Bremer Reaktionen: Freude, Ernüchterung und Selbstkritik

Große Verluste für CDU und SPD, die AfD wird drittstärkste Kraft: Bremens Politiker kritisierten den "Rechtsruck" bei der Bundestagswahl – hatten teils auch Grund zum Jubeln.

Die Stimmung bei den Bremer Wahlpartys hätte unterschiedlicher nicht sein können. Totengräber-Stimmung bei SPD und CDU – in beiden Lokalitäten verschwanden die Parteimitglieder früh und schnell. Jubel hingegen bei der FDP. Und auch die Grünen feierten ihre Spitzenkandidatin. Die AfD hatte in Bremen auf eine Wahlparty verzichtet.

Bürgermeister Carsten Sieling und Fraktionschef Björn Tschöpe (beide SPD) beklagten den Erfolg der AfD. Tschöpe sprach außerdem von einer "schweren Wahlschlappe" für die SPD.

Das ist ein schwerer Tag für die SPD und ein schwarzer Tag für die Demokratie, dass die AfD in den Bundestag einzieht.

Carsten Sieling, Bremer Bürgermeister (SPD)

Jörg Kastendiek, Landesvorsitzender der CDU in Bremen, sah auch Fehler bei der CDU im Wahlkampf.

Ich weiß, dass [Angela Merkel] sehr gute Arbeit geleistet hat. Deswegen muss man sich genau angucken, was im Wahlkampf schief gelaufen ist. Wäre der Wahlkampf gut gewesen, hätten wir ein anderes Ergebnis haben müssen.

Jörg Kastendiek, Partei-Chef der CDU in Bremen

Grüne beklagen "offensichtlichen Rechtsruck"

Die Spitzenkandidatin der Bremer Grünen, Kirsten Kappert-Gonther, zeigte sich angesichts des Wahlergebnisses erleichtert. "Es ist uns gelungen, mit unseren Kernkompetenzen Ökologie, Humanität und Solidarität zu punkten." Doch sie beklagte auch den Rechtsruck. Genauso wie Doris Achelwilm, Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin der Bremer Linken. Mit der Oppositionsarbeit ihrer Partei in den vergangenen Jahren sei sie zufrieden. "Wir sind diejenigen, die verlässlich und dauerhaft weiter an der sozialen Frage arbeiten", so Achelwilm weiter. "Also daran, dass die Spaltung wie sie hier sehr ausgeprägt ist, zwischen arm und reich tatsächlich zurück gedreht wird, und das muss auch stark über die Bundesebene laufen."

Frank Magnitz, Vorsitzender der AfD in Bremen, jubelte hingegen über das zweistellige Ergebnis seiner Partei auf Bundesebene.

Wir haben die Themen angesprochen, die Menschen wirklich interessieren. Das ist das Entscheidende. Wir sind nah am Wähler. Und diesen Kontakt zum Wähler und den Blick für die Realität, den haben offensichtlich einige Parteien verloren.

Frank Magnitz, Vorsitzender der Bremer AfD

Bremer Stimmen weichen deutlich vom Bundesergebnis ab

Das vorläufige amtliche Endergebnis beschert der SPD auf Bundesebene das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Sie wird zwar zweitstärkste Kraft, kündigte aber bereits an, in die Opposition gehen zu wollen. Drittstärkste Partei im Bundestag ist den Ergebnissen zufolge die AfD. FDP, Grüne und Linke sind ebenfalls sicher im Bundestag. Die genauen Zahlen: CDU/CSU: 33,0 Prozent, SPD: 20,5 Prozent, AfD: 12,6 Prozent, FDP: 10,7 Prozent, Grüne: 8,9 Prozent, Die Linke: 9,2 Prozent.

Diskussion mit Bremer Politikern

Wer hat gewonnen, wer verloren und wie geht es weiter? Darüber diskutierten Bremer Politiker mit Felix Krömer (buten un binnen) und Moritz Döbler (Weser Kurier). Mit dabei: Björn Tschöpe (SPD), Jens Eckhoff (CDU), Kristina Vogt (Die Linke), Maike Schaefer (Grüne), Hauke Hilz (FDP) und Frank Magnitz (AfD).

Ob eine Jamaika-Koalition auch in Bremen eine Option sein könnte, wollten die Moderatoren wissen. "Das ist total skurril, 18 Monate vor der Bürgerschaftswahl über Koalitionen zu diskutieren. Man kennt die Programme ja noch gar nicht", sagte Schaefer. Jens Eckhoff hingegen kann sich einen Wechsel in Bremen gut vorstellen. Die SPD solle sich nach 70 Jahren auch einmal in der Opposition ausruhen dürfen. Björn Tschöpe stellte klar: "Das Wahlergebnis hat nichts mit der Bremer Situation zu tun. Wir werden diese Koalition in Bremen bis zum Ende erfolgreich fortsetzen, und dann entscheidet der Wähler."

Bremer Prominente sorgen sich um Einfluss der AfD

Die Debatte mit Bremer Prominenten war dominiert von der Frage, wie sich der Einzug der AfD in den Bundestag auf die Gesellschaft und den Parlamentsbetrieb auswirken wird. Schriftsteller David Safier brachte seine Reaktion offen auf den Punkt: "Mist, es ist tatsächlich passiert." Wenn man Alexander Gauland jetzt zuhöre, sei es doch ein kleiner Schock. "Wir werden sehr viel Provokation im Parlament erleben", ist er sich sicher.

Für Karikaturist Till Mette ist das gute Abschneiden der AfD auch ein "Versagen der anderen, die sich so haben treiben lassen". Gleichzeitig erinnerte er daran, dass der deutsche Wahlkampf wesentlich zivilisierter und respektvoller vonstatten gegangen sei als in Frankreich, Großbritannien und USA.

Autoren

  • Sarah Kumpf
  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 24. September 2017, 6 Uhr

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