Coronageschichten

Kira schreibt ein berührendes Gedicht für ihren Bruder im Pflegeheim

Eine Hand greift in Richtung eines Baumes voller Blüten vor dem Hintergrund eines klaren, blauen Himmels
Kira hat ein Gedicht für ihren schwerbehinderten Bruder geschrieben, der in einem Pflegeheim ist und keinen Besuch mehr empfangen darf. Bild: Kira

Kira, 38 Jahre, aus Bremen
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Bruder Bruder – die Trennung, mein Kopf weiß, es ist das Beste für dich. Für uns. Trotzdem. Sorge in mir. Sorgen um dich. Kann dir nicht sagen, was los ist. Deine Ohren taub. Kann dich nicht anskypen. Ein Bildschirm: Lichterscheinungen für dich.

Gedankenkreise, aufwühlende Nächte, immer wieder Tränen. Kein nahes Ende der Pandemie in Sicht. Will dich gerne in den Arm nehmen. Dein Gesicht streicheln. Dich kitzeln. Deine Sprache sprechen. Vielleicht bist du tapferer als ich und es ist gut, dass dein Kopf anders denkt, du keine Nachrichten begreifst, das Wort Corona keine Existenz in dir hat. Ein schwacher Trost.

Im nächsten Moment: Ohnmacht. Wie so oft in meinem Leben mit dir. Diese Hürden, dir nah zu sein. Schwer war es, doch kein Vergleich zu jetzt. Es zieht in meiner Brust. Mein Herz will hinaus und mit dir unterm Baum im Garten sitzen. Die Sonnenstrahlen dieses Frühlings genießen. Deine rechte Hand vors Auge gepresst, hältst du die andere in die Luft, fängst Licht und Schatten ein. Ich vermisse dich, deine Schwester.

Mein Bruder, 36, Bewohner eines Pflegeheimes in Bremen. Diagnose: Schwerstmehrfachbehinderung. Kann nicht laufen, nicht hören. Guckt anders, versteht anders. 24/7 auf Pflege und Betreuung angewiesen. Nun Covid 19. Es herrscht Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen."

(E-Mail vom 9. April 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2020, 19:30 Uhr