Coronageschichten

Per Video und draußen: Sabine macht Sprachtherapie mit Abstand

Video vom 20. April 2020
Ein Frau mit hellen Locken hält einen Stock in der Hand. Ein kleines Kind lacht.

Sabine, 54 Jahre, aus Bremen:
"Als Logopädin arbeite ich normalerweise ganz eng mit meinen Patienten zusammen. Doch in Coronazeiten müssen wir auf Abstand gehen. Das bedeutet, wir müssen entweder Videotherapien machen oder die zwei Meter Abstand einhalten.

Insgesamt arbeite ich nur noch mit der Hälfte meiner Patienten. Ich musste mich fragen: Für wen eignet sich eine Videotherapie? Und welche Patienten und Eltern wollen die auch? Damit sind Termine weggefallen.

Für Kinder mit Down-Syndrom, die den körperlichen Kontakt suchen und auch brauchen, ist das wirklich doof – so wie für uns Therapeuten auch. Mit Down-Kindern kriege ich die Abstandsregeln nicht hin – da geht nur Videotherapie oder gar keine Therapie. Nicht jede Therapie ist per Video machbar, es kommt auf meine Therapieziele an und ich muss gucken, wie es mit meinen Patienten geht.

Meine akuten Patienten kommen noch 'in echt' in meine Praxis. Die behandle ich mit Abstand. Der Tisch ist lang, wir sitzen sehr weit entfernt und ich zeige auf Materialien – da gibt’s keinen Kontakt. Auch in meiner Praxis ist es so, dass wir die Zeitfenster vergrößert haben. Ich habe zwischen zwei Patienten eine Viertelstunde – für mich sinnlose – Pause, so begegnet sich hier niemand.

Bei uns tragen die Patienten im Wartebereich und im Flur eine Maske. Im Behandlungsraum stelle ich den Patienten frei, ob sie eine Maske tragen wollen oder nicht. Die Patienten können auch entscheiden, ob ich eine Maske tragen soll oder nicht. In meinen Räumen unterschreite ich die Abstandsregel nicht. Manche Patienten tragen eine Maske, manchmal soll ich auch keine Maske tragen, weil die Patienten sehen wollen, wie ich meinen Mund bewege. Wenn ich Laute spreche wie ein 'Sch' in Schule, dann müssen die Patienten auch sehen, wie ich meinen Mund forme und hören welches Lautbild entsteht.

Bei Kindern in der Therapie ist es so, dass ich viele Materialien zum Spielen habe oder besser: hatte. Das Memory kann ich nicht nach jedem Patienten desinfizieren. Wir desinfizieren die Stifte, die Stühle, die Tische und Türgriffe und alles. Aber das Spielmaterial? Das geht nicht. Als es mit Corona anfing, da habe ich meine Würfel und Spielsteine nach jedem Kind eingesammelt, desinfiziert und zwei Tage in einen separaten Raum gelegt. Das nächste Kind hat dann andere Würfel bekommen, aber so viele Würfel habe ich nicht. Normalerweise behandle ich hier 20 Kinder in der Woche, jetzt gerade nur noch eins.

Jetzt öffnen bald die Seniorenwohnheime für Therapeuten. Für mich bedeutet das, dass ich meine Hausbesuche langsam wieder planen kann, aber da stehen wir noch ganz am Anfang.

Die Situation ist für uns alle schwierig. Es wäre schön, wenn sie sich wieder ändert."

(Interview vom 12. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. April 2020, 19:30 Uhr