Interview

Bremer Fakten-Checkerin erklärt den Reiz von Verschwörungsmythen

Porträt von Alice Echtermann
Ist geübt im Entlarven von falschen Informationen: Fakten-Checkerin Alice Echtermann. Bild: Alice Echtermann

Ob in der Pandemie oder im Krieg: Verschwörungsmythen haben Hochkonjunktur. Weshalb, erklärt die Bremer Correctiv-Journalistin und Fakten-Checkerin Alice Echtermann.

"Verschwörungsmythen. Gefangen in der Filterblase": So heißt die zweite Veranstaltung der neuen Diskussionsreihe "Radio Bremen im Dialog". buten-un-binnen-Moderator Felix Krömer diskutiert mit Expertinnen und Experten aus Medien und Wissenschaft darüber, wie Verschwörungsmythen entstehen und wie man ihnen begegnen kann: am Dienstag, 14. Juni, ab 18 Uhr im Foyer des Theaters am Goetheplatz.

Mit von der Partie ist auch die Journalistin Alice Echtermann. Sie leitet das Faktencheck-Team von Correctiv. Dort widerlegt die gebürtige Bremerin Falschinformationen und deckt die Hintergründe von Desinformationskampagnen in Sozialen Netzwerken auf. Wir haben schon vor der Diskussion im Theater am Goetheplatz mit ihr über Verschwörungsmythen gesprochen.

Frau Echtermann, wie wird aus ein paar falschen Informationen ein Verschwörungsmythos?
Ich glaube, dass es meist anders herum läuft, dass es den Verschwörungsmythos vorher schon gegeben hat. Dann wird der Verschwörungsmythos unterfüttert mit immer neuen angeblichen Beweisen, die man sich zusammensucht – die sich allerdings, weil sie eben falsch sind, einzeln widerlegen lassen.
Bill Gates im Mai 2022 in Davos
Im Visier mancher Verschwörungstheorie: Microsoft-Gründer und Multi-Milliardär Bill Gates. Bild: DPA | Keystone/Gian Ehrenzeller
Haben Sie dafür ein Beispiel parat?
Es gab in der Corona-Pandemie die Verschwörungstheorie, dass Bill Gates und die Pharma-Industrie hinter der Entwicklung des Virus stehen würden. Eine Variante lautete, dass es darum gehe, die Weltbevölkerung durch Corona-Impfungen zu reduzieren. Das ist eine Verschwörungstheorie, die es schon ganz lange gibt, und die auch schon auf andere Impfungen bezogen worden ist. 

Bei Tetanus-Impfungen zum Beispiel wurde behauptet, dass diese Impfungen in Afrika mit Stoffen verbreitet worden sind, die dafür sorgen sollten, dass die Frauen unfruchtbar werden. Auch hier ging es also um den Mythos von der Reduzierung der Bevölkerung. Das wurde dann für Corona einfach adaptiert. Dazu hat man einzelne Aussagen von Bill Gates zu Impfungen gefälscht oder aus dem Zusammenhang gerissen, einfach um die Verschwörungstheorien zu untermauern. 
Wer hat ein Interesse daran, derartige Verschwörungsmythen zu verbreiten?
Das ist mitunter sehr diffus. Im Falle der Pharma-Industrie-Verschwörungstheorie gibt es keinen echten Profiteur. Hier kommt eine Urangst der Menschen zum Vorschein, ein psychologischer Mechanismus. Kritik an Pharmakonzernen ist absolut möglich und sollte man nicht per se als falsch abtun. Manche Leute glauben aber offenbar, dass eine böse Weltelite dahinter steckt, die möglichst viele Menschen vergiften möchte. Im Fall des Ukraine-Kriegs ist klar, wem es nützt. Da nützen zum Beispiel Putin Narrative, die sich gegen die Ukraine richten. 
Ein Arbeiter in Schutzkleidung in einer Arzneimittelfirma bei der Herstellung von Arznei
Gerade zu Beginn der Pandemie kursierten Falschmeldungen, in denen die Pharmaindustrie für Corona verantwortlich gemacht wurde. Bild: DPA | Keystone/Laurent Gillieron
Wie kommt es, dass sich derartige, auf Fehlinformationen fußende Legenden so leicht ausbreiten? Sie konkurrieren in der Regel doch auch mit einer Reihe seriöser Darstellungen.
Verschwörungstheorien spielen mit Ängsten und mit Vorurteilen der Menschen. Ihre Emotionalität verschafft ihnen gerade in den sozialen Medien mit ihren Algorithmen einen Vorsprung gegenüber seriösen Nachrichten, die ja doch meistens eher nüchtern und trocken sind. 
Man könnte annehmen, dass, wer wiederholt Fehlinformationen verbreitet, bald an Ansehen verlieren müsste. Wie man aber sogar an einer ganzen Reihe von aktuellen und ehemaligen internationalen Regierungschefs sehen kann, kann man auch als überführter Lügner noch viel Popularität in der eigenen Bevölkerung genießen. Woran liegt das? Werden wir gern belogen?
Da kann ich leider nur mutmaßen. Aber ich glaube, dass manchen Menschen Fakten egal sind, wenn nur die aus ihrer Sicht richtige Einstellung bedient wird. Das ist etwas, was ich als Fakten-Checkerin natürlich problematisch finde. Dass die Leute gern belogen werden, glaube ich aber nicht. Es geht darum, wie sie fühlen und was ihrer vorgefassten Meinung entspricht. Ich würde das sogar als eine Art Faktenresistenz bezeichnen, die leider sehr zunimmt. Das ist eine gefährliche Tendenz in unserer Gesellschaft.
Wie könnte oder sollte ich mich verhalten, wenn ich merke, dass auf einmal Freunde von mir an Verschwörungstheorien glauben?
Ich muss zugeben, dass mir das noch nicht passiert ist. Aber ich glaube: Man kann versuchen, mit Fakten und mit Faktenchecks dagegen zu halten. Das ist allerdings sehr mühsam. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, hat sich oft bereits einen riesigen Fundus angelesen. Wenn man dann anfängt, jede einzelne dieser Informationen zu überprüfen, dann ist man schon sehr beschäftigt!

