Coronageschichten

Wenn man als Polizist plötzlich Kinder vom Spielplatz schicken muss...

Ein junger Mann mit kurzen dunklen Haaren und einem Tattoo auf dem rechten Oberarm steht in einer Polizeiuniform vor einem Polizeiauto
Als Polizist will Simon eigentlich Bösewichte fangen und nicht Kinder vom Spielplatz wegschicken. Bild: Simon

Simon, 35 Jahre, aus Bremen
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Seit Corona hat sich auch meine Arbeit bei der Polizei verändert. Das merkt man schon im Umgang unter den Kollegen an der Wache. Statt 'Händeschütteln' ist jetzt regelmäßiges 'Händewaschen' angesagt.

Wichtig ist für uns, dass der Dienst weitergeht. Und im Dienst selbst spürt man die Auswirkungen der Corona-Krise natürlich auch. Da hat sich zum Beispiel der Umgang mit den Mitbürgern verändert. Es fühlt sich für uns komisch an, Leute zurechtzuweisen, die bei gutem Wetter einfach draußen an die frische Luft wollen. Aber die meisten begegnen uns mit viel Verständnis und Einsicht. Man sieht unterwegs auf Streife dann auch mal ein Pärchen auf einer Picknickdecke, das zwei Meter voneinander entfernt sitzt und ein Glas Wein genießt. Das ist ja völlig in Ordnung und daran sieht man auch, dass die meisten sich an die Vorgaben halten.

Ab und zu kommt es auch vor, dass uns Menschen über die 110 anrufen und berichten, dass sie eine Gruppe von fünf bis sechs Leuten beobachten und fragen, ob das denn in Ordnung wäre. Und wenn man dem dann nachgeht und fünf junge Erwachsene antrifft, die sich gemütlich im Gartenhaus hingesetzt haben und das Normalste von der Welt machen, ist es natürlich auch für uns komisch, denen sagen zu müssen, dass sie das nicht dürfen und sie sich vom Gartenhaus entfernen müssen.

Ich kann das ja alles total verstehen – ich gehe auch gerne raus und amüsiere mich. Aber auch für mich fällt das jetzt weg. Man muss den Leuten klarmachen, dass die aktuelle Lage mit dem Virus einfach sehr ernst ist.

Ich selbst war auch schon in Quarantäne. Es gab einen Todesfall, zu dem wir gerufen wurden und der Verstorbene war italienischer Staatsbürger, der erst vor kurzem nach Deutschland gekommen ist. Wir hatten bei dem Einsatz Kontakt mit den Angehörigen und mussten deshalb natürlich auch ein paar Tage zu Hause bleiben. Erst nachdem wir negativ auf Covid-19 getestet wurden, durften wir wieder raus. Aber zum Schutz unserer Mitmenschen waren wir eben in Quarantäne und mussten da durch.

Es gibt in dieser Zeit auch tolle Momente: Als wir neulich auf einem Parkplatz einen Verkehrsunfall aufgenommen haben, kam eine Frau zu uns und hat sich bei uns bedankt. Sie hat gesagt, dass sie unsere Arbeit gut findet und dass sie unseren Job jetzt nicht gerne machen würde.

Mein persönlicher Eindruck in diesen Zeiten ist, dass es deutlich ruhiger auf den Straßen geworden ist. Und was wirklich auffällt: Die Menschen sind viel freundlicher.

Was sich wirklich nicht gut anfühlt, ist, wenn wir Kinder vom Spielplatz wegschicken müssen. Ich bin zur Polizei gegangen, um Bösewichte zu fangen und nicht, um das Spielen zu untersagen. Das fühlt sich im Moment einfach unwirklich an und da haben wir als Polizisten auch keinen Spaß dran."

(E-Mail vom 20. April 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2020, 19:30 Uhr