Coronageschichten

Wie Corona aus einer normalen Straße ein komplettes Orchester macht

Video vom 21. April 2020
Nachbarn einer Straße, die vor ihren Häuser stehen und gemeinsam Musik machen.

Andrea, 54 Jahre, aus Bremen
"21. März, Samstag, 19 Uhr: Das Wetter war mau, die Schulschließungen seit einer Woche in Kraft. Alles war irgendwie ungreifbar. Was bedeutet das weiter für alle? Mein Mann und ich lagen auf dem Sofa, sinnierten über all das und hörten plötzlich eine Trompete. Die klang von irgendwoher aus unserem Wohngebiet und spielte 'Der Mond ist aufgegangen'. Ich schaute aus dem Fenster, sah nur grauen Abendnebel. Mir fiel unser Nachbar schräg gegenüber ein, der Trompete spielt. In einer Whatsapp-Nachricht fragte ich: 'Warst du das eben?' Er schrieb: 'Ja'. Er folge einem Aufruf der Evangelischen Kirche / Margot Käßmann, um 19 Uhr dieses Lied vom Fenster zu spielen.

Ok, warum nicht? Am nächsten Tag übten wir mit Stimme, Harp und Gitarre den Song, um um Punkt 19 Uhr das Fenster zu öffnen und mitzumachen! Udo – die Trompete – und wir. Vier Tage später (und das Wetter war immer noch mies) stimmten aus der Ferne weitere Nachbarn ein, mit Stimmen und tieferen Blasinstrumenten. Es verhallte zwar nach wie vor recht einsam im Wohngebiet, jeder in seinem Garten, aber wir blieben standhaft. Andere Nachbarn öffneten die Tür, lächelten, gingen wieder rein. Oder zogen die Gardinen zu. Mein Mann sagte: 'Ja, hier ist das eben nicht wie Italien.' Aber wir blieben eisern.

Zufällig trafen wir uns einmal um 19 Uhr am Hintereingang unserer Gärten, in der Spielstraße, als plötzlich noch ein Mann mit Gitarre, weitere Sänger und sogar eine Kontrabassistin auf die Straße traten. Alle etwas zögerlich, aber da merkten wir, hier passiert gerade etwas (alles natürlich mit erforderlichem Sicherheitsabstand).

Collage einer Trompete und eines Konzerts auf der Straße
Andrea, ihre Nachbarn und die Trompete, mit der alles anfing. Bild: Andrea

Tag für Tag ging es so weiter. Gegenüber auf der Hauptstraße ist ein Pflegeheim, wir siedelten dorthin um, um unsere zehn Minuten Musik mit den Menschen auf den Balkonen zu teilen. Und schlagartig wurden es immer mehr Menschen und Instrumente, die dazu kamen (okay, das Wetter fing langsam an, auch 'mitzuspielen'). Kurzerhand wurde eine Whatsapp-Gruppe gegründet und heute ist es so, dass zirka 50 Leute um 19 Uhr auf die Straße kommen, alle korrekt weit auseinandergefächert, und wir spielen gemeinsam drei Lieder für etwa zehn Minuten. Eine Dame aus dem Pflegeheim hält dabei immer eine Mundharmonika-'Solo-Einlage' vom Balkon. Der Ruhm wird beantwortet mit viel Applaus von allen!

Vorgestern passierte es leider doch: Die Polizei fuhr vor! Alle hielten die Luft an und wussten, jetzt ist es vorbei mit der spontanen Nachbarschaftsaktion. Der Sicherheitsabstand wurde kritisch geprüft. Kurze Gespräche mit gerunzelter Stirn wurden geführt. Ja, die Hauptstraße ist seeehr lang… Und? Es passte scheinbar! Die Gesichter der Beamten erhellte sich, sie stiegen wieder ins Auto, fuhren an und winkten uns zu. Das war quasi der Ritterschlag! Erleichterung machte sich breit. Seitdem ist der Bann gebrochen. JA, es ist nicht Italien, aber es ist so ähnlich, wie ich finde (und mein Mann mittlerweile auch). Wir wohnen seit zirka 13 Jahren hier und ganz ehrlich? Ich spreche in diesen Tagen das erste Mal mit Nachbarn, die man jahrelang vielleicht gegrüßt hat, aber mehr auch nicht. Teilweise nicht mal das. Und nun? Stehen wir – natürlich mit Sicherheitsabstand – kurz zusammen, machen Scherze, singen zusammen, planen für nach Corona ein Sommerfest (oder Winterfest??) und erspinnen einen neuen Chor, oder, oder. Und tauschen uns in der Whatsapp-Gruppe aus. Menschen, die sagen, wie schön sie diese kleine Aktion finden, und dass sie sich den ganzen Tag darauf freuen.

Und wie ist es entstanden? Durch eine erste Trompete, einen ersten 'Fan' und eine Zeit, die plötzlich Brücken schlagen lässt. Und alle fragen sich, warum haben wir das nicht schon vorher getan?

Ich selbst bin Heilpraktikerin für Psychotherapie und habe derzeit auf Online-Behandlungen umstellen müssen, was erstaunlich gut klappt. Mein Mann wiederum hat plötzlich die tollsten Ideen für einen Online-Gitarrenunterricht, den alle Schüler mitmachen. Die Eltern freuen sich scheinbar. Die Gigs unserer Band sind zwar gecancelt, aber die Veranstalter sind sehr kreativ mit Facebook-Postings. Um das stark beanspruchte Sitzfleisch etwas aufzulockern, laufen wir auch mutig weiter unsere Werdersee-Runden - solange es ohne Mundschutz möglich ist. Und was machen jetzt die zirka 300 Unternehmer, für die ich in meinem Netzwerk zuständig bin hier in der Region? Die sich sonst morgens um 7 Uhr zum Frühstück für 1,5 Stunden live getroffen haben, um Empfehlungen auszutauschen? Die treffen sich alle kurzerhand auch online und helfen sich gegenseitig mit Rat und Tat, Geschäft und von Mensch zu Mensch. Aber das… ist eine andere Geschichte.

(E-Mail vom 11. April 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2020, 19:30 Uhr