Wenn Susi dement wird: Was Bremens Haustierhalter wissen sollten

Ein alter schlafender Bluthund
Zwei von drei alten Hunden werden dement (Symbolbild). Bild: Imago | Cavan Images

Zwei von drei alten Hunden bekommen Alzheimer. Arthrose, Herzprobleme, Bluthochdruck: Tierhalter sollten mit Katzen und Hunden rechtzeitig zur Vorsorge zu gehen.

Jule ist "eine ganz Süße" und einer der Lieblinge von Tierpflegerin Lucina Wojtkowiak im Seniorenhaus vom Bremer Tierheim. Zwei Mal wurde sie schon vermittelt. Beide Male wurde sie wieder abgegeben. Jule miaut. Nicht ab und zu und auch nicht leise, sondern wie am Spieß und viel. "Kaum wendet sie sich von einem ab, fängt sie an zu schreien. Weil sie einen sucht." Und da sie inzwischen auch noch schwerhörig ist, lässt sich das nur schwer mit gutem Zureden beheben. "Dazu kommt auch noch ihre Unsauberkeit. Die können wir leider nicht mehr vermitteln."

Laut maunzende Senioren? Ein Klassiker für Tierarzt Holger Volk. "Bei Katzen kann das auf eine kognitive Disfunktion hinweisen", so der Direktor der Kleintierklinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). Also Demenz. Auch Tierarzt Frank Mergenthal aus Achim bestätigt: "Demenz erkennt man auch daran, wenn einen die Katze nachts regelmäßig laut maunzend weckt, um in den Garten gelassen zu werden – und dann nicht mehr zu wissen scheint, warum." Und viele Tierbesitzer können diese Zeichen nicht deuten. Denn Alterserscheinungen schleichen sich oft langsam ein.

Manches tritt erst jetzt als Gebrechen in Erscheinung, weil wir unsere Haustiere so gut versorgen und sie ein Alter erreichen, das sie in früheren Zeiten nie erlebt hätten.

Prof. Dr. Holger A. Volk
Holger A. Volk, Direktor der Kleintierklinik der TiHo Hannover

Viele Tierbesitzer haben keine klare Vorstellung davon, dass auch ihre tierischen Mitbewohner im Alter Zipperlein bekommen und der Alterungsprozess Begleiterscheinungen hat – durchaus vergleichbar denen bei Menschen: Arthrose, schlechte Zähne, Augenschäden, Gehörverlust, Epilepsie, Herzprobleme, Krebs. Entscheidend sei, das rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Da sind sich beide Tierärzte einig. Volk sagt dabei ganz klar: "Alter selbst ist keine Krankheit."

Fataler Satz: "Der ist halt alt!"

Eine junge Tierärztin untersucht einen Golden Retriever
Für Tiere im Alter wichtig: regelmäßige Gesundheits-Checks. Bild: Imago | Addictive Stock

Hunde wie Katzen erkranken mit zunehmendem Alter beispielsweise vermehrt an alzheimerähnlichen Symptomen. Das ist laut Volk zunächst kein Grund zur Sorge, weil damit nicht zwingend Schmerzen einhergehen. Aber er wünscht sich, dass sich Tierbesitzer darüber bewusst sind, dass alte Tiere andere Bedürfnisse haben, denen man gerecht werden muss. Auch, um irreparablen Schäden vorzubeugen.

Mit Welpen zum Tierarzt zu gehen würde niemand hinterfragen. Doch zu weiteren Vorsorgeuntersuchungen ließen sich später deutlich weniger Tierbesitzer in den Praxen blicken. "Es ist im Prinzip sehr ähnlich wie bei uns Menschen", beschreibt es Volk. Hunde litten im Alter oft an steifen Gelenken oder auch Tumoren, alte Katzen tendierten häufig zu Bluthochdruck oder auch Nieren- oder Schilddrüsenproblemen. Doch statt diesen absehbaren Alterserscheinungen verantwortungsbewusst zu begegnen und sie rechtzeitig behandeln zu lassen, werde das allzu leichtfertig mit einem "Ach, der ist halt alt!" abgetan.

