Was wurde aus ...? 3 Bremer Coronageschichten und wie sie weitergehen

Plötzlich war Finja zu Hause, mit drei Kindern. Wie schwer das war, hat viele buten-un-binnen-User berührt. Wir haben Finja und andere Bremer gefragt, wie es ihnen heute geht.

Die Bremerin Finja Vogt sitzt in ihrer Küche und lächelt in die Kamera.
Die Bremerin Finja hat während der Corona-Pandemie Unterstützung von ihren Freunden erfahren. Bild: Radio Bremen

1 Finja und ihre Familie

Finja ist 35 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie im Viertel. Sie muss in der Lockdown-Zeit im Frühjahr ihre drei Kinder zu Hause betreuen. Neun Monate, zweieinhalb und fünf Jahre alt sind sie zu dieser Zeit – und ihre Bedürfnisse sind extrem unterschiedlich. Finjas Mann hat durch die Pandemie bei der Arbeit sogar noch mehr zu tun als sonst – sie übernimmt den Großteil der Hausarbeit. Die Tage müssen gut durchorganisiert sein.

Es hat auf jeden Fall auch geholfen, dass man sich schon Aktionen überlegt hat. Nudeln machen, Vogelhaus basteln oder so – etwas, worauf man sich freuen kann.

Finja

Auch als ihre Kinder wieder in der Kita betreut werden, gibt es für Finja selten Entspannungsmomente. Bald schon steht die normale Sommer-Schließzeit an. Der Urlaub fällt aber aus. Im Herbst muss sie ihre kleine Tochter in der Kita eingewöhnen. Danach fängt für sie wieder der Arbeitsalltag an der Schule an. Ihr fehlt eine Pause, eine Gelegenheit, um neue Energie zu schöpfen.

Wie wird der Winter?

Jetzt mit Blick auf den Winter und die neuen Corona-Maßnahmen hat Finja große Bedenken. Ständig rechnet sie damit, dass die Kinder wegen eines Coronafalls in der Kita oder wegen einer einfachen Erkältung wieder zu Hause bleiben müssen. Dann müsste sie die Arbeit liegen lassen und wieder die Betreuung übernehmen.

Den Spagat zwischen diesen beiden alltäglichen und wichtigen Dingen hinzubekommen, das steht mir auf jeden Fall bevor.

Finja

Freundschaften stärken

Doch trotz der strapazierenden Herausforderungen hat die Pandemie für Finja auch etwas Gutes. Mit einer befreundeten Familie wird der Kontakt in der Lockdown-Zeit sehr eng. Fast jeden Tag besuchen die Familien sich gegenseitig oder denken sich gemeinsame Aktionen aus. Doch auch einfach mal in anderen Räumen zu sein, andere Spielzeuge zu benutzen und sich zu unterhalten hilft beiden Familien. "Man konnte immer sagen: 'Komm' bitte kurz rüber nach der Arbeit! Man hatte einfach das Gefühl, man kann sich melden, wenn es gar nicht mehr geht."

Und dann entwickelt man ja tatsächlich nochmal mehr Energie aufgrund des Wissens: Da ist wer.

Finja

Inzwischen weiß Finja, dass sie sich auf diese Freunde hundertprozentig verlassen kann. Die gemeinsam durchgestandene Extremsituation hat die beiden Familien noch enger zusammengeschweißt.

2 Andrea und ihre Nachbarn

Collage einer Trompete und eines Konzerts auf der Straße
Seit der Corona-Pandemie musizieren Andrea und ihre Nachbarn regelmäßig zusammen. Bild: Andrea

Im Garten von Andrea und Andreas Möhle in Obervieland wird geprobt. Klar, kalt ist es schon, aber das macht ihnen und ihren Nachbarn nichts. Wenn man nicht rein darf, muss Musikmachen halt draußen gehen. Seit Beginn der Pandemie gab es hier in der Straße schon viele Konzerte an der frischen Luft. Alles begann an einem nebligen Abend im März, als Andrea plötzlich eine Trompete hörte.

Ich dachte: Kein Mensch ist draußen – was ist das denn? Und dann ist mir eingefallen: Mein Nachbar Udo, der spielt doch Trompete!

