"Wenn ich nicht komme, kommt keiner": Ärztin für Bremens Obdachlose

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Ehrenamt im Ruhestand. Die 72-jährige Gabriele Steinbach hilft Bremer Obdachlosen auf der Straße und ist dabei nicht nur Ärztin, sondern auch Seelsorgerin.

Gabriele Steinbach sucht ihre Patientinnen und Patienten auf der Straße. Kalle kennt sie schon länger. "Er hat schnelle Fäuste", sagt sie und gerne mal ein blaues Auge. Die 72-Jährige findet ihn am Rathaus. Er sitzt unter den Arkaden auf der Steinbank und lächelt fast spitzbübisch. Dabei schiebt er die Baseballmütze hoch. Zwei blutige Schnittwunden werden sichtbar.

Obdachloser mit Vollbart, Brille und beigem Hut.
Obdachloser mit Fuß-Problemen: "Sie regelt alle meine Sachen" Bild: Radio Bremen

"Ich hatte einen kleinen Unfall", sagt er, wie ein kleiner Junge, der Mist gebaut hat. Und erzählt eine abenteuerliche Geschichte. "Oh nein", ruft Gabriele Steinbach und holt gleich Wasser zum Säubern, Heilsalbe und ein großes Pflaster aus ihrem lilafarbenen Rucksack. Ob es wirklich ein Unfall war? Egal. Pflaster drauf, Käppi drüber und man sieht fast gar nichts mehr. Bei Kalles Kumpel misst die Obdachlosen-Ärztin den Blutdruck, während er einen Tetra Pak Rotwein zur Seite stellt. "120 zu 80", murmelt Gabriele Steinbach.

"Ist det jut?", fragt er berlinerisch. "Det ist jut", antwortet sie im gleichen Dialekt. "Dann kriege ich ja nochmal TÜV, 'ne Plakette am Arsch", freut sich der Angetrunkene. Alle lachen. Ein kurzer Schnack noch, dann schultert Gabriele Steinbach ihren Rucksack. Sie muss weiter, ihre Mittwochsrunde abfahren. Immer mittwochs kümmert sich die pensionierte Ärztin um die medizinische Versorgung von Menschen ohne festen Wohnsitz.

Ohne Gabriele Steinbach würden viele nicht zum Arzt gehen

Mit ihrem grünen Fahrrad fährt sie quer durch die Innenstadt. Vor dem Hauptbahnhof liegt Rosi auf einer Matratze. Ihr Gesicht ist käseweiß mit roten Pusteln. Die 33-Jährige lebt seit sieben Jahren auf der Straße. Wie viele Obdachlose möchte sie nur mit ihrem Vornamen genannt werden.

"Ich gebe Dir Creme für die Pickel. Hier kannst du es gut drin aufbewahren", sagt Gabriele Steinbach und füllt einen Strang in ein kleines gelbes Plastikrund, das Innere eines Überraschungseis. "Das finde ich super, das hilft auch total viel", sagt die ausgemergelte Frau. Sie freut sich über die Betreuung, aber selbst zum Arzt gehen, "nö, das mache ich eher nicht."

Das ist bei vielen Obdachlosen so. Oft aus Scham, manchmal haben sie keine Krankenversicherung. Zwar bietet der "Verein zur Förderung der medizinischen Versorgung Obdachloser im Land Bremen" an drei Standorten eine Notversorgung an. Doch für ihre Schützlinge ist die Hürde oft immer noch zu hoch, in die Praxisräume zu gehen. Deshalb macht Gabriele Steinbach quasi Hausbesuche auf der Platte, als Ärztin, aber auch als Seelentrösterin.

"Viele wollen einfach ein paar Worte loswerden"

Manchmal sind es Worte, mal Salben und Pflaster. Starke Tabletten darf sie nicht geben. Wenn es akut ist, ruft die resolute Frau den Notarzt. Den älteren Mann, der immer an der Haltestelle am Busbahnhof sitzt, hat sie überzeugt, mit ihr ins Krankenhaus zu gehen. Wolfgang heißt er. Sein Fuß ist schlecht durchblutet und wund. Viele Besuche hat es gedauert, bis der 64-Jährige der Ärztin vertraute.

Die anderen Ärzte haben gesagt, mein Fuß muss abgenommen werden. Dann habe ich sie getroffen und sie hat gesagt, es bleibt alles dran. Sie regelt alle meine Sachen.

Obdachloser mit Fußproblemen

Gabriele Steinbach sagt: "Ich habe ihm gesagt, dass ich den Fuß sehen muss. Nach ständigen Ausreden hat er dann irgendwann den rechten Schuh ausgezogen und da liefen Maden auf seiner Socke. Da sagt er: 'Huch, wie kommt das denn?'". Jetzt ist ihr der Mann im zerschlissenen Anzug dankbar: "Die anderen Ärzte haben gesagt, mein Fuß muss abgenommen werden. Dann habe ich sie getroffen und sie hat gesagt, es bleibt alles dran. Sie regelt alle meine Sachen."

Berührungsängste kennt die 72-Jährige nicht. Als frühere Oberärztin der Gefäßchirurgie im Klinikum Bremen-Nord hat sie schon einiges erlebt. Und auch als Rentnerin möchte sie nah bei den Menschen sein. Rund 500 Wohnungslose leben in Bremen und viele von ihnen sind gebildete Menschen, die in die Abwärtsspirale geraten sind. Krankheit, Jobverlust, Trennung, häufig Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen. Die Lebensläufe gleichen sich.

"Wenn ich nicht komme, kommt keiner"

Auch Klaus Döring ist abhängig von Alkohol und anderen Drogen. Er sitzt im Rollstuhl und bettelt beim Domshof. Sein linkes Bein ist dick geschwollen, vernarbt und verfärbt. Während Fußgänger schnell den Blick abwenden, sieht Gabriele Steinbach genau hin. "Das kommt vom Drogenmissbrauch, dann ein Abszess, eine Thrombose und die transplantierte Haut ist nicht gut angewachsen", erklärt sie. Jahrzehnte auf der Straße hinterlassen Spuren. "Seit 30 Jahren schlafe ich draußen", sagt Klaus Döring.

"Wenn ich nicht komme, kommt keiner", erklärt Gabriele Steinbach ihre Motivation für ihr Ehrenamt. "Außerdem macht es mir Spaß und ist ein bisschen auch sinnvoll", sagt sie lachend und zieht weiter. Ihre mobile Sprechstunde ist noch nicht vorbei.

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Autorin

  • Anke Kültür

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Oktober 2021, 19:30 Uhr