Ein Satz, den auch Tierarzt Frank Mergenthal aus Achim nicht mehr hören mag. "Alter" als pauschale, oberflächliche "Laienerklärung" dafür, dass das Tier abmagert, das Fell schuppig wird oder Bello nur noch widerwillig Gassi geht, lässt er nicht gelten. Hinter einzelnen Symptomen steckten meist konkrete, behandelbare Krankheiten.

Wenn im Prinzip schon alle Schiffe abgefahren sind aus dem Hafen, dann kommen die Leute erst zum Tierarzt. Und dann ist es oft schon zu spät.

Holger A. Volk, Direktor der Kleintierklinik der TiHo Hannover

Anzeichen richtig deuten

Alter Schäferhund mit hängender Zunge steht auf Rasen.
Schäferhund Oki aus demn Tierheim Bremen ist erst sechs Jahre und hat bereits Arthrose. Bild: Tierheim Bremen

Volk und Mergethal appellieren beide, gerade im Alter Haustiere genau zu beobachten und neue Verhaltensweisen nicht der eigenen Interpretation oder gar einer Googlesuche zu überlassen, sondern dem Tierarzt zu schildern – für eine fundierte Dignose.

Frisst ein Tier nur noch weiches Futter, kann das auch ein Zeichen für schmerzhafte Zahnentzündungen sein. Und häufigeres Husten bei alten Hunden kann auf eine ernsthafte, altersbedingte, degenerative Erkrankung am Herzen hinweisen. Wenn einem Veränderungen am Tier auffallen, dann müsse man eine fachlich angemessene Antwort darauf suchen. Tue man dies nicht, sei das nicht verantwortungsbewusst dem Tier gegenüber, so Mergenthal.

Er kennt die Diskussionen zu genüge, dass Tierhalter ihren Vierbeinern "den Stress des Tierarztbesuchs" ersparen wollten. Doch die Tiere zahlen am Ende oft einen sehr hohen Preis dafür.

Das birgt die Gefahr, dass man dem Tier nicht hilft, obwohl man ihm noch helfen könnte.

Frank Mergenthal, Tierarzt aus Achim

Die rechtzeitige Diagnose und frühzeitiges Gegensteuern ist das A und O für die beiden Tierärzte, um typische Alterskrankheiten früh zu erkennen. Diese Vorsorge-Mentalität sei noch zu wenig ausgeprägt, so Volk. Deshalb raten beide zu regelmäßigen Gesundheits-Checks wie jährlichen Blutbildern.

"Arthrose kriegt fast jeder Hund im Alter", bestätigt auch Tierpfleger Jonas Heigl aus dem Tierheim Bremen. Oder Probleme mit der Wirbelsäule. Was für Besitzer auch heißt, ihre Gewohnheiten und auch manche Lebensumstände zu ändern. Treppen sind dann für den Hund ebenso tabu wie Stöckchenspiele und lange, anstrengende Laufeinheiten. Einfach statt drei große Spaziergänge macht man dann eben vier, fünf kürzere und langsamere am Tag. "Gerade bei Hüftproblemen ist Schwimmen eine super Geschichte, bei denen die Tiere vom Bewegungsapparat noch fitter werden", so Heigl.

Demenz macht auch vor Haustieren nicht Halt

Je älter das Tier, je wahrscheinlich ist auch, dass es dement wird. Es gibt laut Volk beispielsweise recht leicht zu erkennende Anzeichen für – teils durch Bluthochdruck verursachte – Demenz bei Katzen: "Die starren etwas mehr, die gucken einen nicht mehr so direkt an oder miauen plötzlich nachts, was sie zuvor nie gemacht haben."

