Coronageschichten

Mit 3 kleinen Kindern allein zu Haus: Finja ist total erschöpft

Finja sitzt mit ihren drei Kindern auf dem Fußboden
Finja und ihre drei Kinder: Für die Mutter ein Fulltime-Job in der Coronakrise - denn die Kita hat geschlossen. Bild: Finja

Finja, 34 Jahre, aus Bremen
"Ich möchte euch einmal einen Einblick in meinen Corona-Alltag mit drei kleinen Kindern geben. Hilda ist neun Monate, Paul zweieinhalb Jahre und Jonas fünf Jahre alt. Da die Kita ja geschlossen hat, sind alle Kinder den ganzen Tag zu Hause. Ich selbst befinde mich derzeit in Elternzeit. Mein Mann Olli ist Vollzeit berufstätig und verlässt frühmorgens das Haus.

Ich schlafe bei meinem mittleren Sohn. Geweckt vom Babyphone, das mein Mann beim Gehen vor die Zimmertür gestellt hat, versuche ich leise aufzustehen, um mich ins obere Stockwerk zu schleichen. Natürlich ist ein neun Monate altes Kind nicht leise, wenn es die Mutter erspäht. Ich werde lautstark und freudestrahlend mit Jauchzen begrüßt. Kurze Zeit später wacht Paul auf. Stinksauer darüber, dass Mama nicht mehr neben ihm liegt, lässt er sich meckernd darauf ein mit uns nach unten in den offenen Wohn-Essbereich zu gehen. Geweckt von der Unzufriedenheit seines kleinen Bruders, kommt auch Jonas aus seinem Zimmer. Traurig darüber, dass er nicht der Erste war, der wach geworden ist. In Unterhose, Top und mit zotteligen Haaren stehe ich in der Küche und versuche mir mit Baby auf dem Arm einen Kaffee zu kochen. Hilda absetzen ist nicht drin - die Zähne kommen, Verlustängste und einfach, weil sie ein Baby ist.

Es wird nach etwas Fernsehzeit gefragt. Nachdem geklärt ist, ob sich zuerst ein Bagger auf der Baustelle angeschaut wird oder doch eine Folge Ninjago, ist mein Kaffee fertig. Ich setze mich auf den Fußboden. Sofas und Stühle werden absolut überbewertet und so trinke ich meinen ersten Schluck Kaffee in der Hoffnung, auch diesen Tag gut rumzubekommen.

Der Blick auf die Uhr: Es ist 7.15 Uhr. Der zweite Schluck Kaffee. Dann die Frage der Jungs nach Frühstück. Einer möchte Müsli, der andere Brot. Hilda lässt sich zum Glück nun darauf ein doch etwas durch die Gegend zu krabbeln. Das Müsli ist fertig. Zwischen 'Dinge aus dem Schrank holen', immer wieder die Schritte und Blicke zu Hilda, die alle, aber auch wirklich alle Kleinteile und Krümel findet, um sie sich in den Mund zu stecken. Das Brot ist geschmiert. Tränenausbruch bei Paul. Ich habe fälschlicherweise das Brot zusammengeklappt. Schokoaufstrich und Frischkäse fügen sich harmonisch zusammen. Aber halt! Genau so soll es ja nicht sein! Bei dem hektischen Versuch die totale Verschmelzung aufzuhalten, immer wieder Hilda im Blick haben, die Steckdosen beim Rumkrabbeln entdeckt hat. Diese sind zwar gesichert, aber natürlich trotzdem ein Tabu. Frühstück ist geschafft.

Fernsehgucken beendet. Hilda weint. Nun muss eine Flasche her. Die Windel könnte auch neu gemacht werden. Paul hingegen zieht sich die Windel selber aus und möchte auch keine Neue umgewickelt bekommen. Er sei ja schließlich schon ein großer Junge. Jetzt soll geknetet werden. Stellt sich die Frage: Erst Knete holen? Oder erst die Windel und die Flasche? Erst Knete. Aber wohin damit. Auf dem Fußboden geht nicht, Hilda isst ja alles. Also ab auf das Sofa mit Unterlage und Knete, egal, dass das vorher ein absolutes Verbot war. Es wird in absoluter Zweisamkeit geknetet. Ich bin also endlich auf dem Weg in die Küche, die Flasche für Hilda machen. Aus dem Augenwinkel sehe ich Paul aufstehen und innehalten. Eine Pipipfütze ist entstanden. Der Weg zum Töpfchen war wohl zu weit. Ich lege also Hilda auf den Teppich. Suche einen Lappen und flitze zum Pipisee. Während ich wische, höre ich es in der Küche rascheln. Hilda hat sich klammheimlich in die Küche verzogen und den Papiermüll entdeckt. Also mit Pipilappen schnell Hilda geschnappt. Pipilappen entsorgen und sichergehen, dass Hilda nichts verschluckt hat.

Zeitgleich bekommt Jonas eine Knetkrise, es läuft einfach nicht so, wie er will. Der Blick auf die Uhr: Es ist zehn Uhr. Mein Kind ist nicht am Papier erstickt, die Knetkrise überwunden und Paul saß auf dem Töpfchen. Mein Herz rast. Mir ist unfassbar warm. Ich stehe im Wohnzimmer und kann wieder mit einer Flasche, einer neuen Windel und der Diskussion, ob es wohl schon Zeit für eine Süßigkeit ist, weitermachen.

