Interview

Bremerhavenerin erklärt, warum es in der Antarktis 30 Grad zu warm ist

Eine geschlossene Eosdecke reicht bis zum Horizont, darüber blauer Himmel und die Sonne.
Impressionen vom Eis der Antarktis, aufgenommen während einer Polarstern-Expedition.

30 Grad zu warm: Bremerhavenerin erklärt Rekordwert in der Antarktis

Bild: Alfred-Wegener-Institut | Lars Grübner

Forscher nennen es ein historisches Ereignis: In der Antarktis ist es ungewöhnlich heiß. Meteorologin Annika Brieber sagt, das allein sei kein Beweis für den Klimawandel.

In der Antarktis haben Forscher in den vergangenen Tagen ungewöhnlich hohe Temperaturen gemessen. Sie lagen mehr als 30 Grad Celsius höher als normal. Forscher sprechen von einem historischen Ereignis. Der Meteorologe Etienne Kapikian von Météo-France teilte auf Twitter mit, dass die Forschungsstation "Dome Concordia" am Freitag in einer Höhe von 3.000 Metern einen "Hitze"-Rekord von minus 11,5 Grad Celsius gemessen habe.

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Auf der Vostok-Station auf über 3.400 Metern Höhe im Osten der Antarktis, dem Kältepol der Erde, wurden laut "Washington Post" minus 17,7 Grad Celsius gemessen. Damit sei der bisherige Monatsrekord um 15 Grad übertroffen worden. Für den März seien minus 53 Grad Celsius üblich.

Annika Brieber, Meteorologin im Bremerhavener Klimahaus, hat sich die Messwerte angesehen und sagt, das sei allein noch kein Beweis für den Klimawandel.

Meteorologin Annika Brieber vom Klimahaus Bremerhaven im Interview
Meteorologin Annika Brieber arbeitet im Bremerhavener Klimahaus. Bild: Radio Bremen
Frau Brieber, wie wird denn das Wetter heute in der Antarktis?
Ich habe gerade mal nachgeschaut für die Vostok-Station. Da wird es eigentlich am aller aller kältesten und langsam normalisiert es sich wieder, also so minus 50 Grad sind da heute angesagt.
Gut, das ist jetzt also wieder das normale Temperaturfenster. Es war aber wirklich ein paar Tage lang 30 Grad zu warm. Warum?
Genau. Wir hatten jetzt in den letzten Tagen Messwerte von knapp minus 18 Grad, absolut außerhalb dessen, was da jemals gemessen wurde. Das ist jetzt erstmal kein direkter Beweis für Klimawandel. Aber es wäre natürlich ein bisschen seltsam, das völlig unabhängig davon zu sehen, in einer Welt, wo es insgesamt immer wärmer wird. Natürlich wird es dann auch in der Antarktis mal wärmer, und wir beobachten immer häufiger solche absolut extremen Ausnahmetemperaturen.
Das habe ich jetzt schon öfter gehört, dass man sagt, das ist noch kein Beweis für den Klimawandel. Was ist es denn dann?
Es ist ein Anzeichen. Wenn man sich die ganze Erde anguckt und überall auf der Erde immer wieder diese einzelnen Anzeichen sieht, die jedes für sich erstmal nur Wetter sind – Wetter schwankt nun mal, das hält sich an keine Mittelwerte und da werden immer wieder Rekorde gebrochen. Aber wenn man sich einfach die Gesamtheit dieser Rekorde anguckt und dass es einfach immer mehr wird auf der ganzen Erde und eben jetzt auch in der Antarktis – da hat man bisher immer noch gesagt, die hält sich selber noch schön kalt – selbst da fällt diese Kühlung langsam aus. Und da sieht man eben: Diese Gesamtheit der Rekorde und Extreme weltweit, die sind dann eben doch ein Beleg für Klimawandel.
Ich frage jetzt ein bisschen provokativ: Darf ich denn mit den Schultern zucken und sagen: Solange es unter 0 Grad bleibt und die Antarktis nicht schmilzt, ist ja alles gut. Oder müssen wir uns Gedanken machen?
Das Problem ist, diese Minusgrade, die wurden jetzt auf 3.000 Meter Höhe gemessen. Das ist auch noch mal das Extreme. Aber am Rand, also an der Küste, da, wo das Schmelzen losgeht, da haben wir Temperaturen nur noch knapp unter 0 gehabt beziehungsweise sogar schon darüber. Und da geht ja das Schmelzen los. Da rutschen dann die Gletscher ins Meer, und da fängt dann eben auch der Meeresspiegel an zu steigen. Und das kann uns gerade hier an der Küste doch ziemlich beunruhigen.

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Autorinnen und Autoren

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Läuft, 22. März 2022, 10:45 Uhr