Coronageschichten

Walisischer Infekt oder Corona?

Eine junge Frau sitzt mit Schutzmaske auf einem Stuhl und wartet.
Charlotte, Volontärin bei Radio Bremen, sitzt als ein so genannter Verdachtsfall in der Corona-Ambulanz, weil sie Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. Bild: Charlotte

Charlotte, 27 Jahre, aus Bremen:
"Vier verschiedene Aussagen von diversen Ärzten: 'Pauschal zwei Wochen Quarantäne unabhängig vom Testergebnis', 'Quarantäne für 14 Tage nach letztem Kontakt mit infizierter Person', 'keine Quarantäne, wenn der Test negativ ist' und 'kein Test, wenn der Kontakt länger als zwei Wochen her ist' – das ist das Ergebnis von meinem beherzten Sprung ins Corona-Test-Hamsterrad.

Vor rund drei Wochen kam mein Freund gerade noch rechtzeitig vor der Kontaktsperre und den Reisebeschränkungen aus dem Wales-Urlaub zurück. Sorgen hatte er sich im Gegensatz zu mir ohnehin nicht gemacht – auch nicht, als er zwei Tage darauf eine Erkältung bekommen hatte und für mindestens eine Woche seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor. 'Ein Kardinalsyndrom' soll genau das sein, sagte ich ihm. 'Ein walisischer Infekt', sagte er – und der Hausarzt verneinte einen Test, da es sich weder um ein Risikogebiet handle noch nachweislicher Erstkontakt zu einer positiv getesteten Person bestand.

Heute nun kam heraus, dass ein Freund, der mit ihm unterwegs war, mit exakt den gleichen Symptomen positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Also: Mundschutz übergestreift, Überweisung abgeholt und ab in die leere Corona-Ambulanz. Mit gefangen, mit gehangen, denke ich mir und versuche, ruhig und reflektiert zu bleiben.

Gleichzeitig flippe ich hinter meinem Mundschutz innerlich aus, möchte laut schreien und denke darüber nach, ob man auch Beleidigungen vorher besser desinfizieren sollte. Die ganze Zeit hab ich von einigen Kollegen und meinem Freund ein Schmunzeln oder spitze Kommentare für meine vorsichtige und ängstliche Art bekommen. Und: Die ganze Zeit sollte ich Recht behalten mit all meinen Einschätzungen. Ob das jetzt gut tut dieses Gefühl? Nein. Denn am Ende sitze ich hier, muss mir ein Teststäbchen in die Nase und den Rachen stecken lassen und warte auf mein Ergebnis.

Zum Glück habe ich schon einen Haufen Osterschokolade zu Hause gehortet und kann jetzt gepflegtes Frustfressen betreiben. Das ist bei mir bislang das einzige Symptom, das sich seit den Maßnahmen äußert.

Angerufen werden wir nur, wenn unser Test positiv ausfällt. Bis dahin ist Warten angesagt. Natürlich in Quarantäne. Ich überlege, ob ich die Snackbox vor meinem Freund verstecke. Als Strafe – und als Vorsichtsmaßnahme einer ängstlichen Frau mit untrüglichem Bauchgefühl." (E-Mail vom 7. April 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2020, 19:30 Uhr