Bei Hunden äußern sich Alzheimer-Anflüge oft auch mit vermeintlichem Ungehorsam: "Die nehmen dann ihre Umgebung nicht mehr so wahr und wenn es nicht behandelt wird, kann es auch zu Angststörungen kommen – vor Fremden, vor lauten Geräuschen oder anderen Hunden", so Mergenthal. Pinkelt ihr Hund plötzlich in die Wohnung, obwohl er das sonst nie gemacht hat oder geht plötzlich nicht mehr in ein bestimmtes Zimmer, können das erste Signale für eine Demenz sein. Und bleibt die zu lange unbehandelt, gibt es im Zweifel kein Zurück mehr und die Folgen der kognitive Disfunktion sind nicht mehr aufzuhalten.

Menschgemachte Leiden vermeiden

Ein sehr füllige Perserkatze
Dicke Freunde: Liebe sollte bei Haustieren nie durch den Magen gehen. (Symbolbild) Bild: Imago | blickwinkel

Und: Gut gemeint ist nicht immer gut für die Tiere. Insbesondere wenn es ums Futter geht. "Viele Tiere sind verfettet und durch das Übergewicht werden menschgemachte Leiden verursacht", klagt Mergethal. Die Tiere könnten nicht mehr richtig laufen, bekämen teilweise Diabetes. Und ist dann wirklich mal ein Eingriff mit Narkose angesagt – weil beispielsweise Zahnschmerzen das Tier quälen –, komme bei dem Eingriff zum Risikofaktor Alter auch noch der des Übergewichts erschwerend hinzu. Und das Dilemma ist perfekt: Will man dem Tier Dauerschmerzen zumuten, nur aus Angst vor der Narkose? Selbstgemachtes Leid, ausgetragen auf dem Rücken des Tieres.

Das ist Teil der Verantwortung, die man als Tierhalter hat.

Frank Mergenthal, Tierarzt aus Achim

Und auch die "psychische Überfrachtung" der Tiere sei ein Problem für manches Haustier. Alles rund um die Uhr um das Tier kreisen zu lassen und eigene Beziehungs-Defizite damit zu kompensieren, ist für das Tier nicht immer gesund: "So ein Hund kann einfach auch mal 15 Stunden am Stück herumliegen und schlafen. Der braucht nicht den ganzen Tag Entertainment."

Umsonst ist (nicht mal) der Tod

Je älter das Tier, je teurer wird ein Haustier, bestätigt Mergenthal. Die geriatrische und damit kostenintensivere Phase beginne bei Katzen und kleinen Hunden bei neun, bei größeren Hunden schon ab sechs Jahren. Er rät gerade in der letzten Lebensphase zu regelmäßige Blut- und Urinuntersuchungen. Nur so ließen sich Nierenschäden erkennen, die man mit entsprechender Therapie gut in den Griff bekommen könne. Ein notwendiger Ultraschall bei einer Herzklappenerkrankung oder ein Röntgenbild bei anhaltendem Husten seien "nun mal teurer, als wenn man ihn einmal im Jahr impft, eine Wurmkur reinhaut und was gegen Zecken auf Fell tut ", so Mergenthal.

Mit Kranken- und Operations-Versicherungen für Tiere ließen sich solche Kosten teilweise abdecken und böse Überraschungen vorbeugen. So man im Kleingedruckte den Ausschlusskatalog genau durchliest und prüft, so Mergenthal.

Da geben Leute schnell mal, drei, vier, fünftausend Euro für einen Welpen aus. Und am anderen Ende des Lebens sind finanzielle Mittel plötzlich schwer zu verkraften, um dem Tier dann eine bessere Lebensqualität zu bieten.  

