Kommentar

Gender-Verbot: Bremerhavens Politik schießt sich ins Vorgestern zurück

Fünf Männer und eine Frau sitzen an einem langen Tisch.
Die Bremerhavener Koalition (Hier beim Unterzeichnen des Koalitionsvertrags) haben ein Problem mit Gendersternchen. Bild: Radio Bremen | Sonja Klanke

Gender-Debatte per Beschluss beendet: Mit ihrem skurrilen Vorgehen gerät die Koalition inhaltlich und machtpolitisch ins Abseits, meint buten-un-binnen-Reporter Boris Hellmers.

Bremerhaven ist eine Stadt, deren Politik sich – diesen Eindruck muss man manchmal haben – gern im Gestern bewegt. Vieles wirkt wie einbetoniert in den Achtzigern. Und das sind nicht nur viele Gebäude oder die legendär vorgestrige Pro-Auto-Politik der CDU oder die intransparente Machtpolitik im Stadthaus. Doch jetzt überrollt ein Zukunftsthema die Stadt mit überraschendem Tempo – endlich: Alles spricht über Gendersprache.

Gut so, denn darüber sollte ergebnisoffen gesprochen werden. Wird es aber nicht. Denn geredet wird nur darüber, dass die Bremerhavener Koalition aus SPD, CDU und FDP das Thema per Blattschuss erledigt hat. Die Koalition werde sich ab sofort nicht mehr mit Verwaltungsvorlagen befassen, die Gender-Elemente enthalten. Punkt, Ende.

Rechtschreibung als Maß aller Dinge?

Für SPD-Chef Sönke Allers ist, das sagte er in den Medien, die regelkonforme deutsche Rechtschreibung das Maß aller Dinge. Und weil die keine Gender-Merkmale vorsieht, will man sich mit Texten, die solche enthalten, erst gar nicht auseinandersetzen. Das wirft interessante Fragen auf: Klar, man kann der Stadtverwaltung solche Vorschriften wohl machen. Was aber, wenn gegenderte Vorlagen anderer Fraktionen kommen? Gehen die dann einfach zurück an den Empfänger, Annahme verweigert? Oder stimmt die Koalition dann prinzipiell aus grammatischen Gründen dagegen? Und noch ein heißes Ding: Was passiert eigentlich mit den Pressemitteilungen der so rechtschreibsensiblen SPD, die unter allen Parteien, die mit den meisten Schreibfehlern sind? Dürfen die noch raus? Wenn wir in der Redaktion beschlössen, uns mit solchen Zuschriften nicht mehr zu befassen: Wir würden viel Zeit sparen.

Warum auch die Bremerhavener CDU gendersensible Sprache ablehnt, ist schnell erklärt: Ein Blick auf die Seite der Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung zeigt drei – klar, Männer. Und zwar drei, die zumindest beim flüchtigen Hinsehen alle nach demselben Stratum aussehen. Frauen tauchen wortwörtlich erst in zweiter Reihe auf: Vielleicht braucht da tatsächlich niemand ein Genderzeichen, genau wie im Magistrat: Unter den hauptamtlichen Dezernenten sind null Frauen. Von Transpersonen ganz zu schweigen. Thorsten Raschens Vorschlag, einfach ein Kleingedrucktes anzuhängen, es seien immer alle gemeint (und das Thema damit für immer zu versenken) passt dazu.

Frauenfreie FDP-Fraktion

Bei der FDP sieht es noch düsterer aus: Unter den drei Stadt-Parlamentariern ist überhaupt keine Frau. Auch im Kreisvorstand sitzen nur vier Männer, unter den neun Beisitzerinnen und Beisitzern ist eine Frau. Liberal zu sein, das scheint in Bremerhaven eine männliche Domäne zu sein. Und das erklärt wiederum die Angst des Kreisvorsitzenden Hauke Hilz, bei der Einführung von Genderzeichen nicht mehr Mann sein zu dürfen. Ja, er sagt, es gehe ihm um die Verständlichkeit der Sprache. Aber in der Nordsee-Zeitung sagt er auch: "Ich bin nun mal ein Herr Hilz und werde auch gern so angesprochen." Welche Transition er für sich mit der Einführung einer gendergerechten Sprache erwartet, wäre interessant. Noch interessanter wäre eine Antwort auf die Frage, wie man denn denen gerecht werden will, die eben nicht gern als Herr oder Frau angesprochen werden wollen, weil sie damit eben nicht angesprochen sind.

Ganz im Ernst: Wie können sich gleich drei Parteien so ins Abseits schießen? Am Thema gendergerechte Sprache wird auf allen Ebenen gearbeitet. Es gibt kein Gesetz, nach dem der Staat sich sklavisch an den Duden halten muss. Aber es gibt hochinstanzliche Urteile, die gerade vom Staat verlangen, alle Menschen anzusprechen. Das Land Bremen und die Stadtverwaltung Bremerhaven haben an diesem Thema lange gearbeitet und einleuchtende Vorschläge bearbeitet, wie man dieses Recht umsetzen kann, auch ohne die Sprache zu verbiegen. Das alles als Politik arrogant wieder einzureißen, ohne darüber eine offene Debatte geführt zu haben, es sogar zu verbieten, nur weil man es eben kann: Das ist Denken von vorgestern, gegossen in Machtgehabe aus den Achtzigern. Auch das ist übrigens: rein männlich.

Darum soll Bremerhavens Verwaltung auf Gender-Sternchen verzichten

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Januar 2022, 19:30 Uhr