – es bleibt weniger für Investitionen übrig.

Was kann Bremen tun?

Wenig. "Die Handlungsspielräume sind hier in Berlin", sagt René Böhme. "Wenn der Bund zum Beispiel die gesamten Kosten nach SGB-2 übernehmen würde, könnte das eine Kommune wie Bremen stark entlasten." Zudem fördere die Bundesregierung hauptsächlich den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. "Eine Kommune wie Bremen mit vielen Langzeitarbeitslosen, die kaum Chancen auf einen Job im ersten Arbeitsmarkt haben, hat dann einfach Pech", so Böhme.

2 Das Bildungsniveau in Bremen ist sehr niedrig

In keinem anderen Bundesland leben mehr Menschen mit niedrigem Bildungsstand als in Bremen. Darunter versteht man Personen ohne Berufsabschluss und ohne Fachhochschulreife. 2015 lag die Quote bei 21,4 Prozent – im Bundesdurchschnitt haben nur 13,2 Prozent der Menschen einen niedrigen Bildungsstand. "Da die Anforderungen im Beruf stetig steigen, ist es kein Wunder, dass dann in Bremen so viele Menschen ohne Arbeit sind", so Böhme. Für Alleinerziehende sei es besonders schwierig: "Viele haben keine abgeschlossene Berufsausbildung", so Böhme. Hinzu kämen zusätzliche Herausforderungen durch Flüchtlinge und Arbeitsmigranten mit geringen Berufsqualifikationen.

Was kann Bremen tun?

"Bremen muss dafür sorgen, dass der Armut der Nachwuchs ausgeht", sagt René Böhme. Erste Schritte in diese Richtung seien der Ausbau der Ganztagsschulen und der Kleinkindbetreuung. Auch die Idee, Schulen in benachteiligten Stadtteilen mit mehr Mitteln und Lehrern zu versorgen, hält er für sinnvoll. "Allerdings sind in Bremen die finanziellen Mittel begrenzt", so Böhme.

Mutter sitzt an einem Tisch und hält ihr Kind auf dem Arm
Alleinerziehende sind besonders davon bedroht, in Armut zu leben. Viele junge Alleinerziehende in Bremen haben zudem keine abgeschlossene Ausbildung. Bild: Imago | Westend61

3 Großstädte haben einen schwierigen Stand

Die Armutsgefährdung steigt in Großstädten deutlich. Ein Grund: Arbeitssuchende, auch aus dem Ausland, ziehen eher in Großstädte – vor allem in solche, deren Mieten sie sich noch leisten können. Zudem sind die sozialen Ungleichheiten schwieriger aufzubrechen, weil etwa in ärmeren Stadtteilen ähnliche Milieus leben. Die Chancen für bildungsferne Kinder, von anderen Milieus zu profitieren, sind hier geringer als auf dem Land.

Was kann Bremen tun?

Auch hier ist die Investition in Bildung ein Mittel der Wahl. Im Bundeslandvergleich führt Bremen zwar die Rangliste der Armutsgefährdungsquote an. Im Vergleich der Großstädte steht es aber besser da: In Dortmund, Duisburg, Leipzig und Hannover ist die Quote der Menschen, die von Armut bedroht sind, höher. "Der Bund müsste Großstädte insgesamt stärker unterstützen", fordert Böhme.

4 Bremen hat wenig finanzielle Spielräume

Als Bundesland mit Haushaltsnotlage kann Bremen nur wenig investieren. Da so viele Menschen armutsgefährdet sind, hat das Land höhere Kosten, gleichzeitig aber auch weniger Steuereinnahmen. Ein Teufelskreis.

Was kann Bremen tun?

"Die Handlungsmöglichkeiten sind hier auf Landesebene begrenzt", sagt Böhme. Letztlich müsse sich die Politik entscheiden, wo sie konkret ansetzen wolle. "Man wird wegen der mangelnden finanziellen Ressourcen nicht an allen Stellschrauben ansetzen können", so Böhme. "Es gilt, bestimmte Schwerpunkte festzulegen."

Fazit

Die gewachsenen Strukturen und die unterschiedlichen Zuständigkeiten zwischen Kommunen und Bund machen es schwer, Verbesserungen zu erzielen. Zudem kommen mit der Integration von Flüchtlingen und dem Wandel des Arbeitsmarktes neue Herausforderungen hinzu. So schnell wird Bremen wohl nicht aus den oberen Rängen der Armuts-Rangliste verschwinden.

  • Tanja Krämer

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 29. August 2017, 8:30 Uhr