Flucht vor den Taliban – Wie ein Afghane den Weg nach Bremen fand

Bild: Radio Bremen

Siebzehn Jahre lang hat Farshid Saljuqi für deutsche Nicht-Regierungsorganisationen in Afghanistan gearbeitet. Vor gut drei Wochen ist er mit seiner Familie nach Bremen gekommen.

Der 34-jährige Betriebswirt Farshid Saljuqi sitzt in einem Büro der Bremer NGO Borda. In Afghanistan war er Landesdirektor für Borda Afghanistan. Die Organisation konzipiert und baut weltweit dezentrale Abwassersysteme und setzt Projekte zur hygienischen Sanitärversorgung um. Farshid Saljuqi hat sich in den vergangenen Jahren um die Durchführung der Projekte in Afghanistan gekümmert. Bis die Taliban im August wieder die Macht übernommen haben. 

Unerwartete Veränderungen

Als die Nato im April dieses Jahres beschlossen hat, dass sie ihre Truppen aus Afghanistan im Sommer abziehen wird, da habe er sich um die Zeit danach nicht gesorgt, sagt Farshid Saljuqi. Denn die Regierung habe der Bevölkerung damals glaubhaft versichert, dass das Militär gut aufgestellt ist. An einen Kollaps hat er damals nicht gedacht, sagt er.

Sogar als die ersten Kreisstädte an die Taliban gefallen sind, hat die Regierung gesagt, dass das taktisches Vorgehen sei und man sich die Städte zurückholen werde. Sie haben damit versucht zu verhindern, dass die Menschen Angst vor den Taliban haben.

Farshid Saljuqi

Ein Leben in Afghanistan wie damals, vor 2001, das konnte oder wollte er sich vielleicht nicht vorstellen. Farshid Saljuqy war Schüler als die Taliban das erste Mal von 1996 bis 2001 an der Macht waren. Als die Taliban 2001 besiegt wurden, habe sich das Leben für viele Menschen in Afghanistan komplett verändert, sagt Farshid Saljuqi. "Nach dem Kollaps der Taliban 2001 gab es einen Aufwind in Afghanistan. Alles startete neu. Die Unterstützung der internationalen Truppen und Organisationen brachte Erneuerung in ganz vielen verschiedenen Bereichen: in der Wirtschaft, in der Gesellschaft und in der Politik. Es gab einen großen Rückhalt für die neue afghanische Regierung. Nach rund sechs Jahren unter dem Regime der Taliban hatten die Menschen wieder Aussicht auf Hoffnung."

Und einer dieser Menschen war er. Farshid Saljuqi studierte damals Betriebswirtschaftslehre in Kabul und begann 2004 für internationale Organisationen zu arbeiten. Die ersten Jahre, in denen die internationalen Truppen im Land waren, sind für Farshid Saljuqi gute Jahre gewesen. Es habe viel Erneuerung gegeben in vielen verschiedenen Bereichen. Die neue afghanische Regierung habe großen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt. 

Die Wirtschaft lief wieder an, es gab viele Projekte, die gestartet sind, viele Jobangebote. Alles wurde normaler.

Farshid Saljuqi

Nach wenigen Jahren seien, vor allem in Kabul, die Selbstmordattentate und Anschläge wieder mehr geworden. Doch daran sei man als Mensch, der in Afghanistan lebt, gewohnt. "Leider", wie Farshid Saljuqi sagt. 

Ungewisse Wochen

Am 15. August 2021 nahmen die Taliban Kabul ein. Der Präsident floh aus dem Land. Menschen drängten an den Kabuler Flughafen um irgendwie noch aus dem Land zu kommen. "Als die Taliban nach Kabul gekommen sind, haben sie zuerst angekündigt, dass denen, die für die Ausländer gearbeitet haben, nichts passieren würde. Das hat für ein bisschen Ruhe gesorgt."

Die Situation veränderte sich. Wurde aber – vor allem für Menschen, die für die ehemalige Regierung oder für internationale Organisationen und andere Regierungen gearbeitet hatten – nicht besser. Im Gegenteil. "Menschen, die für die Ex-Regierung gearbeitet hatten, wurden von den Taliban gefangen genommen. Die Adressen der Menschen, die für die Ausländer gearbeitet haben, wurden gesucht."