Prof. Dr. Holger A. Volk
Holger A. Volk, Direktor der Kleintierklinik der TiHo Hannover

Nicht selten landen dann solche Tiere, die erste Verschleißerscheiunungen zeigen, im Tierheim. Überforderung, Geldnot, Anspruchsdenken – die Gründe kann man nur erahnen. Werden alte Hunde ausgesetzt, werden sie dadurch nicht nur traumatisiert: Tierpfleger Heigl muss dann noch Detektiv spielen. Wie alt ist das Tier, ist es geimpft, welche Beschwerden hat es eventuell? Dafür gehen schnell man zwei, drei Wochen ins Land mit allen Laboruntersuchungen. Bei einem kranken Tier kann so eine Zeitspanne ohne eventuell notwendige Medikamente schon über Leben und Tod entscheiden. "Es wäre nur fair, wenn die Leute das Tier dann zumindest hier offiziell abgeben und uns die Wahrheit sagen und den medizinischen Hintergrund mitliefern. Damit könnten wir arbeiten."

Akki war komplett verwahrlost, als der kleine Mischling zu Heigl ins Tierheim kam. Akki war sicherlich schon 16, 17 Jahre alt. Weil er so verfilzt war, musste er einmal komplett kahlgeschoren werden. Und alle Zähne mussten ihm gezogen werden. Tierpfleger Heigl freut sich, dass Akki inzwischen vermittelt werden konnte an eine Pflegestelle, bei der das Tierheim die tierärztliche Versorgung sicherstellt und dafür auch die Kosten übernimmt. "Die Vermittlungschancen wären sonst gleich Null."

Der letzte Weg ist der schwerste

Die schwerste Entscheidung für Tierhalter ist es, zu bestimmen, wann man das Haustier von seinen Leiden erlösen beziehungsweise den Tod nicht weiter künstlich hinauszögern sollte und lebensverlängernde Maßnahmen zur Quälerei für das Tier werden. Die gesetzlich definierte Leitplanke nennt Mergenthal, erhebliche Leiden und Schmerzen für das Tier zu verhindern.

"Selber zu entscheiden und den Tierarzt zu bitten, das Leben des Lieblings zu beenden, ist psychisch unglaublich schwer, weil man das ja auch nicht mit seiner Oma oder dem Ehepartner macht" beschreibt Mergenthal diese Ausnahmesituation. Nur, weil es medizinisch möglich ist, ist nicht jede medizinische Maßnahme unbedingt im Sinne des Tieres.

Nierentransplantationen sind zwar auch bei Tieren möglich, aber ethisch deshalb nicht unbedingt vertretbar. Einem Hund mit 16 Jahren auf die buchstäblich letzten Meter noch eine neue Hüfte einzusetzen, bedeutet im Umkehrschluss für das Tier eine ebenso strapaziöse und langwierige Rekonvaleszenz, die die Lebensqualität der verbleibenden, wenigen Lebensmonate maßgeblich beeinträchtigt. Für Mergenthal ist in manchen Fällen auch eine überschrittene Grenze, wenn tumorerkrankte Senioren-Hunde mit langwierigen Bestrahlungen, Chemotherapien und Infusionen im wahrsten Sinne des Wortes "künstlich" am Leben gehalten werden und diese letztendlich doch an einem Organversagen eingehen.

Wir Tierärzte kommen manchmal in eine ganz schwierige Situation, wenn die Leute nicht loslassen können und – koste es , was es wolle – drauf bestehen, alle medizinischen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Frank Mergenthal, Tierarzt aus Achim

Für Tierarzt Volk ist wichtig, dass der Tierarzt dem Besitzer einerseits ein realistisches Bild vermittelt, wie es um die Lebensqualität des Tieres bestellt ist. Und ebenso, ihm die Schuld von den Schultern zu nehmen. "Es ist immer eine individuelle Entscheidung", sagt Volk, der seine Kunden ganz eng in alle Schritte des Behandlungsprozesses einbindet, um sie so einerseits etwas zu de-emotionalisieren und den rationalen Blick zu schärfen.

Aus Liebe zu unseren Haustieren: nur das Beste für unsere Vierbeiner

Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Eva Linke Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Dezember 2021, 19:30 Uhr