Altersarmut: So schwer ist es für Frauen in Bremen

Drei von vier Bremer Frauen leben als Rentnerinnen in Armut. Aber warum trifft Altersarmut Frauen besonders hart und wie gehen Betroffene mit der Situation um?

Video vom 6. August 2020
Eine Frau, die mit ihrem Enkel an einem Tisch sitzt und ihn anguckt.
Bild: Radio Bremen

Am 8. März gedenkt man der Frauen, in diesem Jahr wird zudem noch 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert — doch all das ändert nichts an der Tatsache, dass in Bremen drei Viertel der Rentnerinnen in Armut leben. Sie haben monatlich weniger als 1.035 Euro zum Leben, nicht selten sogar sehr viel weniger.

Einmal in der Grundsicherung kommt man schwer wieder raus

Eine Frau schaut in die Kamera im Hintergrund ein Bücherregal
Schicksalsschläge führten Marion Bonk in die Armut. Bild: Radio Bremen

Einmal in der Woche holt Marion Bonk ihre Post von zuhause ab. Ihre Knie machen Probleme, ohne Rollator kann die 62-jährige nicht mehr lange laufen. Ihre Gröpelinger Wohnung zahlt das Amt — 2 Zimmer, Bad im Keller, 48 m². Seit 15 Jahren lebt sie von Hartz IV. Vor kurzer Zeit ist ihr Lebensgefährte verstorben. "Geld war für uns kein Thema. Wir wussten, dass wir eh nichts haben. Manchmal waren wir einen Tee trinken, dann hat mal er und mal ich bezahlt." Nun hofft sie, zumindest die Wohnung ihres verstorbenen Freundes übernehmen zu können, wenn das Jobcenter und die Eigentümer mitspielen.

Von ihrer Rente wiederum erhofft sie sich kein besseres Leben, obwohl diese höher ausfallen wird als der momentane Hartz IV-Satz:

Laut meinem Rentenbescheid bekomme ich etwas über 800 Euro. Wenn ich davon Krankenversicherung und Miete zahle, falle ich wieder in die Grundsicherung. Aus dem Trott komme ich nicht mehr raus.

Marion Bonk

Mit 435 Euro muss Marion Bonk zurzeit monatlich auskommen. Sie hat fünf Kinder groß gezogen, aber keine Ausbildung. Ihre Träume sahen anders aus: "Weil ich gerne koche, wollte ich hauswirtschaftliche Leiterin werden. Drei Monate vor Ende meiner Ausbildung ist meine Mutter verstorben. Wir haben alleine zusammengelebt und ich bin ein tiefes Loch gefallen. Meine Ausbildung habe ich abgebrochen."

Eine Frau und ein Mann stehen neben Kisten mit Gemüse
Regelmäßige Besuche bei der Tafel helfen auch Kontakte zu knüpfen. Bild: Radio Bremen

Nun fährt sie freitags zur Tafel nach Bremen-Burg. Wie Marion Bonk gibt es in Bremen rund 2.500 Menschen, die wöchentlich von der Tafel versorgt werden. Die Produkte sind im Supermarkt nicht mehr verkäuflich, aber eigentlich gut in Schuss. Und der Einkauf kostet 2 Euro, egal, was man nimmt.

Anfangs fiel es Marion Bonk schwer und sie fühlte sich unwohl, mittlerweile schämt sie sich nicht mehr und möchte nicht darauf verzichten — vor allem wegen der Leute, die sie inzwischen schon gut kennt und gerne trifft: "Ich stehe dazu, dass ich Hartz IV bekomme, ich stehe dazu, dass ich zur Tafel gehe. Ich will den Freitag bei der Tafel nicht missen. Weil wir eine tolle Truppe sind und auch die Leute von der Tafel lieb und nett sind."

