Coronageschichten

Club-Betreiber: Junge Leute brauchen die Möglichkeit zum Feiern

Thore, 67 Jahre, aus Bremen:
"Ich sehe diese Zeit im Moment nicht als rosig an, ich sehe eher schwarz. Es ist nicht mal ein Silberstreifen am Horizont für unseren Club zu erkennen. Denn über Clubs und Diskotheken wurde bisher seitens der Regierung kein Wort verloren. Wir wissen nicht, wann und wie es wieder losgehen könnte.

Entweder hat man uns vergessen, was ich nicht glaube, oder keiner will darüber entscheiden. Denn in einem Club kommt es zu engen Kontakten, die lassen sich nicht vermeiden. Man kann keinen Abstand wahren. Die Leute sind am Feiern, die sind am Schwitzen und berühren sich. Also sämtliche Hygienemaßnahmen würden nicht ziehen.

Würde irgendein Politiker sagen: 'Wir geben die Clubs frei' setzt er sich gleichzeitig einem Kreuzfeuer aus. Das zu machen, diesen Mut hat keiner. Also lieber nicht darüber reden, glaube ich. Das hat aber natürlich katastrophale Folgen für uns. Sollte dieser Shutdown bis in den Herbst gehen, werden viele Clubs schließen müssen. Denn so einen langen finanziellen Atem hat keiner.

Das Nachtleben wird zusammenbrechen oder erst gar nicht mehr stattfinden, glaube ich. Das hat auch bedeutsame Folgen für die Stadt Bremen. Auch Clubs gehören zum kulturellen Leben der Stadt. Haben wir kein Nachtleben mehr, wird eine Stadt ganz schnell für den Tourismus uninteressant. Ich möchte auch die jungen Leute nicht vergessen, denen wird die Möglichkeit zum Feiern entzogen.

Ein Mann mit grauen Haaren, hellblauem Hemd und schwarzen Handschuhen steht an einem Stehtisch in einer Diskothek.
Der NFF-Betreiber Thore sieht schwarz. Seiner Meinung nach gibt es nicht mal einen Streifen am Horizont für Bremer Clubs und Diskotheken. Bild: Stella Vespermann

Das ist ein beklemmendes Gefühl - gerade für mich und meinen Sohn. Wir betreiben das NFF seit zwölf Jahren zusammen. Wir versuchen gerade ein bisschen umzubauen, machen einen Livestream am Wochenende, um zu zeigen: 'Wir sind noch da'.

Einmal in der Woche gehe ich den Club, um das Wasser laufen zu lassen und um nach abgelaufenen Getränken zu gucken. Immer schwingt mit: War es das jetzt? Für immer? Oder was? Das ist, was uns so atemlos macht. Das man, in so einem Vakuum ist, ohne Perspektive.

Ein Club, so wie wir, kann eigentlich nur öffnen, wenn es keine Reglementierung gibt. Man kann keine Schutzmaßnahmen treffen in Form von Mundschutz oder Abstand. Es sei denn, es ist jeder Tanzende mit Einkaufswagen auf der Tanzfläche. Die Hände kann er sich auf der Toilette desinfizieren. Dafür haben wir vorgesorgt, aber das ist auch alles, was wir tun können. Im Grunde genommen kann ein Club oder eine Diskothek, wie wir, eigentlich nur öffnen, wenn alle Auflagen weg sind. Also bedingungslos alle.

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Einerseits möchte ich schnell wieder aufmachen, um den jungen Leuten ein Forum zu geben, feiern zu können. Das zweite Herz schlägt dafür, dass ich sage: Es gibt keinen Mittelweg, den man wählen kann. Entweder ganz oder gar nicht. Das hat für viele natürlich ganz katastrophale Folgen.

Wir sind glücklicherweise in einer guten Lage. Wir haben mit unserem Vermieter gesprochen. Ganz ehrlich und mit offenem Visier. Wir haben ihm gesagt: 'Pass auf, wir können die Miete nicht zahlen – können Sie uns irgendwie ein Stück entgegenkommen?' Und da hat er gesagt, er habe damit gerechnet, dass wir irgendwann dieses Gespräch führen werden und was denn wäre, wenn er uns die Miete bis Ende August erlassen würde? Wir zahlen jetzt nur die Nebenkosten, die laufen ja weiter. Er hat uns einen Brief geschrieben, da stand drunter: 'P.S.: Wir werden das schon gemeinsam schaffen.' Im Herbst wird es ein Clubsterben geben – wenn man nicht genug Rücklagen geschaffen hat. So sehe ich das.

Ich kenne keinen, in keiner Generation, der nicht während seiner Schulzeit, Ausbildungszeit oder während seines Studiums feiern gegangen ist. Das gehört zur Kultur der jungen Leute dazu. Wo soll ich denn heute noch jemanden kennenlernen? Ja, da kann man sagen: 'Bei Tinder', okay. Aber wenn wir das mal ausklammern. Wenn ich sonst irgendwo jemanden kennenlernen will, dann ist das erst einmal in einem Club oder in einer Diskothek, glaube ich. Das Bedürfnis nach Feiern und Ausgehen hat sich nie verändert. Es wird jungen Leuten etwas weggenommen. Ganz einfach. Und das können wir auch nicht schön reden."

(Interview vom 13. Mai 2020)

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Mai 2020, 19:30 Uhr