Kommentar

Bremen ist vieles – aber nicht jeck

Wenn im Rheinland am 11.11. um 11:11 Uhr auf den Tischen getanzt wird, passiert in Bremen (fast) nichts. Ein karnevalistischer Kommentar von Angela Weiß.

Traurige Spaßmacher sitzen auf einer Stufe (Archivbild)
Auch wer in Bremen gerne feiern würde – viel passiert hier um 11:11 Uhr nicht. Bild: DPA | Uta Poss

Seit fast zehn Jahren lebe ich jetzt im Norden und fühle mich hier pudelwohl. Ich liebe den Bremer Snack, mag den trockenen Humor der Menschen, Knipp, Kohltouren, die norddeutsche Gelassenheit und das schier unendlich große Werder-Herz, das in der Stadt schlägt. Es gibt allerdings eine Zeit im Jahr, in der ich Heimweh ins Rheinland habe. Zu Weihnachten, Silvester, Ostern oder an Geburtstagen kann man es sich auch in Bremen schön machen. An Karneval allerdings nicht.

Fremde küsst man nicht

Ich habe schnell gemerkt, dass die Bremer ziemlich wenig von Verkleidungen, Konfetti oder Bützjer halten. Ein Bützjer, das ist ein Kuss auf die Wange, den man gerne und oft an Karneval verteilt. An Menschen, die man kennt, oder an Menschen, die eben gerade neben einem stehen. Ekelhaft, denkt sich da der Bremer. Auch Schunkeln kommt hier auf Partys oder beim Freimarktsumzug eher schlecht an. Zu eng. Dazu dumme Kostüme anziehen? Ungern.

11.11. – na und?

In der Nähe von Köln bin ich mit dem Karneval und all seinen Traditionen aufgewachsen. Egal ob zu Hause, im Kindergarten, in der Schule oder in den Büros– überall fiebert man im Rheinland diesem Tag entgegen. Von klein auf lernt man kölsche Lieder, ab 11:11 Uhr war früher immer die Schule vorbei. Schwer haben es Auswärtige, die versuchen, nach 11:11 Uhr Kölner Büros anzurufen. Denn Frau Schmitz, Herr Küppers und Herr Neu sind schon seit dem Morgen nur Frosch, Nonne und dicke Hummel. Ein Fässchen Kölsch und der Mettigel tun ihr Übriges.

Warum das Ganze? Am 11.11. um 11:11 Uhr startet die neue Karnevalssession. Im Prinzip ist dann für etwa drei Monate Karneval, mit seinem Höhepunkt an Rosenmontag im Februar oder März. Am liebsten bin ich als leidenschaftliche Karnevalistin mittendrin: in Köln am Heumarkt, den Dom im Rücken. In diesem Jahr fällt das allerdings aus. Ich bleibe in Bremen.

Rot-Weiss-Bremen und Sambakarneval

Was kann ich also erleben? Wo finde ich Orte, an denen ich nicht schräg angeguckt werde, wenn ich um kurz nach 11 Uhr eine Konfetti-Kanone starte? Es gibt sie, die wenigen Bremer Jecken, die am 11.11. die Fahne des Karnevals hochhalten. Der Karnevalsverein Rot-Weiss-Bremen etwa. Die Mitglieder werden um 11:11 Uhr zwar nicht den Marktplatz erbeben lassen, aber immerhin sind sie da.

Wo, wenn nicht in der Ständigen Vertretung im Schnoor, dem Kölsch-Laden schlechthin in Bremen, wird am 11.11. gefeiert, denke ich mir. Stimmt – allerdings erst um 19:11 Uhr. Wie bitte? Auch die Bremer Sambakarnevalisten feiern den Sessionsstart. Um 12:12 Uhr. Bitte? "In Bremen ist alles etwas anders", heißt es auf der Homepage. Was bleibt also? Ein Kölsch um 19:11 Uhr? Trommeln um 12:12 Uhr? Vielleicht ist es dann doch der WDR-Livestream und die heimische Couch. In diesem Sinne: Bremen, Alaaf.

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. November 2017, 23:20 Uhr