Andrea Möhle

Sofort schreibt sie ihrem Nachbarn eine Nachricht. Sie ist begeistert von dem schönen Lebenszeichen von nebenan. Ab jetzt spielt er jeden Abend um 19 Uhr "Der Mond ist aufgegangen".

Wie Corona aus dieser Bremer Nachbarschaft einen Chor macht

Video vom 21. April 2020
Nachbarn einer Straße, die vor ihren Häuser stehen und gemeinsam Musik machen.
Bild: Radio Bremen

Wenige Tage später stehen viele Nachbarn abends schon pünktlich auf der Straße, um mitzusingen. Andere Instrumente kommen dazu, nach und nach probieren die Nachbarn neue Stücke aus. Der tägliche Termin war für Andreas Möhle ein Lichtblick im monotonen Tagesablauf.

Das war total toll, dass man dann einen festen Termin am Tag hatte, wo man dann auch andere Menschen gesehen hat.

Andreas Möhle

Sogar einen eigenen Song haben die Nachbarn komponiert. Inzwischen haben sie sich gut kennengelernt. Ein Straßenfest und viele Konzerte haben sich aus den abendlichen Treffen ergeben. An den Adventssonntagen wollen die Nachbarn jetzt wieder zusammen musizieren. Dass so etwas hier entstehen konnte, damit hätte Andreas Möhle nie gerechnet.

Das klingt jetzt richtig hochgestochen – für mich war es ein kleines Wunder.

Andreas Möhle

Dass in dieser norddeutschen Nachbarschaft plötzlich ausgelassen auf der Straße musiziert wird, wie man es sonst eher aus mediterranen Ländern kennt, hat ihn tief beeindruckt. Und das Gefühl in dieser Nachbarschaft ist für ihn heute ein anderes als vor der Pandemie.

3 Gaby und ihr Team in der Altenpflege

Die Bremerin Gaby Weber steht in einem Garten und lächelt in die Kamera.
Gaby und ihre Kollegen sind während der Corona-Pandemie enger zusammen gewachsen. Bild: Radio Bremen

Maske tragen, Abstand halten, lüften und ständiges Händewaschen – die Hygienemaßnahmen sind der Altenpflegerin Gaby Weber (46) in Fleisch und Blut übergegangen. Doch an manchen Tagen im Pflegeheim in Bremen-Kattenesch strengt das ständige Maskentragen sie schon an. Gerade im Sommer fiel ihr und ihren Kolleginnen das Arbeiten mit der Schutzkleidung manchmal schwer. "Wir haben relativ schnell auch zu FFP2-Masken gegriffen und das ist schon belastend, stundenlang mit dieser Maske zu laufen, zu arbeiten, körperlich zu arbeiten."

Die Teamarbeit hat sich super verbessert und wir kümmern uns viel mehr umeinander. Dieser Zusammenhalt ist wirklich gewachsen.

Gaby Weber

Aber obwohl die Arbeit deutlich aufreibender ist als vor der Coronazeit, fühlt sich Gaby Weber bis heute nicht im Stich gelassen. Das Gesundheitsamt, das hauseigene Hygieneteam und die Mitarbeitenden – die Arbeit lief aus ihrer Sicht Hand in Hand. Sie findet, dass die Leitung die Krise gut gestemmt hat und immer ein offenes Ohr für die Mitarbeitenden hatte. Doch vor allem für die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen war die Zeit wertvoll.

Was den Alltag für sie trotzdem schwer macht, ist die Situation im Privaten. Keine gemeinsamen Treffen mehr und die ständige Angst, jemanden anzustecken – Themen, über die in ihrem Team oft geredet wird.

Da kann ich jetzt, glaube ich, für viele, viele Kolleginnen sprechen. Was uns am meisten belastet: Wir haben den Ausgleich nicht mehr.

Gaby Weber

Was sich Gaby Weber für die Zukunft vor allem anderen wünscht, ist eine Rückkehr zur Normalität. Sie hofft darauf, dass es bald eine Impfung gegen das Virus gibt. Und dass sie dann wieder ganz normal zum Sport, ins Restaurant oder zu ihren Freunden gehen kann.

Autorin

  • Helena Brinkmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Sonntagnachmittag, 15. November 2020, 17:14 Uhr