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Affenpocken breiten sich im Norden aus: Wann erwischt es Bremen?

Affenpocken-Viren unter dem Elektronenrastermikroskop (Archivbild)
Bild: DPA | RKI/Freya Kaulbars

Die Affenpocken sind auf dem Vormarsch, auch in Norddeutschland. Einen Grund zur Panik sehen RKI und Bremer Gesundheitsressort aber nicht. Es drohe keine neue Pandemie.

Noch sind aus Bremen keine Fälle bekannt. Dass die Affenpocken aber auch das kleinste Bundesland erreichen werden, scheint unvermeidlich zu sein. Seit Mai dieses Jahres breitet sich das Virus immer weiter in Deutschland aus. Mit Stand vom 14. Juni sind dem Robert Koch-Institut bislang 229 Fälle aus elf Bundesländern übermittelt worden, darunter auch Fälle aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen. Das sollten Bremerinnen und Bremer über Affenpocken wissen:

Was sind Affenpocken überhaupt, und wie verläuft die Krankheit?
Affenpocken sind eine pockenähnliche Erkrankung, die durch das Affenpocken-Virus verursacht werden. "Im Gegensatz zu den seit 1980 ausgerotteten Menschenpocken verlaufen Affenpocken in der Regel deutlich milder; die meisten Menschen erholen sich innerhalb von mehreren Wochen", teilt das Robert Koch-Institut dazu mit. Erste Symptome der Krankheit seien Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Einige Tage nach dem Auftreten von Fieber entwickelten sich Hautveränderungen. Die betroffenen Hautpartien durchlaufen laut RKI simultan die Stadien vom Fleck bis zur Pustel, ehe sie verkrusten und schließlich abfallen.

"Der Ausschlag konzentriert sich in der Regel auf Gesicht, Handflächen und Fußsohlen", schreibt das RKI dazu. Die Haut- und Schleimhautveränderungen könnten aber auch auf dem Mund, den Genitalien und den Augen gefunden werden. In der Regel hielten die Symptome zwischen zwei und vier Wochen an und verschwänden ohne Behandlung von selbst.
Wie bereitet sich Bremen auf die Affenpocken vor?
Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts, betont, dass die Affenpocken für die Gesundheitsämter bislang "keine Ausnahmesituation" darstellten. "Auch schon vor Corona gab es meldepflichtige Infektionserkrankungen, die durch die Gesundheitsämter nachverfolgt wurden, wenn es zu Infektionen kam", so Fuhrmann. Dennoch hätten sich die Ämter mit den Symptomen der Affenpocken befasst und das Fall-Management besprochen. Werde aus einem Labor oder von einem Arzt ein Affenpocken-Verdachtsfall oder ein bestätigter Fall an ein Gesundheitsamt übermittelt, so werde das Amt die Kontakte des Infizierten nachverfolgen.

Dazu erklärt Fuhrmann: "Dabei geht es um enge Kontakte, da bei den Affenpocken ein enger Kontakt zu Infizierten nötig ist, um eine Übertragung zu ermöglichen." Sowohl die Infizierte Person als auch die Kontakte müssten in der Folge für 21 Tage in Isolation beziehungsweise Quarantäne. Auch werde der Fall ans RKI gemeldet.
Virologe Andreas Dotzauer im Studio von buten un binnen.
Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer glaubt nicht, dass es zu einer Affenpocken-Pandemie kommt. Bild: Radio Bremen
Wieso verbreiten sich die Affenpocken überhaupt auf einmal in Deutschland, und wie wird das Virus übertragen?
Restlos geklärt ist diese Frage derzeit offenbar noch nicht. Normalerweise steckten sich Menschen vor allem an Tieren mit dem Virus an, teilt das RKI mit, Übertragungen von Mensch zu Mensch seien selten. Ungewöhnlich an der aktuellen Lage sei zudem, dass das Virus in Menschen ohne Reise-Vorgeschichte nachgewiesen wurde. Sie hatten sich offenbar durch engen Kontakt mit Infizierten angesteckt. Bislang hätten sich in Deutschland fast ausschließlich Männer mit wechselnden Sexualpartnern mit Affenpocken infiziert. "Das Virus kann aber auch außerhalb dieser Gruppe auftreten", sagt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Affenpocken könnten auch durchs Kuscheln mit Infizierten oder durch Küsse über die Schleimhäute übertragen werden.
Kann aus den Affenpocken eine Pandemie werden?
"Ich erwarte nicht, dass das zu einer neuen Pandemie wird", stellt Virologe Dotzauer klar und fügt hinzu: "Selbst bei einer Infektion ist die Wahrscheinlichkeit, andere anzustecken relativ gering." Denn der Übertragungsweg des Affenpocken-Virus, ausschließlich über sehr engen Kontakt, sei nicht besonders effektiv, nicht zu vergleichen etwa mit Corona, das auch über Aerosole übertragen werde. Zudem sei die Inkubationszeit der Affenpocken von etwa ein bis drei Wochen relativ kurz, zumindest verglichen mit dem HI-Virus, das der Infizierte theoretisch sein Leben lang weitergeben könne.

