Coronageschichten

Der Existenzangst trotzen: Stephan bringt sein Offline-Spiel online

Ein Junger Mann sitzt an einem runden Tisch. Auf seinem Schoß ein kleines Kind. Der TIsch ist voll mit Spielsachen, einem Laptop und Zetteln
Stephan betreibt einen 'Escape Room' in Bremen. Zum ersten Geburtstag mussten sie coronabedingt schließen und sind dann online gegangen. Bild: Stephan

Stephan, 32 Jahre, aus Bochum
"Wir betreiben einen so genannten 'Escape Room' in Bremen mit drei verschiedenen Räumen, in denen sich unsere Kunden normalerweise einigen Rätseln stellen. Das Ziel des Spiels ist es, durch das Lösen der Rätsel in einer vorgegebenen Zeit den Ausgang zu finden. Coronabedingt mussten wir alle Räume schließen. Das hat mir und meinen Kollegen den Boden unter den Füßen weggerissen – wir waren ziemlich down. Von heute auf morgen war das ein existenzbedrohender Zustand. Das war unsere einzige Einnahmequelle. Wir haben erst vergangenes Jahr in Bremen mit unseren 'Escape Rooms' angefangen – zum ersten Geburtstag hatten wir schon geschlossen.

Trotz der angekündigten Hilfspakete vom Staat mussten wir uns mit dem Begriff Insolvenz beschäftigen. Das war für mich als Familienvater ein sehr bedrückendes Gefühl. Die erste Woche nach der Schließung war sehr negativ, wir waren wie gelähmt und haben sehr viel rumgeheult, da bin ich ganz ehrlich.

Dann kam irgendwie der Punkt, wo wir uns geschüttelt haben. Unsere Überlegung war: Wenn der Kunde nicht zu uns kommen kann, dann müssen wir etwas zum Kunden bringen. Sieben Tage und Nächte später gab es dann das erste Spiel für Zuhause.

Dabei haben wir auch eine Spenden-Kampagne mitgedacht, bei der wir 50 Prozent unserer Gewinne an lokale Vereine und Organisationen weitergeben. Als wir online waren, haben wir überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir so super Feedback bekommen – das war wunderbar. Wir konnten rückblickend über 20.000 Euro Spenden sammeln. Ich finde das absolut wahnsinnig. Wir waren aus dem Nichts in der Lage auch anderen Leuten zu helfen, die nicht wie wir mal eben ein Online-Produkt entwerfen können. Aus unserer negativen Energie und Frustration ist plötzlich ganz viel Positives geworden.

Wir machen jetzt so weiter und hoffen natürlich, dass den Leuten unsere Spiele gefallen und wir die Krise überstehen – ob wir uns mit unserer Idee retten können, wissen wir nicht. Aber wir kämpfen weiter und hoffen, dass es sich lohnt. Gerade sitzen wir an einem Hygiene-Plan und hoffen, dass wir vielleicht ab Ende Mai wieder eröffnen können.

Für mich persönlich waren die letzten Wochen irgendwie die anstrengendsten meines Lebens. Erstmal eine Woche intensive Sorgen um alles und dann die ganze neue positive Energie. Und sollte mein Sohn mich in 20 Jahren mal fragen, was ich in der Coronazeit gemacht habe, dann kann ich ihm von unserer Idee und den Spenden erzählen."

(E-Mail und Sprachnachricht vom 5. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Bremen Vier kickt, 9. Mai 2020, 14:10 Uhr