Kommentar

Traut euch die "Seute Deern" aufzugeben!

Die "Seute Deern" in Bremerhaven: Sie rottet, sie brennt, sie sinkt – und alle wollen sie unbedingt retten. Zu Unrecht, findet unser Kommentator – und fordert eine öffentliche Diskussion.

Die gallionsfigur an der Seuten Deern

Schon zweimal ging es der "Seute Deern" in diesem Jahr an den Kragen. Einmal, im Februar, als der Dreimaster brannte. Und schon wieder, als die Bark letztes Wochenende ins Hafenbecken sank. Seitdem liegt sie dort, windschief und halb versunken.

Die öffentlichen Reaktionen waren berechenbar. Bürgermeister Melf Grantz (SPD) stellt sich seit jeher hinter das Schiff, seine Koalitionäre auch. Ein eigener Arbeitskreis aus Bürgern und Politikern hat sich beharrlich um ein Sanierungskonzept bemüht, auch das Schifffahrtsmuseum selbst hat – wenn auch oft nur halbherzig – sein Interesse an der "Seute Deern" bekundet. Doch niemand in Bremerhaven hat öffentlich die zentrale Frage gestellt: Brauchen wir die "Seute Deern"? Oder ist es besser, sie sterben zu lassen und dutzende Sanierungs-Millionen anders zu investieren?

Das Schiff als Touristenattraktion? Nicht nachweisbar

Diese Frage zu stellen, das gehört sich in Bremerhaven aber nicht. Vielmehr gelten einige Annahmen als gesetzt. Die "Seute Deern" sei, erstens, eine Attraktion, ein Wahrzeichen, ein Touristenmagnet. Sie gehöre, zweitens, unbedingt zur Identität eines jeden Bremerhaveners. Und beides gelte, drittens, in einem Maße, das Investitionen von Dutzenden Millionen rechtfertigt.

Aber das stimmt nicht. Erstens: Dass die Massen zur "Seute Deern" stürmen, ist nicht nachweisbar. In den offiziellen Tourismus-Statistiken taucht das Schiff gar nicht erst auf, im Gegensatz etwa zum benachbarten U-Boot "Wilhelm Bauer". Auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum, zu dem die "Deern" gehört, landet auf den hinteren Plätzen.

Maritime Schrottimmobilie und unkalkulierbare Kosten

Seute Deern im Hafen
In der Nacht zu letztem Freitag sank die "Seute Deern" auf den Hafengrund. Seitdem ist sie in Schieflage. Bild: Jens Freygang

Zweitens: Ja, die "Seute Deern" hat im Erinnerungsschatz der Bremerhavener einen besonderen Platz: Wohl fast jeder hat hier schon mal gegessen, viele haben hier sogar geheiratet. Doch die Bürger stehen mitnichten einmütig vor dem Traditionssegler. In den sozialen Netzwerken halten sich Pro und Kontra die Waage. "Für alles ist Geld da, nur nicht für solche schönen Sachen" gegen "Das soll so sein, das Schiff ist Schrott, entsorgt es endlich, bevor es noch mehr sinnloses Geld kostet": Hier gibt es viel Kritik an den Sanierungsplänen, auch bei Straßenumfragen von buten un binnen haben viele die Groß-Investition abgelehnt.

Und drittens: das Geld. Die "Seute Deern" ist eine maritime Schrottimmobilie. 34 Millionen Euro soll die Sanierung kosten, wenn denn die Kalkulation eingehalten wird. Sollte die Sanierung nun überhaupt noch möglich sein, kämen auf immer und ewig hohe (und dann immer höhere) Erhaltungskosten dazu – für ein Schiff, das am Ende wohl nur dem Wohlgefühl der Bremerhavener Vergangenheit dient.

Dreimaster ohne echte Geschichte

Ja, die "Seute Deern" ist das letzte Schiff ihrer Bauart. Aber sie ist nicht aufgeladen mit Geschichte wie die "Cutty Sark" in London, einem Wahrzeichen der Seehandelsnation England, oder wie die historische Navy-Fregatte "USS Constitution". Die 100-jährige "Seute Deern" schipperte die meiste Zeit nicht über Flüsse und Meere, sondern lag als abgetakeltes Restaurantschiff hier und dort. Seit Jahren rottet sie in Bremerhavens Museumshafen vor sich hin – und ist dem Schifffahrtsmuseum, das sich zunehmend als Forschungsmuseum versteht, wohl eher ein Klotz am Bein.

Es werden immer wieder andere Konzepte ins Spiel gebracht: von der gläsernen Werft bis zum museumspädagogischen Event-Schiff. Aber ob das eine 34-Millionen-Investition wirklich rechtfertigt, auch wenn der Bund die Hälfte übernähme?

Darum: Traut Euch, die alte Dame aufzugeben – oder bringt belastbare Argumente, sie doch zu erhalten.

Seute Deern – ein verfluchtes Schiff?

Die Seute Deern in Bremerhaven beim Brand im Frühjahr 2019

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Dezember 2018, 19.30 Uhr