Coronageschichten

Mit 100 Menschen in der Arktis: So erlebt Stefanie die Corona-Krise

Eine Frau des AWI arbeitet auf einer Eisscholle
Stefanie bei der Arbeit. Die Wissenschaftlerin ist vier Monate mit der 'Polarstern' durch die Arktis gedriftet. Bild: AWI | Monika Votvik

Stefanie, 31 Jahre, aus Bremerhaven
"Ich habe am 23. Januar Bremerhaven verlassen, um zur wohl größten Polarexpedition in die Arktis aufzubrechen: Mosaic. Mein Weg ging zunächst von Bremerhaven nach Tromsø in Norwegen. Von dort aus hat uns der russische Eisbrecher 'Kapitan Dranitsyn' zu unserem Forschungsschiff, der 'Polarstern', in Nordpol-Nähe gebracht. Als wir Ende Februar die 'Polarstern' erreicht haben, ist diese bereits fast fünf Monate mit dem arktischen Meereis gedriftet. Für mich ist dies bereits die achte Expedition auf der 'Polarstern', doch jede einzelne war einzigartig.

Teil dieses internationalen Projekts 'Mosaic' zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Womit aber niemand gerechnet hat ist, dass eine Pandemie die ganze Expedition noch wesentlich einzigartiger macht, als sie eh schon ist. Als wir in Tromsø ankamen, war Corona noch ein sehr entferntes Thema, damals vorrangig im asiatischen Raum. Dass das Ausmaß so enorm enden würde, hat im Januar keiner erwartet.

Eigentlich lebt man auf einer Expedition in einer Art Isolation. Tagein, tagaus umgeben von denselben 104 Menschen über einen sehr langen Zeitraum. Nun lebt meine Familie, leben meine Freunde, lebt die ganze Welt in einer ganz eigenen Isolation. Und wir sind aus einem ganz anderen Grund etwas Besonderes: Denn wir dürfen hier alles gemeinsam tun. Gemeinsam leben. Gemeinsam uneingeschränkt arbeiten. Gemeinsam die Abende verbringen. So haben wir zum Beispiel das wohl nicht nur nördlichste Osterfeuer auf dem Eis angezündet – sondern vermutlich auch das einzige mit so vielen Menschen ringsherum. Auch die vielen Geburtstagskinder hier an Bord waren natürlich traurig ihre Familien nicht hier zu haben, aber trotzdem dankbar 'ihren Tag' in einer so großen Gruppe verbringen zu können.

Es sind also nicht wir diejenigen, die in Isolation leben. Sondern die 'andere' Welt Zuhause. Es ist sehr schwer, sich das von hier aus vorzustellen. Über eine kleine Bord-Zeitung und die regelmäßigen Telefonate mit unseren Lieben Zuhause erleben wir weit entfernt, wie das Leben momentan zu sein scheint. Ein Zuhause, das wir so nicht verlassen haben, aber in das wir bald zurückkehren. Und genau die Rückkehr ist es, die uns am Ende Corona doch hat sehr deutlich spüren lassen.

Wie kann ein anderes Schiff oder gar ein Flugzeug in die Arktis kommen - mit neuen 100 Besatzungsmitgliedern und Wissenschaftlern aus aller Welt - wenn es Reiseverbote gibt, Flughäfen geschlossen sind und sich Reisebedingungen quasi tagtäglich ändern? Diese Gedanken haben uns viele Wochen beschäftigt. Denn es war relativ schnell klar: Dass wir wie geplant Anfang April per Flugzeug über Spitzbergen ausgetauscht würden, ist schlicht und einfach nicht möglich. Und so wurden hier an Bord viele mögliche Szenarien diskutiert – und noch viel mehr Zuhause am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, unserem deutschen Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, welches diese Expedition leitet.

Tag und Nacht haben sich hier verschiedenste Gremien Gedanken darum gemacht, wie wir wieder nach Hause kommen können, sicher eine neue Crew ankommen kann und 'Mosaic' weitergeführt werden kann. Und diesen Plan gibt es nun: Unsere Nachfolger sind seit Anfang Mai in Bremerhaven in Quarantäne, um sich dann mit den deutschen Forschungsschiffen 'Maria S. Merian' und 'Sonne' auf den Weg nach Spitzbergen zu machen. Wir werden dann Samstag, den 16. Mai, in den frühen Morgenstunden die Scholle verlassen um ebenfalls nach Spitzbergen aufzubrechen. Nach einigen Tagen Übergabe von Fracht, Treibstoff und wissenschaftlichen Abläufen, kommt das neue Team an die Scholle zurück. Und wir fahren endlich nach Hause – nach gut vier Monaten anstelle von gut zwei Monaten, die wir geplant unterwegs gewesen wären.

Ich freue mich zweifelsohne auf Zuhause. Es hat mir geholfen zu meiner Familie und meinen Freunden hier von Bord aus den engen digitalen Kontakt zu halten und zu wissen, dass es allen gut geht. Aber es ist trotzdem ein komisches Gefühl zu wissen, dass es überall ganz anders ist als zu der Zeit, als ich losgefahren bin. Ich kann meine Freunde nicht einfach alle einladen, ich muss allen mit Abstand begegnen. Ich bin gespannt auf diese neue Herausforderung. Auch wenn es komisch sein wird, dass ich diesen ganzen Corona-Weg nicht mitgegangen bin. Denn Corona wird nicht nur mich, sondern uns alle wohl unser Leben lang begleiten - wenn auch hoffentlich bald nur noch die Geschichten darüber. Und wenn dann die Frage kommt 'Und, wie hast du Isolation während Corona erlebt?', werde ich zu den sehr sehr wenigen Menschen weltweit gehören, die sagen werden: 'Wohlauf und gemeinsam mit 100 Menschen auf einem Eisbrecher in der Arktis.'"

(E-Mail vom 11. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Mai 2020, 19:30 Uhr