Coronageschichten

Gestrandet in Paraguay: So hilft Bremer Familie Menschen in Not

Eine Frau mit Mundnasenschutz steht vor einer Flagge und symbolisiert mit ihren Händen ein Herz.
Manuela aus Bremen arbeitet seit 1,5 Jahren in Paraguay. Statt Urlaub bei ih rzu machen, helfen ihr gerade ihre Eltern dabei, Essen an Bedürftige zu verteilen. Bild: Manuela

Manuela, 38 Jahre, Paraguay:
"Eigentlich wollten meine Eltern mich ab März für drei Monate in Paraguay besuchen und wir wollten zusammen das Land erkunden. Ich komme ursprünglich aus Bremen, arbeite aber seit circa 1,5 Jahren in der Nähe von Asunción im Bereich Mission und humanitäre Hilfe in Paraguay.

Direkt eine Woche nachdem meine Eltern bei mir ankamen, gab es den großen Shutdown und beendete alle unsere Ausflugspläne. Aber was soll man sagen: Langeweile kam trotzdem nicht auf, denn in dem Viertel, in dem wir leben, arbeiten die meisten Familien wie Tagelöhner von einem Tag auf den anderen. Plötzlich hatten sie keine Arbeit mehr.

In Paraguay bedeutet dies direkt auch kein Geld mehr, kein Essen – stattdessen Hunger. Kurzfristig konnten wir ungefähr 20 Familien mit einigen Lebensmitteln unterstützen und auf einmal wurden wir zu einer Anlaufstelle vieler Mütter, die uns ihre Situation schilderten. Aus 20 Familien wurden auf einmal 50 und wir wussten, jetzt müssen wir handeln – alleine können wir das nicht stemmen. Also riefen wir ein Projekt zur Corona-Soforthilfe ins Leben. Wir erstellten eine Liste von Familien, die unsere Hilfe wirklich brauchten und fingen an, Spenden zu sammeln und Großeinkäufe zu machen.

Jetzt heißt es seit einigen Wochen für die Familien einzukaufen, Päckchen oder Tüten zu schnüren und abzufüllen. Meine Eltern bereiten mit einem eingespielten Team die Lebensmittel-Pakete regelmäßig mit vor. Das nimmt viele Stunden in Anspruch. Wenn ich überlege, was wir schon an Tonnen von Lebensmitteln abgepackt haben für die jetzt über 700 Familien… Das sind allein schon 700 Kilo Reis, 700 Kilo Nudeln, dann Mehl, Zucker und oftmals auch eine Flasche Öl und Milch. Teilweise haben wir auch schon Brot mit in die Tüten gepackt und verteilt. Das variiert jede Woche ein bisschen, damit es nicht immer dasselbe ist.

Weil Menschenansammlungen verboten sind, mussten wir eine gute Lösung finden, um bei der Verteilung zweimal wöchentlich einen Mindestabstand zu gewährleisten. Dabei hilft uns die freiwillige Feuerwehr und auch an Desinfektionsmittel wird nicht gespart. Mittlerweile haben wir eine gut organisierte Struktur.

Vier Wochen später bin ich immer noch mit meinen Eltern hier in Nemby-Mbocayaty. Wir sind in der elften Woche der Quarantäne – seit neun Wochen verteilen wir hier jetzt schon Lebensmittel an die Leute aus dem Barrio, also aus dem Dorf rundherum. Jetzt kommen auch schon Leute von ein bisschen weiter weg dazu. Es ist unglaublich, was ich hier gerade passiert.

Die Leute haben wirklich keine Arbeit, haben also auch nichts mehr zu essen und sind in großer Not. Es gibt auch viele ältere Leute, denen wir helfen. Hier gibt es keine Unterstützung vom Staat. Aber der Großteil der Menschen hier in unserem Viertel hat einfach kein Einkommen und kein Erspartes. Wir sind total froh, dass wir Unterstützung und Spenden aus Deutschland bekommen haben – damit wir das Essensprogramm auf die Beine stellen konnten und noch können, damit wir die Leute unterstützen können. Wir hören auch immer wieder: 'Wir sind euch so dankbar, dass wir einfach kommen können und dass ihr uns was zu essen gebt und dass ihr uns einfach Lebensmittel austeilt.'

Aber wir wissen ehrlich gesagt auch nicht, wie lange wir das noch machen könne, weil: Nach so einer längeren Zeit kommen auch nicht regelmäßig irgendwelche Spenden. Wir müssen einfach schauen, wie lange das ausreicht. Die Quarantäne wurde auch schon ein bisschen gelockert. Und es gibt tatsächlich Personen, die schon zurückgetreten sind von unserer Liste bedürftiger Familien, weil sie schon eine Arbeit gefunden haben. Aber: Es sind auch schon wieder neue Leute dazugekommen.

Obwohl der Besuch meiner Eltern ganz anders geplant war, sind wir alle sehr glücklich, dass sie hier sind und wir die Zeit zusammen verbringen können. Sie haben sich hier auch schon sehr gut eingelebt und fühlen sich trotz allem sehr wohl hier. Da die beiden bereits im Ruhestand sind, haben sie auch keine direkte Verpflichtung, nach Bremen zurückkehren zu müssen. Da es noch nicht abzusehen ist, wann sie zurück nach Bremen fliegen können, besteht ja eventuell doch noch die Möglichkeit, ein bisschen was vom Land zu erkunden."

(E-Mail/Sprachnachricht vom 8. und 27. Mai 2020)

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Feiertag-Vormittag, 1. Juni 2020, 13:10 Uhr