Kommentar

Und Bremen kann doch Wahlkampf

Zuletzt bewegten sich Bremens Politiker scheinbar schlafwandlerisch durch den Wahlkampf. Jetzt sind sie definitiv aufgewacht, findet unser Regionalchef Frank Schulte.

buten un binnen – Wahllokal

Wahllokal mit Spitzenkandidaten

Ich bin erleichtert. Sehr sogar. Bremen kann Wahlkampf. Bremer Spitzenkandidaten können tatsächlich leidenschaftlich streiten. Hatte ich in den vergangenen Wochen eher das Gefühl, dass man sich wechselseitig Valium in den Tee gekippt hatte, ist das jetzt vorbei.

Es ging zur Sache im Wahllokal – und das lag nicht unerheblich am amtierenden Bürgermeister Carsten Sieling. Den hatte offenbar noch gerade rechtzeitig zur Wahlsendung von Radio Bremen ein Weckruf erreicht – ein Weckruf in Form nackter Zahlen: Kein Spitzenkandidat der SPD hat in den vergangenen 20 Jahren vor einer Wahl so schlechte persönliche Werte eingefahren wie der amtierende Präsident des Senats Carsten Sieling. Lausige 39 Prozent der Befragten hatten in einer Vorwahl-Umfrage von Radio Bremen angegeben, Sieling direkt zum Bürgermeister zu wählen, wenn das möglich wäre.

Diese Zahl ist ein Desaster – und wenn die Redakteure Sieling und seinem Team vor der Sendung auch nicht die genaue Zahl nannten, die Tendenz war sonnenklar, und damit auch, dass der SPD-Spitzenkandidat im Wahlkampf nicht wie bisher weitermachen konnte.

Sieling kämpft ohne Netz und doppelten Boden

Um einmal zu erklären, wie dramatisch die Lage ist: Sein Vorgänger Jens Böhrnsen konnte sogar 2015, als die politische Großwetterlage der SPD für bremische Verhältnisse schon ordentlich Gegenwind bescherte, noch von einem Bonus des Amtsinhabers profitieren – mehr als die Hälfte der Befragten hätte Böhrnsen damals direkt gewählt. Alles futsch.

Es war klar: Sieling kämpft ohne Netz und doppelten Boden. Sein Herausforderer Carsten Meyer-Heder lag mit 31 Prozent Zustimmung bedrohlich nah, so etwas hatte es in den bremischen Wahlkämpfen der letzten Jahrzehnte nicht gegeben. Von einem Amtsbonus, von dem ja immer die Rede ist, war nichts zu merken.

Bürgermeister tritt die Flucht nach vorne an

Sieling tat das einzig richtige: Er trat die Flucht nach vorne an, für seine Verhältnisse angriffslustig und mutig. Man muss wissen, dass das eigentlich nicht Sielings Rolle ist. In den letzten Wochen gab er eher den Amtsinhaber, der mit präsidialer Attitüde den Wahlkampf mehr verwaltet, als bestreitet. Fleißig ja, überall zu finden, aber blass und manchmal sogar ziemlich unglücklich agierend.

Jetzt also die neue Strategie. Gleich zu Beginn attackierte Sieling CDU und FDP mit deren mehr oder minder greifbaren Privatisierungsabsichten. Zweimal kanzelte er seinen Herausforderer Carsten Meyer-Heder ab: "Sie sind hier nicht in ihrem Unternehmen, wo sie wie der Herr im Haus regieren können" und auf den vermeintlich unerfahrenen Quereinsteiger gemünzt: "Schuster, bleib bei deinen Leisten".

Herausforderer Carsten Meyer-Heder ist jetzt schon ein Wahlgewinner

Sogar vor seinem Koalitionspartner, den Grünen, machte Sieling nicht Halt und lieferte sich mit deren Spitzenkandidatin Maike Schaefer ein Wortduell zur Frage, wie Bremens Schüler Lesen lernen. Als Sieling gegen Ende gefragt wurde, ob ihm der Wahlkampf eigentlich Spaß mache, da flötete er direkt in die Kamera, dass er sich momentan wie Werders Kruse und Rashica in einer Person fühle. Okay, das war ein bisschen sehr dicke. Aber es sagte viel darüber, was den SPD-Spitzenkandidaten an diesem Abend antrieb.

Sein Herausforderer Carsten Meyer-Heder agierte im Vergleich dazu mit bremischer Gelassenheit und spulte seine "Ich-bin-neu-und-das-ist-mein-Programm"-Strategie ab. Der Herausforderer kommt damit an, er ist schon jetzt ein Wahlgewinner. 31 Prozent der Befragten in der aktuellen Vorwahl-Umfrage von Radio Bremen würden ihn direkt wählen, wenn das möglich wäre. Von solchen Werten konnte die CDU in der Vergangenheit nur träumen.

Es war ein Abend, der Lust machte auf eine vielleicht doch noch heiße Endphase des Wahlkampfs – und dazu trugen übrigens nicht nur die beiden Carstens bei.

Mehr zum Thema buten un binnen-Wahllokal:

  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen Wahllokal, 8. Mai 2019, 20:15 Uhr