Kommentar

"Erdgas ist das bessere Elektro!"

Günstig und umweltbewusst Auto fahren? Ja, das geht, man mag es kaum glauben. Mit Erdgas. Nur weiß das kaum jemand – denn dieses Thema wird in der täglichen Mobilität-der-Zukunft-Diskussion einfach ausgeklammert. Stattdessen wird E-Mobilität als Klimaretter dargestellt. Weit gefehlt, findet unsere Kommentatorin Maike Albrecht.

Schriftzug Ich fahre mit Erdgas
Bild: imago | Seeliger

Ich kann es nicht mehr hören. Der Hype um die E-Mobilität ist oberflächlich und kurzsichtig. Mal eben schnell das grüne Gewissen beruhigen, die Welt besser machen. Saubere Luft, leise Innenstädte: Ein Paradies. So einfach ist es nicht. Denn klimaneutral betrieben werden E-Autos nur mit Ökostrom, das tanken aber längst nicht alle. Viel schlimmer ist aber das Erbe, das sie schon vor dem ersten Kilometer mit sich rumschleppen. Denn die Herstellung der großen Batteriezellen ist extrem energieaufwendig. Eine Untersuchung des schwedischen Umweltinstituts IVL kam unlängst zu dem Ergebnis, dass ein Tesla S acht Jahre fahren muss, um auf die gleiche Klimabilanz zu kommen wie ein Verbrennungsmotor. Einen Erdgas-betriebenen Kleinwagen könnte man demnach im Vergleich satte 200.000 Kilometer fahren, bis er die gleiche Klimabilanz hat. Ach ja, und dann sind da ja noch die Kobaltminen im Kongo, wo Tausende Kinder für unsere Batterien schuften.

Politik und Konzerne halten das Thema klein

Nein danke, da fahre ich doch lieber Erdgas. Auch wenn diese Antriebsart offenbar keine Lobby hat. Warum, ist mir ein Rätsel. Ein Erdgas-Auto hat im Vergleich zum Benziner quasi null Ausstoß von Feinstaub und rund 67 Prozent weniger Stickoxid-Emissionen. Das ist das Ergebnis des ADAC Ecotests 2017. Die Luft in unseren Städten würde deutlich sauberer werden, wenn viel mehr Menschen mit Erdgas fahren würden. Dazu ist auch der CO2-Ausstoß rund 35 Prozent niedriger. Noch mehr Argumente gefällig? Tankt man mit Bio-Erdgas, also Biomethan, fährt man quasi klimaneutral.

Die Politik und die Automobilkonzerne halten das Thema aber klein. Zwar hat VW gerade großspurig angekündigt eine Erdgas-Offensive zu starten, neue Modelle auf den Markt zu bringen und das Tankstellennetz von 900 auf 2.000 bundesweit auszubauen – ob das aber so kommt, bezweifle ich stark. Denn schaut man beispielsweise Werbespots, in denen mit der Diesel-Abwrack-Prämie geworben wird, tauchen die Erdgas-Modelle nicht auf. Auch auf den Internetseiten muss man schon wissen, was man sucht, will man sich über Erdgas informieren. Die Autohändler sind kaum besser aufgestellt. Angucken? Probefahren? Geht meistens nicht.

Kurzsichtige Förderung

Die Politik gibt kein besseres Bild ab: In Ländern wie Italien hat eine gezielte Förderung zu einem großen Anstieg von Erdgasautos geführt. In Deutschland wird jedes Mal wieder diskutiert, ob der erniedrigte Mineralölsteuersatz beibehalten wird. Anfang des Jahres wurde das beschlossen – bis 2026. Das ist doch kein Zeitraum, mit dem ein Konzern, ein Händler, ein Energieversorger oder ein Autofahrer planen kann! Kein Wunder, dass sich Nachfrage und Infrastruktur nicht weiterentwickeln.

Alles nach dem Motto: Wenn das Gute ganz nahe liegt – bloß schnell die Augen zumachen.

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. September 2017, 19:30 Uhr