Coronageschichten

Sina kann als Prostituierte nicht arbeiten – eine schwierige Zeit

Eine Prostituierte wartet in einem Bordell auf Kundschaft(Symbolbild)
Bild: DPA | Andreas Arnold

Sina, 32 Jahre, aus Bremen
"Weil die Prostitution ja komplett verboten ist, habe ich seit über neun Wochen keinen Arbeitsalltag mehr. Ich darf nicht arbeiten und ich werde nicht arbeiten. Das ist eine Vernunftsentscheidung, weil ich gar nicht weiß, wie ich mich in dem Job schützen soll. Abstand geht nicht und mit Maske zu arbeiten, wäre nicht das Wahre. Für mich ist das sehr schwierig. Ich habe viele Stammgäste, die ich auch sehr mag. Auf die Frage, ob ich arbeiten würde, mit Nein zu antworten, ist schon sehr hart.

Ich bin telefonisch und per Messenger täglich für meine Stammkunden zu erreichen und die melden sich auch regelmäßig bei mir, um zu reden und um zu fragen, wie es mir geht. Das finde ich toll, das ehrt mich, das ist ein schönes Gefühl, dass an mich gedacht wird. Aber dann gibt es natürlich auch die, die mich besuchen wollen, die versuchen zu diskutieren und die immer wieder fragen, warum ich nicht arbeite. Und da fällt es mir schon schwer, sie immer wieder abzuweisen und mich zu erklären.

Es gibt immer Leute, die das nicht verstehen, auch weil andere arbeiten. Ich denke oft darüber nach: Wann darf und kann ich wieder arbeiten? Wird es überhaupt irgendwann wieder gehen? Natürlich habe ich Existenzängste: In den Debatten werden wir meist vergessen, unser Beruf wird gar nicht erwähnt. Dabei wollen wir ja auch wissen, ob und wann wir wieder arbeiten können. Denn bei uns gibt es kein Homeoffice und keine Kurzarbeit. Wenn wir nicht arbeiten, verdienen wir auch kein Geld. Bis Ende des Jahres nicht arbeiten, das können wir nicht - und wir müssten uns Alternativen überlegen, wenn es gar nicht mehr gehen sollte.

Ich weiß, dass einige Frauen anfangen, sich umzuorientieren, beruflich neue Wege gehen und dass andere einfach weiter arbeiten, als ob nichts wäre. Für manche Leute macht gerade das Verbot die Sache interessant. Es gibt ihnen den Kick, gegen das Verbot zu verstoßen. Und da werden sich auch in Zukunft die Anfragen häufen, denke ich. Auch weil die Männer teilweise seit neun Wochen zuhause sitzen und endlich mal wieder was anderes sehen wollen. Da fragt man sich schon manchmal, ob der eigene Weg der richtige ist. Aber dann sagt mein Kopf: Nein, du machst das Richtige! Bleib dabei!

Ich mach das vor allem, um meine Familie zu schützen. Aber es fällt mir sehr schwer. Distanz zu haben, ist für mich beruflich und familiär sehr schwer. Ich brauche Nähe und ich brauche das auch im beruflichen Umfeld. Man gewöhnt sich an alles. Dass ich die älteren Menschen in meiner Familie seit acht Wochen nicht mehr gesehen habe, ist für mich das Schwerste. Klar ist die Stimmung bedrückend. Aber ich versuche, mir jeden Tag etwas vorzunehmen, Dinge zu machen, die sonst liegen bleiben. Auch, um nicht ständig darüber nachzudenken. Ich versuche, jeden Tag zu genießen und positiv zu denken. Und so vergeht ein Tag nach dem anderen."

(Sprachnachricht vom 14. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, Next am Nachmittag, 20. Mai 2020, 16:50 Uhr