Coronageschichten

Rega rotiert: Alleinerziehend, selbstständig und Sorgen um die Tochter

Schiff im Museumshafen in Vegesack
Regas Leben schwankt zwischen Akquise für die Arbeit und Homeschooling für die Tochter. Sie hofft auf ein Happy End aber noch ist keines in Sicht. Bild: Rega

Rega, 49 Jahre alt, aus Bremen:
"Meine Coronageschichte ist: Coronageschichten schreiben. Die habe ich in ein Büchlein zusammengefasst, das hier den Rahmen sprengen würde. Als alleinerziehende Autorin, mit völlig unausgelastetem Grundschulkind zuhause, ist konzentriertes Schreiben zu anderen Themen komplett unmöglich.

In den ersten Wochen wirbelte ich, neben Organisation und Einrichtung der Technik fürs E-Learning, in alle Richtungen. Das geht, weil man es im Zehn-Minuten-Takt unterbrechen kann, wenn das Kind ruft. Von Eigenwerbung und Lesungsabsagen über neue Autorenkooperationen, Unterstützung des regionalen Buchhandels und umgestrickte Webseiten, bis hin zu Corona-Abstand-Klamotten in meinem Fanshop. Vermutlich eine Art blinder Aktionismus, ständig die Laufrichtung ändernd, um trotz allem den Humor und die Hoffnung zu bewahren. Irgendwas musste doch mal fruchten...

Nebenbei notierte ich mir immer mehr skurrile Szenen, die sich zuhause oder an Bord meines Bootes im Museumshaven Vegesack ereigneten. Manche landeten spontan unter dem Hashtag #Coronastilblüten auf Facebook, andere blieben in der Schublade. Irgendwann waren es so viele, dass ich auf die Idee kam, sie in einem kleinen Buch zusammenzufassen. Zumal meine befreundete Illustratorin, Nicole Fabert aus Walle, bereits eine passend optimistische Corona-Zeichnung erstellt hatte. Da die Krise noch nicht zu Ende ist, ergo weitere Szenen hinzukommen, erschien mein Büchlein in einem experimentellen Format: Ein 'mitwachsendes' E-Book mit dem Namen 'Corona Stilblüten.'

Neben Gedanken an meine Halbgeschwister, die unter anderem in Spanien, Italien und New York leben, macht mir die Aussichtslosigkeit in Richtung normaler Schulbetrieb die größten Sorgen. Meine Tochter war eine gute Schülerin, aber Mama als Lehrerin, das akzeptiert sie gar nicht. Zudem hat sich das vorher komplett medienferne, täglich draußen aktive und kreative Kind nun langsam aber stetig in eine Art rumhängender Computerjunkie verwandelt. 'Null Bock' auf fast alles andere ist die neue Philosophie.

'Freunde braucht man nicht, so gibt es auch keinen Streit.' Diesen anfänglichen Selbstschutz verinnerlicht sie immer mehr. Keine Ahnung, wie wir da je wieder rauskommen und wieviel von ihrer krassen Wesensänderung dauerhaft bleibt. Also kracht und hinkt es nun an allen Ecken und Enden, mit Dauerrückstand in den Schulaufgaben. Nach den Sommerferien steht der Schulwechsel an, dann fehlt auch noch die vertraute Lehrerin am anderen Ende des Internets.

Ich kann nur hoffen, dass irgendwann, weit hinter den nun fertigen Konzepten für die Wirtschaft, wie Flugzeuge und Gastronomie, auch der Bildungsauftrag von den Eltern zum Staat zurückkehrt. Und Mütter wieder arbeiten dürfen. Wenn ich allerdings im brandneuen Konjunkturpaket lese, dass die Kapazitäten für E-Learning an allen Schulen ausgebaut werden sollen, sowie jede Menge Geld für Digitalisierungen aller Art ausgegeben werden soll, aber dort nichts steht von Gebäude- oder Personalaufstockung für Präsenzunterricht mit Abstandsmöglichkeiten, schwant mir nichts Gutes.

Immer den Humor bewahren, ich finde irgendwo ein Happy End, ich weiß nur noch nicht, wann, wo und wie."

(E-Mail vom 5. Juni 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Juni 2020, 19:30 Uhr