Wie Dotzauer sagt auch das Robert Koch-Institut mit Blick auf die Affenpocken: "Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland wird nach derzeitigen Erkenntnissen als gering eingeschätzt."
Wieso heißen die Affenpocken überhaupt Affenpocken, obwohl doch offensichtlich auch Menschen daran erkranken?
"Uns Menschen geht es in diesem Punkt genau wie den Affen: Wir sind Fehlwirte", erklärt Dotzauer. Denn im Normalfall infizierten sich verschiedene Nagetiere mit dem Virus, Affen und Menschen viel seltener. "Affenpocken heißen nur Affenpocken, weil sie bei Affen erstmals entdeckt worden sind", erklärt der Virologe.
Schwarzweiß-Foto von einer Massen-Pockenimpfung im Jahr 1960
Die Pocken konnten mit weltweiten Impfungen in den sechziger und siebziger Jahren ausgerottet werden. Für die Impfung mussten die Impflinge den Arm freilegen. Bild: dpa
Wer sollte sich gegen Affenpocken impfen lassen?
Um der Verbreitung des Affenpocken entgegen zu wirken, hält der Bremer Virologe Andreas Dotzauer die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) vom 9. Juni für sinnvoll. Die STIKO empfiehlt, den derzeit noch knappen Impfstoff bevorzugt gefährdeten Personen anzubieten. Dazu zählt die Kommission "Männer, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben" sowie "Personal in Speziallaboratorien mit gezielten Tätigkeiten mit infektiösen Laborproben, die Orthopockenmaterial enthalten, nach individueller Risikobewertung durch Sicherheitsbeauftragte".

Außerdem empfiehlt die STIKO die Impfung nach einer möglichen Ansteckung und zwar "so früh wie möglich im Zeitraum von bis zu 14 Tagen (…) nach engem körperlichem Kontakt über nicht-intakte Haut oder über Schleimhäute mit einer an Affenpocken erkrankten Person".
Was für Impfstoffe stehen gegen Affenpocken zur Verfügung?
In der Europäischen Union ist laut STIKO mit Imvanex ein Monokomponentenimpfstoff gegen die Affenpocken zugelassen. Dotzauer bezeichnet Imvanex als "modifizierten Kuhpocken-Impfstoff", der sehr wirksam sei. Wie die Affenpocken zählten auch die Kuhpocken zu den Orthopocken und befielen hauptsächlich Nagetiere, könnten aber ebenfalls vom Tier auf Menschen übertragen werden, so Dotzauer.

Die STIKO empfiehlt zur Grundimmunisierung der Impflinge zwei Impfstoffdosen im Abstand von bis zu 28 Tagen. Bei Personen, die in der bereits gegen Pocken geimpft wurden, reicht laut STIKO eine einmalige Impfstoffgabe aus.
Immer wieder hört man, dass diejenigen, die früher gegen Pocken geimpft worden sind, auch ohne weitere Impfung gut vor Affenpocken geschützt seien. Stimmt das?
Zumindest ziemlich gut, sagt der Virologe Dotzauer. Denn die echten Pocken, die Kuhpocken und die Affenpocken seien einander ähnlich. Allerdings lasse die Wirkung der Impfung mit der Zeit nach. Dotzauer empfiehlt daher Risikogruppen eine Auffrischungsimpfung, wie es auch die STIKO vorschlägt.

Allerdings sind in Deutschland, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Männer und Frauen gegen Pocken geimpft, die deutlich über 40 Jahre alt sind. Denn 1980 hat die WHO die Pocken für ausgerottet erklärt. Flächendeckend sind die Menschen in Deutschland nur bis Mitte der siebziger Jahre gegen das Virus geimpft worden. "Man hat dazu die Haut der Impflinge am Oberarm eingeritzt", sagt Dotzauer. Noch heute zeugten davon kleine Narben an den Armen der Impflinge von einst.

Fälle und Symptome: Lauterbach und Wieler informieren zu Affenpocken

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, 15. Juni 2022, 12:12 Uhr