Es ist elf Uhr. Jonas Freund Hanno aus unserer Corona-Gemeinschaft kommt zu uns. Sie verschwinden oben im Kinderzimmer. Kurze Zeit später wird auch dort nach Legobauhilfe verlangt. Also Treppe rauf, Treppe runter mit Hilda auf dem Arm.

Fast 13 Uhr. Essen machen. Mit Glück essen sie das Essen einfach ohne zu mosern. Wir sitzen alle am Tisch. Die Kinder sind guter Laune. Alle reden lustig durcheinander. Während ich Hildas Brei zubereite, hat sie sich, schon am Tisch sitzend, die Gabel von rechts und mit Pech das Glas von links geschnappt. Mit viel Liebe und Hingabe versucht Paul Hilda etwas Essen abzugeben. Natürlich viel zu große Stücke. Jetzt heißt es Ruhe bewahren. Pauls Bemühungen wertschätzen und nicht niedermachen. Hilda aber auch vor einer viel zu großen Nudel retten. Zwischen den lustigen 'Kacka-Pups-Gesprächen' der Großen höre ich die Waschmaschine im Keller und den Geschirrspüler im Rücken piepen. Aber ehrlich…es ist total egal. Einfach ignorieren. Wann bitteschön soll ich das denn auch noch machen?

Das Essen ist beendet. Die Großen gehen spielen und Hilda wird mit etwas Glück ein kleines Mittagsschläfchen machen. In Gedanken würde ich in der Zeit staubsaugen, Geschirrspüler ein- und ausräumen und die Wäsche schaffen. Ich möchte aber auch Paul gerecht werden. Der bei den Großen zwar willkommen, aber doch nicht richtig mitspielen kann und auf Hilda ständig Rücksicht nehmen muss. Also schmeiße ich mich voll motiviert zu ihm auf den Fußboden, um die Zeit mit ihm zu nutzen. Etwas frustrierend für mich, denn irgendwie stelle ich die Autos falsch hin, baue an falschen Orten und sage irgendwie nie das Richtige.

14.30 Uhr. Hilda ist wieder wach. Ich habe immerhin etwas Normales an. Die Zähne sind geputzt und die Haare gekämmt. Eigentlich müssten die Kinder auch nochmal an die frische Luft. Jetzt möchte ich mich gerne dreiteilen können. Die Großen wollen auf Tempo Strecke fahren. Paul wiederum schmeißt bei jedem Käfer und jeder Blume das Laufrad auf den Boden und geht auf Entdeckungstour. Hilda lässt sich das Sitzen im Kinderwagen oder im Tragetuch auch nur maximal eine Stunde lang gefallen. Dann wird der Bewegungsdrang zu groß.

Wir sind alle gemeinsam draußen gewesen und heil wieder zu Hause angekommen. Ich bin total erschöpft. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe meine Kinder über alles. Ich möchte keines von ihnen missen! Und jedes ist auf seine Art und Weise dem Alter entsprechend entwickelt und auf Zack. Allerdings bedeuten unterschiedliche Altersstufen auch unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber das ist schlicht weg nicht möglich. Ich kann den Satz: 'Wie gut, dass du noch in Elternzeit bist!', nicht mehr hören. Ähhhhh…ja. Habe ich es deshalb einfacher? Nein! Ebenso der Satz: 'Du hast es dir mit drei Kindern ja selber so ausgesucht.' Auch hier ein Ja! Aber unter anderen Voraussetzungen als sie derzeit gegeben sind. In einem System, wo ich mit jedem Kind das erste Lebensjahr intensiv bis 14 Uhr allein zu Hause verbringe, meine zwei Großen gut untergebracht weiß und mich auf einen gemeinsamen Nachmittag mit ihnen freue. Wenn es System Kita und Schule nicht geben würde, hätte ich vielleicht keine drei Kinder und sicherlich nicht in solch geringem Altersabstand bekommen.

Wie Herr Habeck passend in einer Talkshow sagte: 'Wir steuern in großen Schritten wieder dem entgegen. Mutti macht das schon.' Kochen, kümmern…absolute soziale Isolation. Zum Einkaufen mal kurz raus. Und mal ehrlich. Spaß macht das nicht. Jeder Tag ist eine Herausforderung. Und ich sehne mich schon hin und wieder danach einfach zur Arbeit gehen zu können. Einfach mal raus. Allein mit dem Auto oder dem Fahrrad dorthin zu fahren. Einfach mal anderen Stress erleben. Allein einen Kaffee trinken. In der Mittagspause ins Brot beißen… Ich möchte nicht sagen, dass ich mehr Anspannung und Stress täglich erfahre. Aber halt auch nicht weniger als die Menschen, die zur Arbeit gehen. Jetzt sind Geschäfte, Restaurants und Cafés wieder geöffnet. Soll ich mit meinen drei Kindern shoppen gehen oder mich in ein Café setzen? Bei diesen Gedanken kommen mir die Tränen.

Für mich klatscht abends keiner. Es wird höchstens noch geschimpft, dass jetzt Zähne geputzt und es ins Bett gehen soll. Ich bringe gemeinsam mit meinem Mann die Kinder ins Bett. Es ist 20.30 Uhr. Ich sitze auf dem Sofa vor meiner ersten richtigen Mahlzeit und trinke ein Glas Wein. Ich unterhalte mich noch etwas und schlafe auf dem Sofa ein. Das Babyphone schlägt Alarm. Ich mache vorsichtig die Augen auf. Paul liegt neben mir. Es beginnt ein neuer Tag…"

(E-Mail vom 11. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2020, 19:30 Uhr