Coronageschichten

Ortwin war mit Corona infiziert: Das Virus hat sein Leben verändert

Video vom 13. Mai 2020
Corona-Genesener Ortwin Fritsche im Porträt.

Ortwin, 78 Jahre, aus Bremen
"Die Infektion mit Covid-19 hat eine tiefe Narbe in meiner Psyche hinterlassen. Und die Angst, dass diese Narbe nicht hält und eventuell wieder aufbricht, ist spürbar vorhanden. Vier Wochen nach meiner Entlassung aus der Intensiv-Isolation im Krankenhaus fühle ich mich jetzt trotzdem wieder sehr wohl. Ich lebe!

Zu Beginn der Erkrankung konnte ich oft nicht richtig denken und hatte große Angst, dass mein Leben nun zu Ende sein könnte. Doch ich bin wieder auf die Beine gekommen. Zu verdanken habe ich das der erfolgreichen Therapie, dem empathischen Verhalten des Krankenhauspersonals und – damals leider nur aus der Entfernung übers Internet – der liebevollen Zuwendung meiner Frau.

Ich habe mein Verhalten geändert: äußerlich und innerlich. Ich jogge jetzt nicht mehr wie vor der Erkrankung um die Bremer Wallanlagen, sondern fahre häufiger mit dem Fahrrad. Pflichtbesuche werden abgesagt, Einladungen verschoben bis auf die Zeit nach Corona. Selbst mit den wenigen Freunden, die ich altersgemäß nur noch habe, treffe ich mich nicht. Zurzeit möchte ich einfach meine Ruhe haben.

Gott sei Dank kann ich mich wieder meinem Hobby widmen: der Renovierung alter Häuser. Als mich das Coronavirus mit voller Breitseite erwischte, vier Tage nach Rückkehr von einem Wochenende in Italien, hatte ich gerade damit angefangen, ein neu erworbenes Haus zu renovieren. Doch dann ging nichts mehr!

Jetzt fühle ich mich wieder so fit, dass ich – im buchstäblichen Sinn der Worte – wieder Wände einreißen kann. Und das mache ich auch. Ich hoffe, meine Kraft wird ausreichen, dass dies noch einige Zeit so bleibt. Die Renovierungsarbeiten sind für mich wie ein Training und mit meinen 78 Jahren bin ich froh, dass ich das nach einer heftigen Corona- Erkrankung noch schaffe. Wenn ich nachmittags nach dem Renovieren nach Hause fahre, fühle ich mich so, als käme ich gerade aus einem Fitnessstudio, den Muskelkater inbegriffen.

Ich kann jetzt auch wieder gut schlafen. Nur die Träume, an die ich mich manchmal erinnern kann, sind geprägt von Gedanken an die Intensiv-Isolation im Krankenhaus. Meine Mutter hat mir als kleines Kind, wenn ich schlecht geträumt habe, immer gesagt: 'Wenn dein Traum schwer und düster ist, versuche zu fliegen. Flieg aus dem Bett über die Stadt und freue dich über die Lichter unter dir und die Sternen über dir! Dann verschwinden die schlechten Traumerlebnisse.' Sie hatte Recht und ich versuche heute, ihrem Rat zu folgen, wenn sich die Corona-Träume einnisten wollen.

Auch meine Einstellung zur Umwelt und zur Gesellschaft, in der wir leben, hat sich sehr stark verändert. Ich bin leicht zum 'Öko' geworden, achte bei Lebensmitteln mehr auf regionale und ökologische Produkte und sehe diejenigen, die nur Profit in den Vordergrund stellen, sehr viel kritischer. Auch die Aussagen von Politikern hinterfrage ich intensiver als bisher. Der Abstand zu anderen Personen ist größer geworden, größer als 1,50 Meter oder 2,00 Meter. Es ist ein zwischenmenschlicher Abstand, der ein wenig von Furcht geprägt ist. Abstand halten. Mund- und Nasenschutz tragen. Und im Kopf immer der Gedanke, dass das Virus überall sein kann. Zum eigenen Schutz und zum Schutz des Gegenübers halte ich mich strikt an die Hygenie-Regeln.

Während meiner Erkrankung habe ich immer fest daran geglaubt und gehofft, wieder gesund zu werden. Die Betreuung und die Liebe meiner Mitmenschen in dieser Zeit waren eine fantastische Hilfe, um dieses Ziel zu erreichen. Und natürlich auch der kubanische Song – mittlerweile ein Ohrwurm – den meine Frau mir aufs Handy geschickt hatte und der mich beim Zimmerjoggen unterstützt hat.

Ab morgen will ich wieder um die Bremer Wallanlagen joggen! Das habe ich mir versprochen und Versprechen halte ich.

P.S.: Tipps zum Gesundwerden nach einer Infektion mit Covid-19:

  • Fest daran glauben, dass man wieder gesund wird!
  • Vertrauensvoll hoffen, dass eine ausreichende Versorgung vorhanden ist!
  • Liebe, die einem entgegengebracht wird, spüren und akzeptieren!
  • Auf dem Zimmer joggen, bei offenem Fenster, und sich nicht hängenlassen!

(E-Mail vom 23. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Mai 2020, 19:30 Uhr