Zu wenig Jahre eingezahlt und die Rente reicht nicht mal für Miete

Frau schaut in Kamera
Erzieherin Elisabeth Graf wird von ihrer Rente kaum leben können. Bild: Radio Bremen

Auch die Erzieherin Elisabeth Graf ist 62 Jahre alt. Sie verdient zwar ausreichend, aber dennoch treibt sie immer häufiger die Angst um — die Angst vor dem sozialen Abstieg, der Altersarmut. Sie wolle bei der Rente nebenher arbeiten, da es sich demütigend anfühle, zu den Ämtern zu gehen und sie noch körperlich fit sei. Die Rente allein wird wohl kaum reichen: Ihr jetziger Rentenbescheid prognostiziert ihr gerade mal 424 Euro und drei Cent.

Man darf nicht vergessen: Ich muss von der Rente die Pflegeversicherung und Krankenversicherung zahlen. Dann kann ich nicht mal mehr meine Wohnung zahlen. Es reicht einfach für gar nichts.

Elisabeth Graf

Elisabeth Graf macht sich selbst für ihre Misere verantwortlich. Kurz vor dem Abschluss brach sie das Studium ab. Als alleinerziehende Mutter jobbte sie mal hier, mal da. Sie machte sich keinen Kopf über die Rente, das war schließlich noch weit weg. Erst im Alter von 48 Jahren macht sie die Ausbildung zur Erzieherin und beginnt Rentenbeiträge zu zahlen. Zu spät.

Zwei Frauen und ein kleiner Junge sitzen an einem Tisch im Garten
Die Zeit mit ihrer Tochter und dem Enkel genießt Elisabeth Graf ganz besonders. Bild: Radio Bremen

Ihre Tochter Isabelle Graf fragt sich oft, ob die errechnete Rente ihrer Mutter eigentlich gerecht ist: "Sie hat sich ihr Leben lang um uns gekümmert. Wenn eine Mutter sich Vollzeit um die Kinder kümmert, dann kann sie nicht arbeiten. Und das fließt ja leider nicht in die Rente mit ein."

Nun plant Elisabeth Graf bereits, wie sie die Zeit ohne Geld meistern soll. Wie sie zum Beispiel Geld für Geschenke für ihren Enkel zusammensparen kann: "Ich werde einen Euro pro Woche beiseite legen und wahrscheinlich mehr dazu legen, wenn ich weiß, was ich ihm schenken möchte."

Die Kriterien für die neue Grundrente erfüllen Frauen selten

So wie Elisabeth Graf und Marion Bonk sind drei von vier Frauen in Bremen im Alter arm. Laut Definition zählen in Deutschland Menschen dazu, wenn sie weniger als 1.035 Euro netto monatlich zum Leben haben. Und wie die Landes-Frauenbeauftragte berichtet, betrifft das überwiegend den weiblichen Teil der Gesellschaft.

Was die Höhe der Rente betrifft, liegen die Frauen im Durchschnitt 44 Prozent unter den Männern. Das ist gewaltig.

Frauenbeauftragte Bettina Wilhelm
Bettina Wilhelm, Landesfrauenbeauftragte

Dieser Unterschied liege daran, dass sich Rente an der Erwerbsbiographie ausrichtet und nicht an der gesamten Lebensleistung.

Im Juli hat die Bundesregierung die Grundrente beschlossen, die ab 2021 kommen soll. Sie steht denjenigen zu, die mindestens 33 Jahre lang Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt, aber nur wenig verdient haben. Diese Kriterien erfüllen Frauen allerdings selten.

Laut Bettina Wilhelm seien die durchschnittlichen Beitragsjahre bei Frauen in Deutschland 28 Jahre — in Bremen sogar nur 21. Das reiche nicht, um die Grundrente zu erhalten, und nachholen könne man die Zeit dann auch nicht mehr. Deshalb wünscht sich die Landesfrauenbeauftragte auch, dass die Beitragsjahre für die Grundrente geringer angesetzt werden. So könnten vielleicht auch Frauen wie Marion Bonk und Elisabeth Graf davon profitieren.

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Autorin

  • Anke Kültür

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. August 2020, 19:30