Coronageschichten

Personalnot in griechischer Klinik: Anna hilft als angehende Ärztin

Video vom 8. Juni 2020
Eine junge Ärztin, die vor einem Regal steht und in eine Kiste greift.
Bild: Radio Bremen

Anna, 28 Jahre alt, aus Bremen:
"Mein Freund und ich sind beide gerade mit dem Medizinstudium fertig und als Corona losging, haben wir uns überall beworben, bei allen möglichen Stellen, und wollten das deutsche Gesundheitssystem unterstützen. Aber es hat sich niemand zurückgemeldet, weil es dann ja relativ glimpflich abgelaufen ist. Dann haben wir von der Klinik hier auf der griechischen Insel Samos gehört. Hier werden viele Menschen aus dem großen Flüchtlingscamp behandelt. Durch Corona hat sich die Personalsituation der Klinik total zugespitzt. Es sind ganz viele Leute abgereist. Ein Freund hatte mir das erzählt und gesagt: 'Kommt auf jeden Fall. Denn sonst muss vielleicht die Klinik schließen, weil zu wenig Personal da ist.'

Die Klinik versorgt jeden Tag 100 bis 150 Leute, und wenn es die Klinik nicht gäbe, dann würden sie ohne medizinische Versorgung dastehen. Das ist eine total gute Motivation und es macht auch Spaß. Es gibt ganz viele Menschen, die total dankbar sind und sich darüber freuen. Auch wenn wir keine große Arbeitserfahrung haben, habe ich das Gefühl, dass wir die Leute total gut unterstützen können. Das Team besteht zur Hälfte aus ÜbersetzerInnen, die teils noch im Camp wohnen oder schon länger hier sind, und aus ganz vielen internationalen Freiwilligen, aus England, Italien, Spanien, Frankreich. Wir sprechen meist Englisch.

Eine Ärztin auf der Insel Samos
Die Bremerin Anna hilft als angehende Ärztin in einer Klinik auf Samos. Hier kommen vor allem viele Geflüchtete hin. 7.000 leben auf Samos. Bild: Anna

Wir fangen so um sieben an, dann sitzen meist auch schon fünf bis sechs Patienten vor der Tür. Im Laufe des Tages wird die Schlange dann länger und länger und immer wieder müssen Patienten auch abgewiesen werden. Die meisten untersuchen wir wegen Corona draußen vor der Tür. Die Erkrankungen reichen von Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung über infizierte Wunden bis hin zu Abzessen im Mund wegen mangelnder Hygiene. Denn hier auf der Insel gibt es auch keinen Zahnarzt. Im Camp ist es sehr dreckig, daher infizieren sich Wunden sehr schnell. Dazu kommen noch Krätze und Läuse. Es gibt aber auch viele chronische Sachen wie Bluthochruck oder Diabetes. Es ist einfach die komplette Bandbreite an Krankheiten.

Flüchtlingscamp auf Samos, Griechenland
Im Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Samos leben rund 7.000 Menschen - ausgelegt war das Lager für 600 bis 700 Geflüchtete. Bild: Imago | PA Images

Das Flüchtlingscamp ist eigentlich für 600 bis 700 Leute ausgelegt, aber derzeit leben dort rund 7.000 Menschen. Die Leute wohnen in kaputten Zelten, in die es reinregnet und in die Ratten reinkommen. An meinem ersten Tag hier hatte ich jemanden, der ist nachts auf Toilette gegangen und da hat ihm eine Ratte in den Fuß gebissen. Es gibt Leute, die können nicht schlafen, weil die Ratten um die Zelte quieken. Die sanitären Anlagen sind eine Katastrophe. Wir haben viele Leute mit Verstopfung, weil das Camp-Essen sehr kohlenhydrathaltig ist, wenig Obst und Gemüse, nur eineinhalb Liter Wasser pro Tag. Das sind Sachen, die einfach die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen. Es fehlt an allem. Es kommen Mütter zu mir, die sagen: 'Ich habe meine Kinder aus dem Krieg aus Syrien rausgeholt und jetzt bin ich hier in Europa - aber wo ist denn die Menschlichkeit von Europa?' Und dann kann man nur sagen: 'Es tut mir leid. Ich schäme mich. Es tut mir so leid.'

Ich habe in Dresden studiert und schon immer viel Kontakt zu Geflüchteten gehabt aber der direkte Einsatz hier an der europäischen Außengrenze, das ist für mich das erste Mal. Gestern hatte ich zum Beispiel einen ganz heftigen Arbeitstag und war super fertig - und man fragt sich dann: Darf ich jetzt eigentlich guten Gewissens einen Kaffee trinken gehen? Oder muss ich alles Geld, was ich sonst für Essen gehen oder Kaffee trinken ausgebe, besser spenden? Man wird immer wieder krass mit den eigenen Privilegien konfrontiert. Es ist super schwer eine Mischung zu finden, zwischen 'Ich passe auf mich auf' - denn es ist schon auch potentiell belastend, was man hier mitbekommt - und: 'Ich lasse es nah genug an mich ran.' Da muss man eine gute Balance finden.

Wir werden jetzt noch so drei, vier Wochen hier arbeiten und wenn sich die Situation hier wieder entspannt, dann fahren wir zurück und ich mache meinen Doktor zu Ende und wir fangen an zu arbeiten."

(Interview vom 3. Juni 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Juni 2020, 19:30 Uhr