Wenn man das nicht kann, sollte man die betreffende Person vielleicht auch einfach fragen, warum sie glaubt, was sie glaubt, und wieso sie glaubt, dass ihre Quelle vertrauenswürdig ist. Wieso sie beispielsweise jemandem glaubt, der auf Telegram überhaupt nichts von sich preisgibt. Oder welche Regierung etwas davon haben sollte, wenn die Wirtschaft abstürzt oder auf einmal die halbe Weltbevölkerung stirbt.
Wahlplakat der Partei "die Basis" im September 2021. "Corona Wahnsinn stoppen!"
Die Basisdemokratische Partei Deutschland ist im Zuge von Protesten gegen Corona-Schutzmaßnahmen entstanden. Bild: DPA | nordphoto/Hafner
Sie haben bereits angedeutet, dass offenbar immer mehr Menschen an Verschwörungstheorien glauben oder zumindest resistent gegenüber Fakten sind. Woran liegt das?
Ich weiß nicht, ob der harte Verschwörungsglaube zugenommen hat, oder viele der potenziell anfälligen Menschen nur vorher nie mit Verschwörungstheorien in Kontakt gekommen waren. Ich glaube aber, dass die Corona-Pandemie einen Boom der Verschwörungstheorien ausgelöst hat.

Die Pandemie hat neue Akteure auf der Bildfläche erscheinen lassen, Leute, die jetzt zum Beispiel auch zum Ukraine-Krieg falsche Informationen verbreiten. Die haben mit Corona ihr Publikum gefunden, haben so und so viele tausend Follower auf YouTube und Telegram-Abonnenten und bedienen ihre Community, die sie sich da geschaffen haben, nun mit dem nächsten Thema. Manche bitten auch um Spenden, leben vielleicht sogar davon. Es gab ja sogar Parteigründungen während der Pandemie, also Parteien, die dann auch bei Wahlen angetreten sind.
Wie können wir uns vor Fehlinformationen zu schützen?
Unser Mantra, das von Correctiv, ist immer: Es kommt auf die Medienkompetenz an! Ganz häufig fragen uns Menschen verwirrt: Der eine hat das gesagt, und ihr sagt jetzt etwas ganz anderes – warum soll ich Euch glauben? Da kommt aus unserer Sicht die Medienkompetenz ins Spiel.

Die Leute müssen in der Lage sein zu erkennen, was ihnen vorgesetzt wird: Handelt es sich um einen nüchtern, transparent recherchierten Bericht, in dem die Quellen genannt werden und der auch zu externen Quellen verlinkt? Oder sitzt da einer bei YouTube vor der Kamera, und die Hälfte von dem, was er sagt, ist gar nicht überprüfbar, weil er keine Quellen nennt oder nur Meinungen verbreitet? Um uns vor Fehlinformationen zu schützen, müssen wir analysieren: Was habe ich hier vor mir? Nicht jeder, der etwas sagt, ist eine Quelle. 

Alice Echtermann: "Wie lässt sich Desinformation im Netz eindämmen?"

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. Juni 2022, 19:30 Uhr