Saljuqi blieb mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern zu Hause: ein Appartement in einem Wohnkomplex, in dem viele Menschen, die für internationale Organisationen gearbeitet haben, wohnten. "Menschen wurden an den Checkpoints der Taliban gestoppt. Es wurden ihre Handys überprüft, um rauszufinden, wer da vor ihnen steht. Das wurde immer besorgniserregender." Doch Saljuqi harrte aus. An Flucht dachte er da noch immer nicht so richtig, sagt er heute.

Bis unser Büro von den Taliban okkupiert wurde. Und ich lebte nur ein paar hundert Meter entfernt. Und dazu kommt noch, dass nur ein paar Meter entfernt von meinem Appartment ein Checkpoint der Taliban stand. Ich habe die von meiner Wohnung aus sehen können.

Farshid Saljuqi

Da sei klar gewesen, dass er mit seiner Familie aus dem Land muss. Denn jetzt wussten die Taliban nicht nur seinen Namen und dass er für internationale Organisationen gearbeitet hatte. Sie wussten auch wie er aussieht. Und das habe die Situation noch viel gefährlicher gemacht. "Sie haben dann natürlich auch die Bilder im Büro gesehen. Und wussten dadurch, wer ich und die anderen sind. Und die haben mich erkannt und gesagt, dass sie wissen, wo ich wohne. Und dann war klar, dass mir nichts anderes mehr übrig bleibt als den Ort zu wechseln.“

Zunächst versteckten sie sich in Kabul. Dann flohen sie über den Landweg nach Pakistan. Seine Frau, seine Kinder und er. Farshid Saljuqi sagt, dass es nicht schwierig gewesen sei, ein Visum für Deutschland zu bekommen. Andere Menschen haben da wahrscheinlich andere Erfahrungen gemacht. Zwanzig Tage lang waren sie in Islamabad in Pakistan. Dann kamen sie nach Deutschland. 

Freude und Sorgen

Seit Mitte Oktober lebt Farshid Saljuqi mit seiner Familie jetzt in Bremen. Er sei erleichtert, dass seine Kinder, seine Frau und er jetzt in Sicherheit seien. Durch die Straßen laufen zu können, ohne Angst haben zu müssen, dass im nächsten Moment eine Autobombe explodieren könnte, sei ein gutes Gefühl. Dass die Kinder einfach draußen spielen können, sei befreiend. Trotzdem denke er viel an die Kolleginnen und Kollegen, die noch in Afghanistan seien. Denn nicht alle, die für Borda arbeiten, konnten ausreisen. Man entscheide je nach Gefährdungslage, heißt es dazu von der Organisation. 

Farshid Saljuqy
Farshid Saljuqi in seinem Büro bei Borda. Bild: Radio Bremen

Für Farshid Saljuqi macht es das Ankommen hier schwerer, sagt er. Denn auf der einen Seite sorge er sich um die Menschen vor Ort, auf der anderen Seite müsse er sich hier um organisatorischen Dinge wie das Beantragen einer Aufenthaltserlaubnis, Kontoeröffnung und Sprachkurse kümmern. Gleichzeitig weiß er nicht genau, wie es weitergeht. Er wird weiter für Borda arbeiten. Die Arbeit für Afghanistan wird zukünftig von Tadschikistan aus koordiniert. Und sobald sein Visumsantrag bearbeitet ist, wird Farshid Saljuqi von dort aus arbeiten. Denn niemand weiß,, wie sich die Situation in Afghanistan verändern wird. Seine Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein friedliches Miteinander in Afghanistan, sei in den vergangenen drei Monaten zerstört worden, sagt Farshid Saljuqi.

Ein Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe hebt am frühen Morgen auf dem Fliegerhorst Wunstorf in der Region Hannover ab.

Rückblick: 49 evakuierte Personen aus Afghanistan in Bremen angekommen

Bild: DPA | Hauke-Christian Dittrich

Autorin

  • Maren Schubart

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November 2021, 19:30 Uhr